Am Anfang war die Schlange: Ein kleiner Ausflug in die Geschichte des Mercedes-AMG GT

Ralf Kund

03 Dez. 2020

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Mit dem AMG GT Black Series lässt Mercedes schon mal ganz leise das Totenglöckchen läuten. Der sportlichste Straßen-Benz wird abgelöst. Der Nachfolger nähert sich wieder mehr den Serienmodellen an. Die Geschichte des AMG GT ist damit noch lange nicht zu Ende und sie erzählt davon, wie sich AMG aufmachte, ein wenig aus dem Schatten der mächtigen Mutter Mercedes herauszutreten.

(Fotos: Mercedes-Benz)


Mit dem AMG GT Black Series lässt Mercedes schon mal ganz leise das Totenglöckchen läuten. Der schnellste und sportlichste Straßen-Benz aller Zeiten wird abgelöst. Der Nachfolger nähert sich mit gleicher Plattform wieder mehr den Serienmodellen an. Die Geschichte des AMG GT ist damit noch lange nicht zu Ende und sie erzählt davon, wie sich AMG aufmachte, ein wenig aus dem Schatten der mächtigen Mutter Mercedes herauszutreten und begann – ja wann eigentlich?

Schauen wir fast 30 Jahre zurück: In den 90ern wagte Mercedes den Schritt in die Formel 1, zunächst als Motorenlieferant für Sauber, dann ab 1995 als Partner von McLaren. 1998 und 1999 holte Mikka Häkkinen für McLaren-Mercedes zwei Weltmeistertitel in Folge. Die volkstümliche Bezeichnung für die Mercedes-Rennautos der Vorkriegszeit war schnell in aller Munde: Die „Silberpfeile“ waren zurück und gaben der Marke eine sportliche Strahlkraft, die sich außerhalb des kleinen AMG-Universums jedoch kaum widerspiegelte. Die Mercedes-Palette stand für höchsten Fahrkomfort, beste Sicherheit, fortschrittliche Technik – aber nicht unbedingt für Sportlichkeit. Der letzte richtige Knaller war der 190 E 3.2 AMG von 1992, danach wurde es fast brav: Die Viertürer der C- und E-Klasse waren zwar motorische Leckerbissen, vor allem, als mit dem C 43 im Jahr 1997 ein prestigeträchtiger Achtzylinder auf der Bildfläche erschien. Doch richtige Sportwagen, die auch querdynamisch hielten, was die bärenstarken Motoren versprachen, waren sie nicht. Die höchste Form der Sportlichkeit verkörperte so für längere Zeit der SL, der von der damals noch als AMG-GmbH firmierenden Tuning-Schmiede bis auf 476 PS im SL 55 AMG gepusht wurde. Ein zweisitziger Sportwagen, klar, aber entstanden wie alle AMG-Projekte aus einem Serienmodell, das man zwar nach allen Regeln der Kunst aufgebrezelt hatte. Aber es blieb eben ein getuntes (Groß-) Serienmodell.

Mercedes-Benz SL 55 AMG


Es dauerte bis 2003, als der SLR McLaren als Gemeinschaftsprojekt der beiden Formel1-Partner auf der Bildfläche erschien und mit seinen Schmetterlingstüren und der brutalen Gewalt von 626 PS aus einem kompressorgeladenen V8 für Aufmerksamkeit sorgte. Der Silberpfeil für die Straße war spektakulär, aber eben kein reines Mercedes-Projekt. Zudem war die Qualität des bei McLaren im englischen Woking gebauten Coupés nicht ganz auf Mercedes-Niveau, sein Fahrwerk hielt auch nicht das, was man sich von einem 450.000 teuren Supersportler erwartete. Von den angekündigten 3500 Exemplaren wurden 2157 Stück ausgeliefert. Es folgten Roadster und Sondermodelle (SLR 722, 722 GT, Stirling Moss – ohne Dach und Windschutzscheibe), die etwas mehr Finesse und Feinschliff zeigten – und noch kostspieliger waren. Doch ein Anfang auf dem Weg zu einem ausgewiesen sportlichen Mercedes der Neuzeit war gemacht. Das CLK DTM Cabrio von 2004, nur 100 Mal produziert und rund 236.000 Euro teuer, kann als Ouvertüre für das gelten, was in den folgenden Jahren von AMG kommen sollte.

SLR McLaren


Mercedes-Benz CLK DTM Cabrio


2005 brachte einen weiteren Stein auf den Weg zu ausgeprägter Sportlichkeit ins Spiel, denn in diesem Jahr wurde die vorherige AMG-GmbH zur hundertprozentigen Tochter von Mercedes. Zwar waren nach wie vor alle AMGs aus der Serienfertigung stammende, modifizierte Modelle, doch der neu eingebundene Haustuner ging jetzt noch einen Schritt weiter: Basierend auf dem Formel1-Safety Car von 2004 und 2005 stellten die Stuttgarter 2006 den SLK 55 AMG Black Series vor, der sich von seinen Serienbrüdern unter vielem anderen durch sein festes Kohlefaserdach unterschied. Und die Sportlichkeit von Mercedes-Straßenautos auf eine völlig neue, vor allem querdynamisch höhere Ebene hob. Es folgten weitere Fingerübungen der AMG-Truppe in Gestalt von CLK 63 Black Series und SL 65 Black Series, die mit weit umfangreicheren Tuning-Maßnahmen, als man das bislang kannte, für bis dato nie dagewesene Sportlichkeit standen. Doch die Fingerübungen hatten noch einem anderen Zweck.

