Aiways U5: Starker Erstling mit Konditionsschwäche

Attila Langhammer

11 Okt. 2021

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Der Aiways U5 ist ein Newcomer auf dem Automarkt, der einiges anders macht. Trotz kurzer Entwicklungszeit und relativ günstigem Preis hat er nämlich einiges auf dem Kasten – wo seine Stärken (und Schwächen) liegen, erfährst Du in diesem Fahrbericht

YesAuto Bewertung:

80/ 100

Diese Bewertung wird durch unser Team nach umfangreichen Tests des Autos verfasst.

YesAutos umfassende Bewertungskriterien berücksichtigen jeden Aspekt eines Autos. Außerdem berücksichtigen sie, wie das Auto in Verhältnis zu anderen Autos der gleichen Kategorie steht. Unten sind die Kriterien, nach den jedes Auto bewertet wird, aufgelistet. Die Autos können pro Kriterium maximal 10 Punkte erhalten, was zu einer Note von insgesamt 100 Punkte führen kann.

  • Qualität und Design der Fahrzeuginnenausstattung
  • Fahrzeuginnenausstattung bezüglich der Technologie
  • Innenraummaße
  • Kofferraum
  • Motorleistung
  • Sparsamkeit des Motors
  • Fahrt und Komfort
  • Handling
  • Antriebs- und Sicherheitstechnologie
  • Gebrauchstauglichkeit

Elektroautos werden, statt nach Leistungsfähigkeit und Sparsamkeit, mit bis zu 10 Punkte nach den folgenden Aspekten bewertet:

  • Batterie und Motor
  • Reichweite und Ladegeschwindigkeit


Aiways U5? Noch nie gehört/gelesen/gesehen? Aiways ist eine junge chinesische Automarke, gegründet 2017 und der U5 ist das erste Modell der Marke – ein Vollelektro-SUV das nach nur dreijähriger Entwicklungszeit bereits seit 2020 in einigen europäischen Ländern verkauft wird. Und für ein Debut-Modell, das kann ich hier vorwegnehmen ohne zu viel zu verraten, ist der U5 ziemlich gut geworden.


Das ist der Aiways U5


Der U5 von Aiways ist der Größe nach ein Mittelklasse-SUV mit 2,80 Meter Radstand und einer Gesamtlänge von 4,68 Meter. Mit dem üppigen Raumangebot beider Sitzreihen und dem großvolumigen Kofferraum kann er aber auch locker eine Klasse weiter oben mitspielen. Das Kofferraumvolumen gibt Aiways mit 432 Liter an, aber hier ist dem jungen Hersteller ein naiver Anfängerfehler unterlaufen – denn es wurde wirklich nur zwischen Abdeckung und Ladeboden gemessen. Werden die Staumöglichkeiten darunter mit ausgelotet, addieren sich noch mal fast 200 Liter dazu und das Volumen wächst auf über 600 Liter; maximal gingen bis zu 1750 Liter in den U5.

Und wenn ein E-Auto so einen tiefen Kofferraum hat, dann befinden sich Antrieb und Motor vorn. Letzterer ist in diesem Fall eine permanenterregte Synchronmaschine, die 150 kW (Äquivalent 204 PS) und 310 Newtonmeter Drehmoment leistet. Laut Aiways ist das Aggregat etwa 15 Prozent kleiner als vergleichbare Motoren. Gespeist wird der Elektromotor von einer 63-kWh-Batterie, die – E-Auto-klassisch – im Unterboden verbaut ist. Dieser Antriebsstrang reicht bei einem Leergewicht von 1645 Kilo für einen Null-Hundert-Sprint in 7,5 Sekunden – und das glaube ich auch ohne Messung, denn der U5 geht kraftvoll voran. In der Spitze wird er aber nicht schneller als 150 km/h.


So fährt der Aiways U5


Trotz Vorderradantriebs und reichlich Drehmoment versucht der U5 aber so gut wie nie, Dir das Lenkrad aus der Hand zu reißen. Erst bei Nässe oder der Kombination aus starkem Lenkeinschlag und hartem Gasbefehl zupft der Antrieb etwas unmanierlich in die Lenkung. Überhaupt ist diese Lenkung äußerst zeitgemäß abgestimmt: ausreichend direkt, mit genügend Präzision und ein wenig Rückmeldung von der Vorderachse gibt's auch noch. Ähnlich passend verhält sich das Fahrwerk, erst bei einer starken Folge von vielerlei Unebenheiten verlieren die Federbeine etwas die Beherrschung und wollen ein wenig break-dancen. Wenn Du Dir nun vor Augen führst, das es sich bei dem U5 um einen Erstling handelt und das andere Importeure beide Kapitel oft weniger fein abstimmen, dann kann ich hier nur eine starke Leistung attestieren.

Darüber hinaus passen auch die meisten Komfortparameter: die Sitze sind bequem und langstreckentauglich; die Klimaanlage sorgt auf Wunsch für richtig kalte Luft mit Druck – selbiges lässt sich für den gleichnamigen Geräuschgenerator im MG ZS EV (und in anderen E-Autos) nicht immer konstatieren; und auch still ist es im Aiways, problemlos bis 120 – schneller als 150 fährt er ja nicht, nur bei kräftigem Seitenwind gibt es ein paar diffuse Klänge. Lediglich beim Bedienkomfort stelle ich aufgrund der großflächigen Ver-Touchung einige Abstriche fest: Helligkeit von Kombiinstrument und Infotainment, Leuchtweitenregulierung und viele Optionen mehr lassen sich nur übers Infotainment einstellen – und das ist während der Fahrt nicht so einfach, denn die Menüs sind zwar nicht tief, aber sehr umfangreich.

