Fahrbericht Porsche 911 Targa 4S 992: Traumauto trifft Traumstraßen

Attila Langhammer

02 Mai. 2021

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Das ein 450 PS starker Porsche 911 Targa ein nahezu perfektes Roadtrip-Auto ist, dürfte Dich nicht überraschen. Ich habe mir den Favoriten geschnappt, um damit einen echten Autofahrer-Geheimtipp zu erkunden: das Altmühltal

(Fotos: YesAuto)

Braucht ein Porsche 911 noch eine offizielle Vorstellung oder kann der hier einfach so durch die Berichterstattung brausen? Ich denke, eine Vorstellung macht Sinn, denn die Geschichte und die Geschichten hinter diesem deutschen Sportwagen machen einen großen Teil seiner Strahlkraft aus.

Mittlerweile ist der 911 in der achten Generation – Typenbezeichnung 992 – auf dem Markt, aber seine Wurzeln liegen im Porsche 356, einem von 1948 bis 1956 gebauten Sportwagen, der viele Teile aus dem VW-Regal verwendete. Der 356 wiederum ist vor allem das Werk von Ferdinand "Ferry" Porsche, der, frei zitiert "das Auto seiner Träume nicht finden konnte und es deshalb beschloss, es selbst zu bauen." Schon dieser Ur-Porsche trug seinen Boxermotor – mit lediglich vier Zylindern – im Heck und einen großen Drehzahlmesser im Zentrum des Kombiinstruments.

1964 kam der erste 911 als Nachfolger des 356 auf den Markt. Und schon zu diesem Zeitpunkt gab es Gerüchte, das in den USA, damals wie heute einer der wichtigsten Märkte für Porsches Sportwagen, ein Verbot von Cabrios drohe, weil die Autos ohne festes Dach im Falle eines Unfalls deutlich gefährlicher waren. Um dem potentiellen Verbot zuvorzukommen, wurde bei Porsche das Sicherheitscabrio mit herausnehmbaren Dachteil und feststehendem Überrollbügel aus Edelstahl entwickelt. Der Name wurde bei dem sizilianische Straßenrennen Targa Florio entlehnt – und fertig war der Porsche 911 Targa im Jahre 1965.


Seit dem Sommer 2020 gibt es auch den aktuellen Porsche wieder als Targa. Das Dachteil muss zwar nicht mehr von Hand ausgebaut und verstaut werden, stattdessen wird es elektromechanisch aufgeklappt und verschwindet in 19 Sekunden unter der Glaskanzel oberhalb des Motors, aber nach wie vor muss der Targa dazu stehen.

Ganz am Anfang dieses roadtrips steht dieser 911 Targa 4S im Alten Hafen Kelheim. Ein paar Meter weiter fließt die 227 Kilometer lange Altmühl in die Donau und von hier will ich Dich entlang des Flusses mitnehmen durchs schöne Altmühltal. Auf dem Weg gibt's noch drei Ausflugstipps – und jetzt geht's los, auf die erste Etappe.


Gestartet wird so ein Porsche 911 links neben dem Lenkrad, so kann nämlich mit der Rechten schon der Gang eingelegt werden. Den Schlüssel musst Du da aber nicht mehr reinfummeln – weil der Komfortschlüssel zur Serienausstattung gehört, steckt dort ein helfender Dummy. Der Motor startet, der Klang ist unaufdringlich, aber auch ohne ein Eingeweihter oder Experte zu sein, merkst Du sofort, dass da etwas besonderes im Fahrzeugheck werkelt.

Und trotzdem fährt so ein Porsche ganz normal: Also ganz normal in dem Sinne, dass jeder mit einem Führerschein sofort problemlos damit fahren kann. Und dann auch wieder nicht normal, denn was mir nach den ersten Manövern – Anfahren, Bremsen, Einfädeln, Lenken, Mitschwimmen – auffällt, ist die große Klarheit, die der Porsche von Anfang und in jeder Situation bietet. Die elektromechanische Servolenkung lässt Dich superorganisch über die Landstraße fließen, die mitlenkenden Hinterräder (2250 Euro) tragen zusätzlich zu dem herrlich direkten Empfinden bei.


