Challenger accepted: Im Musclecar durch Corona-Deutschland

Attila Langhammer

23 Dez. 2020

1/20
Musclecar und roadtrip gehören zusammen wie Pech und Schwefel. Deshalb bin ich mit dem Dodge Challenger R/T von München ins Technik Museum Sinsheim gebollert und habe mir die Sonderausstellung American Dream Cars angeschaut – Überfluss ist im US-amerikanischen ja essentiell.

YesAuto Bewertung:

/ 100

Diese Bewertung wird durch unser Team nach umfangreichen Tests des Autos verfasst.

YesAutos umfassende Bewertungskriterien berücksichtigen jeden Aspekt eines Autos. Außerdem berücksichtigen sie, wie das Auto in Verhältnis zu anderen Autos der gleichen Kategorie steht. Unten sind die Kriterien, nach den jedes Auto bewertet wird, aufgelistet. Die Autos können pro Kriterium maximal 10 Punkte erhalten, was zu einer Note von insgesamt 100 Punkte führen kann.

  • Qualität und Design der Fahrzeuginnenausstattung
  • Fahrzeuginnenausstattung bezüglich der Technologie
  • Innenraummaße
  • Kofferraum
  • Motorleistung
  • Sparsamkeit des Motors
  • Fahrt und Komfort
  • Handling
  • Antriebs- und Sicherheitstechnologie
  • Gebrauchstauglichkeit

Elektroautos werden, statt nach Leistungsfähigkeit und Sparsamkeit, mit bis zu 10 Punkte nach den folgenden Aspekten bewertet:

  • Batterie und Motor
  • Reichweite und Ladegeschwindigkeit

(Fotos: YesAuto)


Kapitel 1: Der Start


Der Dodge Challenger R/T steht auf dem obersten Deck der Parkgarage Hofbräuhaus. Der dunkelblaue Lack mit dem prophetischen Namen Frostbite fließt ins Blau des aufklarenden Morgenhimmels. Die Stadt scheint noch zu schlafen, Zeit sie aufzuwecken. Ich drücke die Starttaste des Funkschlüssels, der Dodge piept kurz, er hat verstanden. Die Benzinpumpe schnurrt. Der Anlasser klickt. Der Achtzylinder kracht seine Anwesenheit bekannt. Die Xenonscheinwerfer flammen auf und werfen mir aus ihrer tiefen Lage ein Verschwörergrinsen zu.

Das Angeberfeature fetzt und das Kaltstartdonnern taugt dazu, die Corsas und Polos auf heimischen Parkplätzen in rhythmische Schwingungen zu versetzen. In den USA hat es aber auch einen praktischen Zweck, ersetzt im Winter die komplizierte und teure Standheizung: Im tiefsten Winter 15 Minuten vor der Abfahrt einmal kurz doppel-geklickt und der Hemi-V8 taut erst den Dodge und dann den driveway ab.


Kapitel 2: Die Stadt


Rein in die Karre und kurz den Ausblick genießen – der Blick reicht zwar nicht bis zu den Alpen, aber das zerfurchte Dodge-Hills-Blechpanorama entschädigt und weckt statt Wanderlust echten Asphalthunger. Der Motor läuft zwar schon, aber ich muss noch einmal kurz den Startknopf drücken, bevor ich den Achtstufenwandler vorspannen kann. Und für Erstfahrer ist dann Vorsicht geboten, weil das Pedal auf dem ersten Zentimeter spitz wie ein texas toothpick ist. Aber keine Bange, nach wenigen Wiederholungen kannst Du damit völlig ruckfrei anfahren.

Die Abfahrt über die Parkhausrampen des geschätzt etwa 70 Jahre alten Baus gestaltet sich dann recht unkompliziert. Und das obwohl sich die meisten Autos aus der Zeit des Garagenbaus auf der Zehn-Quadratmeter-Grundfläche des Challenger – über fünf Meter lang, zwei Meter breit – problemlos wenden ließen. Auch der eindrucksvolle Frontsplitter hat genügend Abstand zum Boden und passiert die Rampen reibungslos.

Obwohl es nicht nötig wäre, gebe ich mir einmal die Münchner downtown-Dröhnung am Vormittag: viel stop-and-go schult den Umgang mit dem sensiblen Gas, enge Innenstadtkurven sind mit dem großen Brocken überraschend unproblematisch und der niedertourige V8-Bass macht mich selig, obwohl einige Münchner Schnösel in ihren Selbstgefälligkeitsschaukeln höchst rücksichtslos unterwegs sind. Überraschenderweise ist der Dodge im an attraktiven und seltenen Fahrzeugen nicht armen Münchner Stadtverkehr tatsächlich ein eyecatcher – und zaubert manchen Passanten sogar ein freudiges Wow ins Gesicht.


