Alfa Romeo Giulia GTA/GTAm: Track-Test in Balocco

Arne Roller

21 Mai. 2021

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Die neueste Giulia ist für den Renneinsatz optimiert und kostet doppelt so viel wie die Quadrifoglio-Variante. Wir durften das 540-PS-Geschoss auf Alfas eigener Versuchs-Strecke in Balocco testen.

(Fotos: Alfa Romeo)



Balocco es ist das Herz von Alfas Motorsport-Abteilung. Hier entwickelten die Autodelta-Ingenieure 1965 bereits die erste Giulia GTA, eine Rennsportlegende nicht nur unter den vielen erfolgreichen Alfa Romeo-Sportwagen. Allein im Jahr 1966 gewann die GTA über 300 Rennen. Zu ihren Erfolgen zählen die Tourenwagen-Europameisterschaften 1967, 1969, 1970, 1971, 1972, 1978 und 1979. Die erste GTA war im Motorsport über rund ein Jahrzehnt äußerst erfolgreich.


Das 550 Hektar große Areal in Balocco ist heute ein Testgelände für die Marken des FCA-, oder jetzt seit neustem, des Stellantis-Konzerns. 27 verschiedene Track-Kombinationen mit insgesamt 80 Kilometern Strecke gibt es auf dem riesigen Gelände. Darunter auch Offroad-Strecken. Aber die haben uns heute nicht zu interessieren. Schließlich geht es um Asphalt-Sportwagen, die neue Giulia GTA und die Rennsportvariante GTAm mit Überrollkäfig und Schalensitzen. Sie sind Alfas Geschenk an sich selbst zum 110. Geburtstag. Der Marktstart im Juli 2021 kommt dafür eigentlich ein Jahr zu spät. Aber die Vorstellung 2020, 110 Jahre nach der Gründung 1910, zählt. 


Gleichzeitig bedeuten GTA und GTAm auch das Beschreiten des neuen Weges, den Stellantis-Chef Carlos Tavares für die Marke Alfa Romeo vorgesehen hat. Alfa soll im Konzergebilde als Performance-Marke glänzen. Das ist nichts bahnbrechend Neues für den Hersteller mit dem klangvollen Namen. Schließlich war man auf diesem Gebiet so gut wie immer auf die eine oder andere Weise präsent. Was Racing-Pedigree und Motorsport-Erfolge angeht, muss sich Alfa Romeo vor niemandem verstecken. Künftig sollen sich die Produkte wieder verstärkt auf diesen Aspekt konzentrieren. Da passt das Geburtstagsgeschenk gleich zur neuen Strategie.   



GTA, GTAm, che cosa?


GTA, das steht für Gran Turismo Allegerita. Letzteres bedeutet so viel wie “leichter gemacht”. Und genau das taten die Alfa-Ingenieure: Schon die GTA ist 100 Kilogramm als die GiuliaQuadrifolgio. Die GTAm, deren kleines “m” für “modificata” steht, bringt es bei der Gewichtseinsparung dank der Carbon-Schalensitze (-30 kg) und der fehlenden Rückbank auf 150 Kilogramm (1.545 kg).



Anteil an der Verschlankungungskur haben debenfalls die Brembo-Keramikstopper (gut 20 kg) und die neue Akrapovic-Titanabgasanlage (-10 kg). Dazu kommen leichtere Fahrwerksfedern und die 20-Zoll-Felgen mit Single-Nut Verschluss.



Die vielen Kohlefaserbauteile sparen zusätzlich 10 Kilogramm ein: Die komplette Front, die Motorhaube, das Dach und sogar die vorderen Kotflügel bestehen aus dem Leichtbaumaterial. Die Heck- und hinteren Seitenscheiben bestehen bei der GTAm aus Polycarbonat. 

Der 2,9-Liter-Biturbo-V6 leistet jetzt 540 PS und damit 187 PS pro Liter Hubraum. Klassenbestwert. In 3,6 Sekunden geht es von null auf Hundert. Alfa macht eine angepasste Motorsoftware und die Auspuffanlage dafür verantwortlich. Außerdem drehen die Turbos jetzt etwas höher. Auch neu: eine optimierte Pleuelstange, verbesserte Kolbenbodenkühlung und einen zusätzlicher Ölkühler. Selbstredend versorgen größere Lufteinlässe den Motor mit mehr Luft.

Für den Bodenkontakt sorgt Mischbereifung von Michelin: vorne und hinten breite Pilot Sport Cup 2 Connect-Reifen in den Dimensionen 265/30/20 und 285/30/20. Die Spurbreite ist gegenüber der QV vorne um 25 und hinten und 15 Millimeter erhöht.  



Das gesamte Aero-Kit für die GTA entwickelten die Alfisti zusammen mit dem Formel-1-Partner Sauber. Die Frontschürze, eine Vielzahl an Winglets, Flicks, Luft-Ein-/ und Auslässen, der Heckdiffusor sowie der große Heckspoiler der GTAm – alles erprobten die Ingenieure im Windkanal des Schweizer Rennstalls. Der Sauber-F1-Sticker auf den Karbon-Schwellerflicks kommt also nicht von ungefähr. 