Und die serienmäßige Doppelkupplungsautomatik mit acht Gängen schaltet äußerst aufmerksam und treffsicher – so, als gälte es, den technischen Standard für Doppelkupplungsgetriebe zu definieren. Solltest Du aber, unabhängig von den realen Qualitäten dieser Automatik, lieber selbst die Kraftschlüsse zwischen Motor und angetriebenen Rädern dirigieren wollen, dann bietet Porsche Dir optional und ohne Preisveränderung auch ein manuelles Siebenganggetriebe an.

Und plötzlich sind über die Freude an der Leichtigkeit des Schnell-Seins die ersten Kilometer verflogen und das Navi lotst mich über eine schmale Holzbrücke direkt aufs Areal der Kratzmühle in Beilngries. Hier befindet sich das Technikmuseum an der Kratzmühle und das stellt neben Land- und Industrietechnik auch ein paar Fahrzeuge aus. Sollte sich die Corona-Lage jemals wieder entspannen, kannst Du hier für Eintrittspreise zwischen 1,5 und vier Euro viele technische Geräte anschauen und teils in Aktion erleben, die früher in zahlreichen Gewerken, vor allem in Beilngries, eingesetzt wurden.


Und plötzlich muss ich auf dem Weg zum nächsten Etappenziel auch ganz viel über Technik nachsinnen, die die im Porsche 911 Targa 4S steckt. Allerlei dieser Technik ist schon in dem etwas sperrigen Modellnamen versteckt: 911 – das ist der Porsche an sich; Targa – das Cabrio mit dem ikonischen Überrollbügel; 4 – die Ziffer kennzeichnet alle Allradmodelle im Porsche-Portfolio; und das S steht in der Regel für die zweite Leistungsstufe innerhalb der Modellpalette – bei der aktuellen Modellgeneration sind das 450 PS bei 6500 U/min und 530 Newtonmeter von 2300 bis 5000 U/min.

Geschöpft wird diese Kraft aus einem Dreiliterboxer mit Biturboaufladung und trotz zweier Turbos und frühem, spürbarem Drehmomentplateau erfolgt die Kraftentfaltung angenehm linear, fast wie in einem klassischen Sauger. Den Sprint von Null auf Hundert schafft der Targa 4S in 3,6 und den auf Zweihundert in 13,1 Sekunden. Weil er über das Sport Chrono Paket (3886 Euro) verfügt, ist er hier zwei beziehungsweise drei Zehntel schneller als ein Targa 4S ohne das Extra. Denn erst mit dem Sport Chrono Paket kommt der kleine Drehschalter zum Wechseln der Fahrmodi im unteren rechten Quadranten ans Lenkrad – und der schnelle Fahrmodus, der's möglich macht heißt Sport Plus.

Solltest Du aber ohne dauerhaft in den spürbar härteren Sport-Plus-Modus wechseln zu wollen, nur für einen kleinen Moment ein bisschen Extrapower benötigen, dann drehst Du nicht am Rad sondern drückst kurz den unscheinbaren schwarzen Knopf in dessen Mitte. Dann wechselt der Porsche für maximal 20 Sekunden in den Sport-Response-Modus und spannt seine Muskeln vor. Damit kannst Du explosionsartig einen LKW überholen oder ebenso durch Deine drei, vier Lieblingskurven sengen und bist danach wieder ganz zivil unterwegs.