Kapitel 3: Die Autobahn


Die deutsche Autobahn ist zum Glück kein Highway und tatsächlich kann ich an diesem Morgen auf der A8 Richtung Augsburg alle 492 Pferdchen laufen lassen ohne mich strafbar zu machen. Und mit welcher Wonne der 6,4-Liter-Sauger seine Arbeit verrichtet – kein Turboloch, kein kurzatmiger Turbopunch, stattdessen 644 (!) Newtonmeter bei 4100 Touren und das Leistungsmaximum bei 6100 U/min. Aber bei aller Wucht sind diese Werte nicht das schönste am Challenger sondern der Klang, mit dem der Motor sie entfesselt: Aus dem Leerlaufgrollen wächst wütendes Schnauben und das überschlägt sich so brutal, dass die Klangwelle physisch wird und den Challenger wie ein Surfbrett vor sich herschiebt. Und wenn Du auf nasser Fahrbahn zu viel von diesem herrlich linearen Drehzahl-Leistungsapparat forderst, dann surft der Dodge auch ganz real mit volatilem Heck über den Asphalt.

Nur beim harten Volllastbeschleunigen lässt sich zudem der ganze Charakter der Achtstufenautomatik rausarbeiten. Im Standardmodus beweist der Kraftableiter von ZF, dass ein guter Wandler in puncto Komfort jede Doppelkupplungsautomatik in die Tasche steckt: verschliffen, unauffällig und nur dann mit kleinen Zugkraftunterbrechungen, wenn sie extrem untertourig bei etwa 1500 Umdrehungen schaltet. Die anderen Fahrmodi heißen Sport und Track und weil der mittlere tatsächlich die Mitte macht, geht's hier gleich auf Track. Und da werden die Stufen plötzlich reingekracht wie Schüsse aus einem Magnum-Revolver.

Erst in den beiden Modi Sport und Track lassen sich zudem die Schaltpaddles nutzen, die nur oberhalb einer gedachten Linie durch die horizontale Mitte des Lenkrads liegen. Und in diesem Modi leuchtet dauerhaft die ESP-Lampe, weil der Elektronik hier plötzlich die Zügel gelockert werden. Wenn Du Dich gut mit dem Gas verstehst und Dir gern ein paar 305er Sommerreifen auf Halde legst, kannst Du so eindrucksvoll um enge Abbiegungen powersliden. Aber Vorsicht, die Soko Autoposer wird mit so einem auffälligen Hobel quasi zu Deinem treuesten follower.

Die Biene ist Teil der Retro-Folklore, sie erinnert an den Dodge Superbee – Dragstrip-King der Siebziger Jahre


Bei all diesem Fahrfreudenfeuerwerk gab es auf der Autobahn aber auch etwas Ernüchterung. Bei starker Nässe bildet sich ein ordenticher Film auf den 390er/350er-Bremsscheiben – nicht so, dass Du ins Schwimmen kommst, aber beim ersten Anlegen der Scheiben fühlt sich das Pedal ein wenig machtlos an. Unter allen anderen Bedingungen haben die Scheiben aber kein Problem, den Zweitonner im Zaum zu halten.


Kapitel 4: Das Diner


Weil Corona viral gegangen ist, wird mir der Stop bei Mrs. Pepper in Dasing ordentlich verhagelt. Trotzdem stelle ich das moderne ponycar für ein paar Fotos vor dem edelstählernen Fritten-corral ab, beiße kraft meiner Phantasie in einen burger und tunke ein paar Pommes in meinen Milchshake. Also wieder aufsatteln und zum nächsten Stop.


Kapitel 5: Die Eisenbahn


Ungefähr eine Stunde nördlich von Dasing liegt Nördlingen und dort gibt's das Bayerische Eisenbahnmuseum. Die Eisenbahnfreunde sind zumindest jetzt im Winter keine Corona-Opfer, denn von November bis Februar ist hier Winterpause. Von März bis Oktober ist an allen Sams-, Sonn- und Feiertagen von 10 bis 17 Uhr geöffnet, vom 12 Mai bis Ende September außerdem Dienstag bis Freitag, 12 bis 16 Uhr. Wir, Du und ich, wissen jetzt immerhin wo sich die größte private Schienenfahrzeugsammlung Süddeutschlands befindet – und ich werde mir das in Zukunft auf jeden Fall mal anschauen.