Auch die drei Fahr- und die drei Rekuperationsmodi – schwach, normal, stark – lassen sich nur über den Touchscreen wählen. Und während das für die Fahrprogramme noch in Ordnung sein mag, scheint mir das für die Rekuperationspräferenz zu umständlich, denn die möchte ich noch öfter an die Fahrsituation anpassen als das Fahrprofil. Bei der Rekuperation geht Aiways zumindest in puncto Fahrgefühl einen ganz eigenen, angenehmen Weg. Denn zwischen der rekuperierenden Bremswirkung und dem Moment, in dem Du den Fuß vom Gas nimmst, vergeht etwa eine Sekunde und die Bremsung wird leicht eingeleitet. Daraus ergeben sich zwei Vorteile: zum einen bleibt das nickende Fahrgefühl aus, das bei dem sofortigen Wechsel zwischen Gas-und-Bremsbefehl in anderen Fahrzeugen ergibt und auch das leicht widerständige Gefühl, das im Rekuperationsmodus die Gaspedale der Konkurrenz auszeichnet, gibt es hier nicht. Einen Einpedal-Fahrmodus, der den U5 bis zum Stillstand abbremst, gibt es nicht.

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Bis hierher viel Lob, ich weiß – aber es gibt auch einen elementaren Kritikpunkt, der das gute Gerüst ein wenig ins Wanken bringt: die Reichweite. Für den Aiways U5 in der Ausstattung Premium wird die WLTP-Reichweite mit 400 Kilometer angegeben – ein Wert, den ich nicht annähernd erreichen konnte. Mehr als 300 Autobahn-Kilometer schienen mir auch an einem Sonntag mit über 25 Grad, Tempo 95 und trotz Verzicht auf die Klimaanlage nicht realistisch. Das ist nicht nur ein Wermutstropfen sondern eher schon ein Schnapsglas voll.


Geladen wird der U5 positiver Weise an der Fahrzeugfront; am Schnelllader übrigens mit maximal 90 kW und für die Aufladung von 20 auf 80 Prozent Akkukapazität gibt Aiways die Ladedauer mit 35 Minuten an. Schön ist, das der Hersteller nicht nur das klassische Hausladekabel für die Steckdose dazu gibt sondern immer auch das AC-Ladekabel Typ 2.


Welche Ausstattungen gibt's beim Aiways U5?


Den U5 gibt es in den zwei Ausstattungslinien Standard (ab 35.993 Euro) und Premium (ab 39.070 Euro). Weil der Aiways ein vollelektrisches Fahrzeug ist, profitiert er vom Umweltbonus der Bundesregierung; der Hersteller hat seinen Anteil von 3000 Euro von dieser Preisangabe schon abgezogen, Du kannst im Falle des Kaufs noch einmal 6000 Euro subtrahieren. So punktlandet der Preis für den Basis-U5 ganz knapp unter der 30.000-Euro-Marke – und das ist in Anbetracht des Ausstattungsumfangs ziemlich stark.

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Denn das Premiummodell trennen nur ein paar Verwöhn-Extras – unter anderem 19-Zoll-Räder, Ledersitze, Parkpiepser vorn, Einparkassistent, Panoramadach – von der Basis. Und das heißt auch, dass der günstigere U5 ebenfalls alle Sicherheitsassistenten an Bord hat, die Aiways anbietet: Adaptivtempomat, Ausparkradar, Notbremsassistent, Verkehrszeichenerkennung, Spurverlassenswarner, Spurhalteassistent, Totwinkelüberwachung und noch ein paar mehr. Alle diese Helfer funktionieren quasi tadellos. Der Spurhalteassistent gefiel mir besonders, weil er das Fahrzeug nicht mit einem harten Impuls von der Fahrbahnmarkierung abstößt, kurz bevor sie angefahren würde, sondern weil er schon ein paar Sekunden vorher mit einem linear aufbauenden Lenkimpuls sanft von der Linie wegführt. Das fühlt sich an wie eine leichte magnetische Abstoßung und ist viel angenehmer, weniger überraschend, als die teils recht eckigen Eingriffe bei anderen Autoherstellern.

In Kombination mit dem Adaptivtempomat folgt der U5 auf der Autobahn dann auch dem Verkehrsfluss selbstständig. Aber hier hatte ich immer wieder den Eindruck, dass der Spurhalteassistent sich wie an einer Orientierungslinie an einer Fahrbahnmarkierung langhangelt, also permanent zur Linie hinfährt, sich abstößt und dann wieder den Kontaktpunkt sucht; teils fühlte sich das wie ein kleiner Widerstand im Lenkrad an.


Wie gut ist der Aiways U5 denn nun?


Neuartige Vertriebsstruktur und auch im Auto ein paar überraschende Lösungsansätze, gut abgestimmter Fahreindruck, umfangreiche Basisausstattung mit ansprechender Qualitätsanmutung – so hat der Aiways U5 mein Autoherz ziemlich schnell beeindruckt. Insbesondere, weil ich mir immer wieder vor Augen gehalten habe, dass der Wagen das Erstlingswerk eines vier Jahre jungen Autoherstellers ist und dass das Auto (mit Förderprämie) für unter 30.000 Euro zu haben ist. BÄM!


Dieses gute Gefühlt hält auch jetzt noch an, aber jegliche Langstreckenfahrten haben mich mit der gleichbleibend geringen Reichweite immer wieder ernüchtert. 300 Kilometer sind sicher für viele Mobilitätsprofile ausreichend, aber ein Auto dieser Größe und Ausstattung lädt ja gerade zu rum Reisen ein – und das ist für den U5 leider keine leichte Übung.


(Fotos: YesAuto)

Attila Langhammer

11 Okt. 2021