Neben dem sportlicheren Fahrmodus trägt natürlich auch der Allradantrieb seinen Teil zu der Beschleunigungsleistung des mindestens 1675 Kilo schweren Targa bei. Und dem hat Porsche ein wassergekühltes Vorderachsgetriebe inklusive verstärkter Kupplungslamellen spendiert, um die Leistung noch besser an die Vorderräder übertragen zu können. All die Kraft macht den Targa 4S bis zu 304 km/h schnell – und ja, es macht Spaß mit dem Wagen jenseits der 200 über die Autobahn zu bügeln, das macht er tadellos. Aber viel beeindruckender ist die Tatsache, wie lebendig sich dieser Sportwagen schon bei Landstraßengeschwindigkeit anfühlt. Die Direktheit der Lenkung, ihr präzises Befolgen der Befehle und das kommunikative Fahrwerk tragen dazu bei, dass auch legale Geschwindigkeiten ungefiltert in Deinen Wahrnehmungsapparat rauschen.

Und plötzlich weckt mich das sanfte Rütteln des Kopfsteinpflasters aus meiner Schwärmerei: ich bin in Eichstätt und hier verabredet mit Frau Sparaga von der Touristinformation der Stadt. Und während ich versuche, mich mit dem Porsche wie verabredet für ein paar schöne Fotos auf den Residenzplatz zu stellen, bekomme ich den ersten kleine Wermutstropfen zu schmecken. Die Randsteine sind hoch und obwohl sich die Nase noch darüber schieben lässt, ist der Weg bis zu den Rädern noch weit weil der vordere Überhang doch recht lang ist. Vor den Radhäusern fällt das nicht so auf, aber die bugrunde Fahrzeugnase liegt doch recht weit vor der Achse. Letzten Endes findet sich eine Kante, über die der Targa drüber kommt und wie er so da steht, fügt er sich ganz gut ein die historische Stadtlandschaft von Eichstätt, obwohl das einzig barocke am Porsche sein Gewicht ist.

Eichstätt ist aber auch ohne Porsche und ohne Sonderparkgenehmigung eine Reise wert. Denn neben den großen Sehenswürdigkeiten – fürstbischöfliche Residenz, Gartenanlagen des Hortus Eystettensis, Museen auf der Willibaldsburg – die Frau Sparaga mit ansteckender Leidenschaft vorstellt, verzaubern auch die spontanen Entdeckungen beim Schlendern durch die Gässchen der Altstadt.


Und auch ich schlendere jetzt weiter, denn die nächste und letzte Etappe liegt nur ein paar Kilometer entfernt. Von Eichstätt nach Obereichstätt, Allee 3 sind es gerade mal sieben Kilometer. Und dort kannst Du ein kulturelles Schwergewicht im wahrsten Wortsinn entdecken und erleben. Auf dem Gelände eines ehemaligen Eisenhüttenwerks hat der Bildhauer Alf Lechner seinen Stahlskulpturen, seinem Lebenswerk, einen wunderbaren und beeindruckenden Ausstellungsraum geschaffen. Die Besichtigung des Lechner Skulpturenparks ist nur im Rahmen von Führungen, in der Regel am letzten Sonntag im Monat möglich.

Mittlerweile passen auch Sonnenstand und Temperatur so gut zusammen, dass ich das Dach des Targa für den Rest des Tages öffnen kann. Die elektromechanische Transformation, bei der sich das Dachteil nach hinten unter die zurückklappende Glaskanzel faltet, wirkt vor den tonnenschweren Skulpturen fast wie ein kleiner Knicks. Der Vorgang dauert 19 Sekunden und ist nur im Stehen möglich.