Kapitel 6: Country Roads


Von Nördlingen nach Sinsheim sind es noch 170 Kilometer. Und weil mir, ich weiß nicht recht wo – aber vermutlich auf amerikanisch-lässige Weise, die Zeit etwas abhanden gekommen ist, kann ich leider nicht den ganzen Weg über Land fahren. Aber das, was wir, der Dodge und ich, unter die Räder nehmen ist beträchtlich, insbesondere der Unterhaltungsfaktor. Denn trotz seiner opulenten Ausmaße ist der Challenger wie gemacht für die Landstraße; ließ er sich schon unkompliziert durch die Münchner Innenstadt dirigieren wirkt er auf den weiten Landstraßen Bayerns und Baden-Württembergs beinahe heimisch.

Mühelos kann ich das Supersize-Coupé zwischen der Mittelmarkierung und dem Bankett positionieren. Und weil die Zeiten, in denen in US-Autos statt Lenkrädern nur süße Richtungskringel verbaut waren, vorbei sind, und weil der Unterbau des Challenger entfernt mit dem der E-Klasse W210 verwandt ist, macht das Lenken Spaß. LKWs zu Überholen gelingt vergleichbar einfach und schnell wie das Aufpusten und Platzenlassen einer Kaugummiblase – Amerika ist einfach überall, wenn Du diesen Dodge fährst.


Das Einzige was mit der Zeit wirklich nervig fällt, ist das unpräzise Trampeln der Vorderachse. Diese beschwingte Unruhe der anstrengenden Art sorgt für ein unerwünschtes Eigenleben, aber so etwas kann auch schonmal von Winterreifen kommen. Und die trägt der Challenger in 295er Breite.


Kapitel 7: Das Ziel


In all den Jahren, die ich meinen Führerschein habe bin ich schon ziemlich oft auf der A6 von hüben nach drüben gefahren. Und immer fühlte ich mich vom Autobahnpanorama des Technik Museums Sinsheim eingeschüchtert. Immerhin schweben da zwei riesige Ultraschallpassagierflugzeuge, Concorde und Tupolev Tu-144, sowie etliches anderes Fluggerät über den Gebäuden. Aber jetzt auf dem Vorplatz – mitten drin statt nur vorbei – sind sämtliche Bedenken verflogen. Ich habe das Technikmuseum zum Ziel gemacht, weil dort die Dauerausstellung American Dream Cars mit rund 50 Exponaten lockt.

Die gezeigten Fahrzeuge reichen von den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis zur Gegenwart und dabei umspannt dieses Jahrhundert an Automobilen alles was geht: Massenmobilität im Ford Model T, Heckflossen am Cadillac, Funnycars vom Dragstrip und als besonderes Highlight die Blue Flame – das erste Landfahrzeug, das im Oktober 1970 die 1000-km/h-Marke knackte.

Meine drei Highlights der Sammlung sind aber die drei folgenden, weil sie besonders gut zum Dodge passen:

Ford Mustang von 1966: Der Mustang ist das Ur-Musclecar und auch als Challenger-Fahrer zolle ich der Mutter aller Ponies meinen Respekt


Dodge Dart von 1963: Dieser Dodge mit 101-PS-Sechzylinder gehört zur selben Familie, verhält sich zum Challenger aber wie Danny DeVito zu Arnold Schwarzenegger


Ford Galaxie von 1968: Der V8 in diesem Streifenwagen hat ebenfalls 6,4 Liter, kommt aber aus dem Hause Ford. Seinerzeit war er mit 325 PS bestens geeignet um böse Buben auf Trab zu halten


Sollte sich die Corona-Lage entspannen, will das Technikmuseum Sinsheim am 11. Januar wieder aufmachen. Tageskarten für das gesamte Museum kosten 13 Euro, damit kannst Du Dir auch die Amis anschauen. Und weil diese Saison ja ziemlich traurig ablief, solltest Du Dir auf jeden Fall die folgenden Daten merken: Am 6. Mai wird in Sinsheim der 40. Jahrestag des Technik museums gefeiert; am 12. Mai findet der Donut Day statt – ja, hier geht es nicht um etwas zu essen; am 7. und 8. August findet ein US-Car-Treffen statt.