Sowohl der Front- als auch Heckspoiler sind manuell justierbar. Ersterer senkt sich zudem ab 110 km/h automatisch ab. Stellt man alles auf maximale Downforce ein, erreicht die GTAm den dreifachen Anpressdruck der QV


Beide Geschosse, die GTA und GTAm sind zusammengenommen auf 500 Exemplare limitiert. Auf Dashboard ist die laufende Nummer verewigt. 



Alfa Rome Giulia GTA/GTAm: Am Anfang eine Ausfahrt ins Grüne


Als Erstes setze ich mich in eine rote GTAm. Im Innenraum ist der auffälligste Unterschied von GTA und GTAm im Vergleich zur Giulia Quadrifoglio die intensive Nutzung von Alcantara. Der italienische Stoff hat einen großen Vorteil: er reflektiert nicht. Das kann in einem Rennen durchaus vorteilhaft sein. Das komplette Dashboard und auch die Türschalen sind daher mit dem weichen und edlen Material bezogen.



Hinten ersetzen ein Überrollbügel und ein fest installierter Feuerlöscher die Rückbank. Zum normalen Anschnallgurt gibt’s in der GTAm zusätzlich auch einen Vierpunktgurt. Man hat also die Wahl zwischen “Rennverzurrung” und Alltagsriemen. Für eine erste Überlandfahrt im Umland der “Balocco Proving Grounds” reicht mir vorerst der Otto-Normal-Gurt. 



Beim Genuss der sonnigen italienischen Berglandschaften rund um den Lago di Viverone zeigt sich schnell, dass die zwei Gurte im Grunde plakativ für die Wandlungsfähigkeit der GTAm stehen. Auch das schöne Track-Biest lässt sich komfortabel bewegen. Die drei Fahrmodi des dna-Systems machen es möglich. Stelle ich den Regler auf „n“ für Normal, zeigen sich Federung und Fahrwerk erfreulich alltagstauglich. Zusätzlich lassen sich ich die Federn per Knopfdruck nochmal weicher stellen.

So kann man die Track-Giulias locker hunderte Kilometer auf eigener Achse zu einem Rennen fahren, ohne am Ziel total verstaucht auszusteigen. Das gilt sogar für die GTAm mit ihren Schalensitzen. Leder- und Alcantarabezug sei Dank. 



Alfa-Test-Track in Balocco: Avanti, e veloce!


Zurück in Balocco ist es Zeit für den Track-Test: Da der Alfa Romeo-Testkurs keine öffentliche Rennstrecke ist, war es im Vorfeld kaum möglich, sich auf den Kurs vorzubereiten. YouTube-Videos schauen, um Bremspunkte etc. zu studieren? Die Strecke in einer Renn-Simulation üben? Fehlanzeige. 

Somit geht es für mich in einem 178.000 Euro teuren Auto, dessen Grenzen ich ertesten will, auf einen unbekannten Kurs. Es ist eine würzige Mischung. Vielleicht sogar ein Rezept für Desaster?


Zunächst begebe ich mich mit einer GTA samt Instruktor auf dem Beifahrersitz auf den Track. Einfach reinspringen ins kalte Wasser heißt das Gebot der Stunde. Eine Runde habe ich, um den Track zu lernen. Immerhin! Aber das reicht natürlich nicht im Geringsten, um alle Kurven, die richtigen Gänge und die Bremspunkte zu verinnerlichen. Non importa, andiamo!  


Die erste schnelle Runde. Die Gangwechsel mit den Paddles selbst übernehmen ist Ehrensache. Wir sind im Dynamic-Modus unterwegs, Dämpfer, Motor und Lenkung sind scharf gestellt, das ESP aber noch aktiv. Und es greift beherzt ein. GTA und GTAm verfügen über keine spezielles Track-ESP. Das Motto lautet „Tutto o niente!“. Entweder ist das ESP sehr präsent und wiegt einen mit vielen Eingriffen idiotensicher um den Kurs. Oder es ist komplett aus.



Meine ersten Runden fühlen sich sehr sicher und kontrolliert an. Fast schon zu sicher. Es kribbelt mir in den Fingern. So bekomme ich das Auto nicht in den Grenzbereich.

Aber noch habe ich eine Chance. Ich steige um auf eine GTAm. Vierpunkt-Gurt festzurren, und ab geht’s. Anfangs eine weitere Runde im Dynamic-Mode. Dann will ich es wissen: In meiner vorletzten Runde bitte ich meinen Instruktor, den Fahrmodi Drehregler auf „Race“ zu stellen und damit gleichzeitig auch das ESP abzuschalten. Er tut es. 



