Fahrbericht Nio ES8: Komfortkönig aus China

Mathias Keiber

04 Okt. 2021

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Nio ist in Europa angekommen. Los geht’s in Norwegen mit dem ES8. Wir sind das Auto vor Ort gefahren.

Vermeintliche "Tesla-Killer" kommen und gehen. Tatsächlich geht so manches Elektroauto-Startup (pleite), bevor es kommt (nach Europa). Beispiel: Byton.


Doch nicht so Nio. Das 2014 in Shanghai gegründete Unternehmen hat den Schritt nach Europa zum Oktober erfolgreich vollzogen. Fuß fassen will man zunächst in Norwegen, wo Elektromobilität längst Mainstream ist – und reine Verbrenner bei den Neuzulassungen nurmehr eine Randerscheinung. Eine imposante Erscheinung ist derweil nicht nur das Nio House in der Nähe des Osloer Königspalastes, sondern auch das Modell, mit dem die Chinesen in Norwegen an den Start gehen. Der ES8 ist ein siebensitziges Fullsize-SUV, gut 5 Meter lang, fast 2 Meter breit und mit 1,76 Meter Hohe überragt es auch so manchen seiner Fahrer.


Großzügiger Innenraum mit Wohlfühl-Faktor


Allerdings darf man ein ganzes Stück größer sein, um innen auch in der zweiten Reihe noch richtig viel Platz zu finden. Kniekontakt mit den Vordersitzen dürften wohl nur Basketballer machen. Zwei 1,90 Meter große Menschen passen problemlos hintereinander — und sitzen dabei überaus bequem auf hübschem Nappaleder. Die dritte Sitzreihe lässt sich, insofern nicht gebraucht, im Kofferraumboden versenken, womit das Ladevolumen von 310 auf 871 Liter wächst. Als Sitzgelegenheit eignet sich Reihe drei aber eher für Kinder als für Erwachsene. Legt man die mittlere Sitzreihe um, entsteht ein Kofferraum mit 1901 Litern Volumen.


Als wahrer Komfortkönig erweist sich der Beifahrersitz. Eine ausklappbare Fußstütze in Kombination mit einer ausfahrbaren Wadenauflage lassen einem entspannt die Beine hochlegen. Und weil sich die Rücksitzlehne um 160 Grad zur Sitzfläche spreizen lässt, eignet sich die Gesamtkonstruktion sogar als Schlafgelegenheit – etwa für einen Powernap beim Aufladen.


Immer wach bleibt derweil die Sprachassistentin Nomi, die tennisballgroß zentral auf dem Dachboard sitzt und sich immer der Person zudreht, die sie anspricht. Im Flüsterton sollte das jedoch nicht geschehen. Ein beherztes "Hi, Nomi" findet im Regelfall aber Gehör. Geäußerte Wünsche, etwa nach einer Massage oder anderer Musik, erfüllt sie zuverlässig. Kann Nomi nicht weiterhelfen, lässt sie einem das wissen.

Nur wenige Tasten unter dem Naviscreen, dafür Nomi darüber.


Ebenfalls auskunftsfreudig — und das jeweils mit wirklich vorbildlicher Darstellung — sind das Headup-Display, das digitale Kombiinstrument und der hochformatige Infotainment-Touchscreen. Unter letzterem finden sich eine nur etwa eine Handvoll Tasten sowie der Hebel für Vorwärts- und Rückwärtsgang inklusive Parkknopf. Das Cockpit wirkt somit sehr aufgeräumt, auch der fokussierten, schnörkellosen Gestaltung des Armaturenbretts wegen. Besonders toll: In puncto intuitive Bedienbarkeit lässt Nio viele Hersteller hinter sich. Suchen muss man auf dem Touchscreen kaum was, die Menüstruktur ergibt augenblicklich Sinn.  