Kapitel 8: Die Eigenarten


Bevor ich nach diesem langen und schönen Tag wieder nach Hause bollere, setze ich mich nochmal kurz mit den Besonderheiten des Dodge Challenger auseinander. Mit Druck auf die Fahrmodustaste öffnet sich nämlich nicht nur einfach eine Ansicht, in der ich auf dem 4:3-Monitor zwischen Auto, Custom, Sport oder Track wählen kann. Da werden auch noch so feine Sachen angeboten wie "Launch Control Rev Limit", "Line Lock", "Shift Light". Mit ersterem lässt sich von 1200 bis 3300 Umdrehungen pro Minute die Anfahrdrehzahl definieren, bei der beim Sprintstart der Kraftschluss zwischen Motor und Automatikgetriebe hergestellt wird. Hier kannst Du Dir also passend zu Reifen, Temperatur und Untergrund das optimale Timing programmieren. Und damit die Gummiwalzen ordentlich auf Temperatur kommen, wird vorher mittels Line Lock der vordere Bremskreis komplett blockiert, während sich die Reifen an der Hinterachse warm drehen können – so lässt sich auch im Stand sexy mit dem Hinterteil wackeln. Und wenn Du auf der Viertelmeile so richtig brillieren willst, dann kommandierst Du natürlich auch den Wandler selbst. Damit das passend zur Umgebung und den eigenen Fähigkeiten optimal gelingt, programmierst Du also auch noch, bei welcher Drehzahl die Schaltempfehlung signalisiert werden soll.

Weniger schön bleibt dagegen die Lage der Türöffner in Erinnerung: die befinden sich unten vorn an der Türverkleidung, etwa auf Höhe der Sitzwange oder des Knies – je nach Fahrerstatur und Sitzposition. Die Außenspiegel mit den us-typischen Vergrößerungsgläsern Der ziemliche schwere Heckdeckel hat weder außen noch innen einen ordentlichen Handgriff zum Öffnen oder Schließen, hier gibt es bei Schmuddelwetter garantiert schmutzige Pfoten – lästig. Die sehr nützliche Rückfahrkamera verschmutzt in ihrer ungeschützten Lage in Rekordgeschwindigkeit.


Kapitel 9: Der Verbrauch


Der 6,4-Liter-V8 ist ein sogenannter Hemi-Motor, das Präfix ist die Kurzform von hemisphärisch und bezeichnet die halbkugelförmigen Brennräume im Zylinderkopf. Mit dieser Bauform steigt der Wirkungsgrad und theoretisch verbessert sich auch der Verbauch. Mir fehlt nun der Vergleich, weshalb ich nicht sagen kann, wie "gut" der Verbrauch nun tatsächlich ist, aber ich hatte mit meiner unbummeligen, eher deutschen Fahrweise immer eine 14 vorm Komma stehen – ich war aber auf keiner genormten Verbrauchsrunde unterwegs und wohne ländlich.

Als ich es dann mal amerikanisch anging, bin ich problemlos unter 13 Liter gekommen. Amerikanisch heißt, ich bin mit vier wichtigen Limits gefahren: 20, 30, 60 und 80 Meilen pro Stunde, kein Problem weil der analoge (und wunderschöne) Retrotacho ohnehin Meilentempo anzeigt. Die vier Limits entsprechen 32, 48, 97 sowie 129 km/h und sind eine klare Orientierung. Dazu habe ich minimalst möglich beschleunigt, wie oben beschrieben schaltet der Wandler dann schon bei etwa 1500 Touren.


Kapitel 10: Das Fazit


Selten hinterließ ein Testwagen bei mir einen solch zwiespältigen Eindruck wie der Dodge Challenger. Für mich als Saugmotorfan wäre der 6,4-Liter-V8 allein schon ein Kaufgrund. Dazu kommt ein – na sagen wir mal, beim Großvater geborgtes – Design, das die Einheitsplastiken der restlichen Hersteller locker in die Tasche steckt. Und auch die relativ unproblematische Alltagsfahrbarkeit trotz großer Räder und martialischem Frontspoiler ist auf ihre Art beeindruckend; ebenso wie der Startpreis von rund 62.000 Euro für solch ein unterhaltsames Auto in der 500-PS-Klasse. Aber:


Auf der anderen Seite nervt die Hemdsärmeligkeit, die sicher ein Teil der us-amerikanischen Lässigkeit ist. Dem Fahrwerk fehlt ein wenig Feinschliff – nach einem langen Tag im Auto steigst Du trotz aller Fahrfreude leicht gemartert aus. Der Zugang zum Kofferraum ist zum Abgewöhnen, aber als unvernünftiger Zweitwagen ist der Challenger zumindest in diesem Paket einfach viel zu teuer. Und das Infotainment ist in puncto Intuitivität leider auch nicht auf der Höhe der Zeit.


360°

Details

Gebraucht

Videos

News

Du weißt nicht, welches Auto zu Deinem Lebensstil passt? Frag YesAuto! Unser Kaufberater zeigt Dir alle Informationen, die Du brauchst um die richtige Entscheidung zu treffen.

Attila Langhammer

23 Dez. 2020