Jetzt kann die GTAm zeigen, was in ihr steckt. Nah am, im oder leicht über dem Grenzbereich fühle ich der GTAm auf den Zahn. Hier geben sich Performance und Fahrfreude die Hand. Minimale Nuancen liegen zwischen dem von jedwedem ESP-Eingriff unberührtem, effizientem Herausbeschleunigen aus der Kurve und potenziellem sowie ganz realem Übersteuern. Ich begebe mich an die Grenzen des Grips, das Heck bricht das eine oder andere Mal leicht aus und ich fange es mit schnellem Gegenlenken wieder ein. Die Power der 540 PS knallen beim Beschleunigen nicht urplötzlich, sondern bauen sich vom Sound der Akrapovic-Anlage begleitet, auf. Die Schaltprozesse hingegen gehen blitzartig vonstatten. 


Hocherfreut über das Fahrvergnügen bedanke ich mich lauthals beim Instruktor für das Vertrauen. Doch zu früh gesprochen: Du sollst den Stint nicht vor der Boxengasse loben. Kurz darauf stelle ich sein Vertrauen auf die Probe, als ich eine Kurve zu schnell in Angriff nehme. Es gibt leichten Kontakt mit dem Gras, die GTAm gehtquer, aber ich kann sie mit einem beherzten Lenkeingriff zurück in die Spur und auf den Asphalt bringen. Hat sicher keiner gesehen, weiter geht’s. Zu meiner Freude ruft mein Instruktor am Scheidepunkt von Gerade und Streckenausfahrt: „Fahr ruhig noch eine Runde.“ Ich bin beruhigt, er hat noch “Restvertrauen”. Gut zwei Minuten später, zurück am Startpunkt, schäle ich mich beseelt aus dem Vierpunktgurt und den Sabelt-Sitzen. Als ich mich umdrehe, drückt mir mein “Fahrlehrer” mit einem breiten Grinsen eine kleine Blume in die Hand. Für einen kurzen Moment bin ich perplex. Dann fällt der Groschen: Natürlich, ein Souvenir vom Unterboden der Giulia.



Alfa Romeo GTA/GTAm: Tutto bene! 


Die Giulia GTAm über eine Rennstrecke zu fahren, ist ein grandioses Erlebnis. Der Sound der Akrapovic-Anlage ist ohrenbetörend, die Keramik-Bremsen von Brembo beißen unvergleichlich hart zu. Die GTAm ist nochmal eine Nummer “krasser”, härter und performanter als die Quadrifoglio. Ausgerüstet mit den Michelin Pilot Sport-Reifen ist sie ein ernstzunehmendes Renngerät. Weniger “heckfreudig”, auch wenn man sie nach wie vor zum Driften bekommt. Ich hätte gerne noch viel mehr Zeit mit dieser schnellen Schönheit verbraucht, als mir vergönnt war. Sowohl der Track als auch das Auto machen am heutigen Tag Lust auf noch (viel viel) mehr. 

Mein “kleiner” Wunsch für die Zukunft: sicher nicht nur ich würde mich über eine Coupé-Version freuen. Schließlich war auch die originale Giulia GTA ein Zweitürer. 



Alfa Romeo GTA/GTAm: Quanto costa?


Kommen wir zum Elefanten im Raum: dem gepfefferten Preis. 173.000 Euro für die GTA, 178.000 für die GTAm. In diesen Gegenden ist die Konkurrenz nicht von schlechten Eltern. Hier muss man vor allem den zweitürigen Sportwagen Porsche 911 GT3 nennen, der ab 170.000 Euro zu haben ist. Nicht falsch verstehen: Mit der Limitierung auf 500 Stück bringt Alfa Romeo sicher alle Exemplare schnell an die Frau oder den Mann. Besonders da die Kauferfahrung ein ganzes Rahmenprogramm bietet: Die Übergabe erfolgt durch einen Alfa Romeo-Markenbotschafter und jedes Fahrzeug bekommt eine Goodwood-Schutzhaube für die Garage. Bei der GTAm kommt der Helm von Bell im GTA-Design und ein individualisierbarer Alpinestars-Rennoverall mit dazu. Stellt sich die Frage, wie viel Zeit einige GTA unter der schönen Schutzhaube in Garagen verbringen, und welche Exemplare ein erfülltes Leben als Track-Tool führen und Siege einfahren dürfen. Den Status als Sammlerstück hat die GTA dank der Limitierung jedenfalls sicher. 



Alfa Romeo GTAm: Technische Daten


Motor: 2,9-Liter-Biturbo-V6

Getriebe: 8-Gang-Automatik

Antrieb: Hinterradantrieb

Leistung: 540 PS bei 6-500 U/min

Maximales Drehmoment: 600 Nm bei 2.500 U/min

Beschleunigung 0-100 km/h: 3,8 s

V-Max: 300 km/h

Normverbrauch: 10,8 Liter

CO2-Emissionen: 244 g/km

Preis: 178.00 Euro

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