Ähnlich den Dimensionen zeigt sich der Antrieb ganz und gar nicht ungeniert: Zwei Synchronmaschinen, die eine an der Vorder-, die andere an der Hinterachse, sorgen zusammen für 540 PS und 725 Newtonmeter maximales Drehmoment. Aus dem Stand soll Tempo 100 damit in 4,9 Sekunden erreicht sein. Sicher ist: Die Beschleunigung des Zweieinhalbtonners ist schwer beeindruckend, insbesondere im Sportfahrmodus. Schluss mit Beschleunigung ist bei Tempo 200 — 100 km/h mehr, als auf norwegischen Autobahnen maximal erlaubt sind. Man kann das Speedlimit auch als energieschonende Maßnahme sehen. Denn umso schneller man fährt, umso schneller geht der Akku zuneige.


Akkuwechsel so schnell wie Volltanken


Zum Marktstart ist der ES8 ausschließlich mit einem Akku mit 100 kWh Kapazität verfügbar, was im WLTP-Zyklus für 500 Kilometer reicht. Die Ladezeit von 20 auf 80 Prozent gibt Nio mit 30 Minuten an, die maximale Ladeleistung mit 100 kW. Benchmark ist das nicht. Einige Elektroautos ermöglichen höhere Ladeleistungen, darunter Audi e-tron, Porsche Taycan, Mercedes EQS, VW ID.3 und ID.4, Ford Mach-E, Polestar 2, Hyundai Ioniq 5 und Kia EV6. Tesla sowieso.


Ein Argument gegen den ES8? Mitnichten. An sogenannten „Power Swap Stations“ lassen sich erschöpfte Akkus in wenigen Minuten gegen vollgeladene austauschen. Im Optimalfall dauert der Vorgang nur drei Minuten. Bei den über vier Millionen Wechselvorgängen, die Nio in China bereits durchgeführt hat, sollen es etwa fünf bis sieben Minuten gewesen sein. Ein immer noch beeindruckender Wert. Und kaum länger als Volltanken inklusive Zahlung.

Eine imposante Erscheinung auch von hinten, der Nio NS8.


Auf den Straßen in und um Oslo gibt der ES8 eine souveräne Figur ab. Das von Continental zugelieferte Luftfahrwerk verbaut BMW auch im X5, Nio hat es im ES8 aber eher auf Freude am weichen Fahren ausgelegt. Ähnlich verhält es sich mit der Lenkung: sehr geschmeidig, aber nicht besonders kommunikativ. Zusammen mit der sehr guten Geräuschdämmung ergibt sich das Bild eines Autos, das Fahrern (und Mitfahrern) den Aufenthalt im Auto zum Komfort-Erlebnis mit „King of the Road“-Feeling macht.


Vergleichsweise zurückhaltend zeigt sich Nio bei der Preisgestaltung: Umgerechnet etwa 67.000 Euro (67.900 NOK) kostet die zum Marktstart verfügbare Variante mit 100-kWh-Akku. Das lässt aufhorchen. Denn bei Full-Size-Premium-SUV mit über 500 PS ist man normalerweise sehr, sehr schnell im sechsstelligen Bereich. Beim ES8 bleibt das ausgeschlossen. Die voll ausgestattete Signature Edition kostet umgerechnet knapp 76.000 Euro (759.000 NOK).


Kommendes Jahr wird es den ES8 auch mit einer 75-kWh-Batterie geben — ab umgerechnet etwa 61.000 Euro (609.000 NOK). Was die für 2023 anberaumte Version mit 150-kWh-Batterie kosten wird, verrät Nio aktuell noch nicht.


Man kann den ES8 aber auch ohne Batterie kaufen. Das Programm nennt sich „Battery as a Service“ und verringert den Anschaffungspreis auf umgerechnet etwa 52.000 Euro (519.000 NOK). Das monatliche Batterie-Abo schlägt bei 100 kWh Kapazität mit umgerechnet rund 200 Euro (1999 NOK) zu Buche, bei 75 kWh mit umgerechnet etwa 140 Euro (1399 NOK). Ein Vorteil: Das Thema Batterie-Degradation ist mit „Battery as a Service“ vom Tisch.


Fazit: Nio macht Premium-Käufern mit dem ES8 ein attraktives Angebot mit starkem Preisleistungsverhältnis – und packt mit der Power-Swap-Technologie noch ein beträchtliches Kaufargument obendrauf, das sonst niemand liefert. Kurzum: Für das Startup könnte es im Wortsinn nach oben gehen.

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Mathias Keiber

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