Mercedes-Benz SLK 55 AMG Black Series


Kurz nach der Verschmelzung von AMG und Mercedes kamen die ersten Gerüchte auf: Mercedes plane die Neuauflage seines Flügeltürers 300 SL, komplett neu und eigenständig entwickelt von AMG. Eine große Aufgabe also für den „Haustuner“. Er solle sich zwischen SL und SLR in die Modellpalette einfügen, hieß es, doch in Wahrheit war er als Nachfolger des spektakulären, aber auch fertigungstechnisch teuren SLR geplant. Man munkelte damals von Leistungswerten bis 750 PS, Motor vorn, Antrieb hinten, Doppelkupplungsgetriebe, Flügeltüren – diese Details galten als gesetzt. Es dauerte bis Anfang 2009, bis AMG endlich mit weiteren Infos rausrückte.


Und die ließen aufhorchen: Trockensumpfschmierung, optionale Carbon-Keramikbremsen, Gewichtsverteilung von 48:52 (vorn:hinten), eine mit 1620 kg relativ leichte Alu-Spaceframe-Karosserie, Transaxle-Geometrie mit Torque-Tube als Verbindung zwischen V8 und dem Doppelkupplungsgetriebe an der Hinterachse. Das Gerücht wurde genährt von seltsamen Prototypen, die etwa ab 2008 für Verwirrung sorgten. „Mich wundert nur, dass man nirgendwo etwas darüber liest, die Erlkönig-Bilder sind lachhafte Viper-Fotos, die so rein gar nicht zum Flügeltürer passen“, schrieb damals jemand in einem Mercedes-Forum. Lachhaft war daran nichts, denn aus der Verbindung mit Chrysler gab es eine nutzbare Plattform, auf der die ersten Versuchsträger aufbauen konnten: die der Viper, die mit langer Schnauze und Heckantrieb prinzipiell ein ähnliches Layout hatte, wie der geplante Flügeltürer. Alles andere als lachhaft war auch der Entwicklungsaufwand für das wichtige Alleinstellungsmerkmal des Neuen: die Flügeltüren. Zu Zeiten des 300 SL waren sie keine stilistische Laune, sondern statische Notwendigkeit. In den 2000er Jahren mussten sie weltweiten Sicherheitsvorschriften entsprechen, die etwa verlangten, dass Türen auch dann noch zu öffnen sein müssen, wenn das Auto nach einem Crash auf dem Dach liegt. Mercedes-AMG löste die Aufgabe mit zwei Sprengkapseln im Dach, die im Fall der Fälle die Scharniere am Dach wegsprengten.

SLS


All der Aufwand änderte nichts an der Tatsache, dass der ersten Eigenentwicklung von AMG keine lange Lebensdauer beschieden war. Aber das war so geplant. Nach nur drei Jahren läutete der Black Series die Endrunde an, die 2013 auf der LA Autoshow und der Tokyo Motor Show vorgestellte Final Edition manifestierte das definitive Aus des Supersportlers, dessen Familie mittlerweile auch einen Roadster, den vollelektrischen E-Cell und den Rennableger GT3 angewachsen war. Trotz seines kurzen Lebens war er ein großer Erfolg, sagt Mercedes. Statt der ursprünglich geplanten 9000 Exemplare sollen am Ende rund 11.000 Stück weltweit Kunden gefunden haben. Und noch viel wichtiger: Der SLS war auch eine Fingerübung für das, was danach kam. Und er spielte einen Teil der Entwicklungskosten für seine von Anfang an geplante Ablösung, den AMG GT, ein.


Mit dem wagte sich Mercedes-AMG 2014 auf schwieriges Terrain: Als Gegner von Porsche 911 und Co positioniert, spielte der GT auch finanziell in einer stückzahlenträchtigeren Liga, die jedoch von Porsche sehr gut bespielt und dominiert wurde. Mit rund 100.000 Euro Einstiegspreis lag er deutlich unter dem SLS, er hatte keine aufwändigen Flügeltüren, dafür konnte man auf den Erfahrungen aufbauen, die man mit dem SLS gewonnen hatte. Und das zahlte sich aus. Querdynamisch erschloss der GT eine neue Welt für AMG, sukzessive wurde die Palette nach Vorbild des Porsche 911 mit all seinen Derivaten in alle Richtungen erweitert.


Nordschleifenrekord des AMG GT Black Series


Sportlich kulminiert die Reihe im jüngst vorgestellten Black Series, der das vorgegebene Konzept von allen vergleichbaren Seriensportlern am weitesten ausreizt. Er arbeitet mit ausgeklügelter Aerodynamik, verstellbarem Gewindefahrwerk, einer in neun Stufen regelbaren Traktionskontrolle sowie extremen und speziell angefertigten Sportreifen (vorn: 285er!) und stößt an die physikalischen Grenzen dessen, was das Grundkonzept mit Frontmotor und Heckantrieb hergibt. Ob da noch was geht? Abwarten, denn vielleicht hat Mercedes-AMG ja noch einen Pfeil im Köcher, der 2021 als Final Edition abgeschossen wird.

Mercedes-AMG GT Black Series

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