Mit offenem Verdeck geht es weiter, dass ich nicht mehr bis zum Altmühlsee komme, ist kein Problem, denn das Altmühltal bietet mit seinen gut ausgebauten Straßen in jeder Richtung neue gute Gründe einfach drauf los zu fahren und das Auto genießen. Aber leider komme ich mit dem offenen Verdeck da gerade an eine Grenze; während das Geräuschniveau bei geschlossenem Verdeck dem einer geschlossenen Coupé-Konstruktion in kaum etwas nachsteht, scheint (halb-)offenes Targa-fahren nur etwas für hartgesottene Liebhaber zu sein. Ab 80 kannst Du Dich hier drin nur noch mit lauter Stimme unterhalten, Richtung Hundert pumpt der Luftstrom – Stichwort Helmholtz-Effekt – ungemütlich um die Köpfe. Okay, dafür hat Porsche einen kleinen, manuell zu betätigenden Spoiler auf dem Scheibenrahmen installiert: einmal antippen, schnellt der schmale Bügel hoch und leitet die heranströmende Luft so über die offene Fahrgastzelle, dass Helmholtz sich geschlagen gibt. Dafür rauscht's jetzt permanent von vorne oben. Anders? Ja. Besser? Kaum.

Angenehmer erscheint es da, bei offenem Dach ein Fenster nur einen Finger breit runter zu lassen. Allerdings ist dann ein (schicker) Schal ratsam, denn sonst pfeift Dir der Wind in den Nacken. An der Stelle wird klar, dass gewöhnliche Cabrios, die eben keinen Windfang im Heck tragen, ein günstigeres Aero-Verhalten haben – dafür aber nicht so exklusiv ausschauen, wie der Targa mit seinem stählernen, gebürsteten Überrollbügel.

Während ich mich in die letzten Kurven dieses Tages stürze und an jedem Scheitelpunkt noch einmal die Brachial-Beschleunigung abrufe fühlt sich der Porsche noch genau so agil und munter an, wie zum Beginn dieses Tages. Um jede Biegung kommt er so leichtfüßig und unerschöpflich, wie es nur eine Maschine kann. Diese Maschine wurde dafür gemacht, das ist klar – und dieses tolle Kurvenverhalten wird durch die aktive Wankstabilisierung – Porsche Dynamic Chassis Control (PDCC) – noch weiter optimiert. Im 911 sind die Stabilisatoren dazu mit Hydraulikzylindern an die Räder angebunden. Über die elektronische Veränderung des Öldrucks kann die Krafteinleitung durch den Stabi an beiden Rädern einer Achse unterschiedlich dargestellt und die wechselseitige Abhängigkeit des Systems reduziert werden.

Auch der Rest des serienmäßigen adaptiven Fahrwerks verrichtet seine Arbeit gekonnt und feinfühlig. Die Spreizung zwischen dem normalen, komfortablen und dem sportlichen Modus ist deutlich spürbar, aber schon im normalen Modus ist die Abstimmung straff und wenn Du es beim Fahren gern flauschig sanft hast, dann brauchst Du hier etwas Eingewöhnungszeit; sitzt Du hingegen gern straff im Auto, hältst Du es hier locker stundenlang aus.


Nach all diesen Stunden macht die Sonne mit ihrem Verschwinden klar, das es das für diesen Tag war. Obwohl dem Altmühltal die Kurven genau so wenig ausgehen, wie dem Targa die Lust darauf, war es das. Die Beiden sind ein tolles Pärchen, das wunderbar harmoniert, aber Du brauchst keinen so toll abgestimmten 450-PS-Sportwagen wie einen 911 Targa 4S um einen fahrseligen Tag im Altmühltal zu verbringen. Und in diesem Porsche würdest Du Dich mit Sicherheit überall da wohl fühlen, wo die Straßen halbwegs glatt sind.


Eichstätt

Tourist-Information

Domplatz 8

85072Eichstätt

Tel.: 08421/6001400

https://www.eichstaett.de/poi/tourist-information_eichstaett-222/


Lechner Skulpturenpark

Allee 3

91795 Obereichstätt

Tel.: 0841/3052250

www.lechner-museum.com


Technikmuseum Kratzmühle – Anno Dazumal

Mühlweg 1

85125 Kinding

Tel.: 0171/5141001

https://www.museen-anno-dazumal.de/technikmuseum/de/index.php

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