Fahrbericht Toyota Mirai: Wie von einer anderen Mutter

Arne Roller

12 Feb. 2021

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Die zweite Generation des Toyota Mirai kommt ab März zu den Kunden. Äußerlich enorm aufgewertet, erfuhr die Brennstoffzellentechnik weitere Verbesserungen. Das wichtigste Update ist aber der Preis.

Fotos: Toyota




Wenn man sich einen edel designten Gran Turismo mit 245er-Reifen und 20-Zoll-Felgen vorstellt, dann hatte man bisher wahrscheinlich keinen Toyota vor dem geistigen Auge. Das ändert sich jetzt mit dem Mirai II. Toyotas neues Brennstoffzellenauto macht gegenüber dem Vorgänger beim Design eine ordentliche Drehung. Und das ist gut so. Das sehr spezielle Äußere der ersten Generation war gewöhnungsbedürftig. Was ihn in Deutschland ebenfalls vom Durchbruch zurück hielt, war sein Preis von fast 80.000 Euro. Für Privatkäufer war er damit lange nicht förderfähig. Lediglich Gewerbekunden, die mindestens drei Exemplare kauften, bekamen einen Bonus.


Kunden dürfen sich nun doppelt freuen: Schon mit der neuen Innovationsprämie war auch die erste Generation für Privatkäufer mit 7500 Euro förderfähig – was genauso für die Zweite gilt. Doch obendrein hat Toyota den Einstiegspreis um rund 15.000 Euro auf 63.900 Euro gesenkt, von denen nun noch 7500 Euro Förderung abgezogen werden können. Das macht das jetzt wesentlich attraktivere Auto gleichzeitig deutlich erschwinglicher. 


Toyota Mirai: Du hast die Hülle schön


Schon von den ersten Bildern des neuen Toyota Mirai war ich begeistert. Das auffällige Design und die kräftige Kommunikationsfarbe namens "Hydro Blue" gefielen mir auf Anhieb. Jetzt, da ich vor dem Auto stehe, kann der neueste Toyota den ersten Eindruck noch übertreffen: Der Mirai ist ein sehr schön anzusehender GT mit fast fünf Metern (4,975 mm) Länge. Die markanten 20-Zöller im Vielspeichendesign bieten einen farblich starken Kontrast zur blauen Lackierung – diese Kombination fällt angenehm auf.


Scheinwerfer und die Gestaltung des Fließhecks wecken Vergleiche mit dem Kia Stinger.


Vor einem steht ein Auto in Dimensionen und Formen, wie man sie von Toyota bei einer Limousine einfach nicht gewohnt ist. Ja, der Mirai erinnert etwas an den Kia Stinger, was aber weniger am großen Lufteinlass, sondern vielmehr an der Zeichnung der Scheinwerfer sowie des Fließhecks liegt.


Gegenüber des Mirai Concept wurde das Heck leicht entschärft.


Bis auf den Supra und den neuen GR Yaris war Toyota mit seinen Modellen in Deutschland eher gediegen unterwegs. Der knallige, massive Look dieses neuen Mirai sagt hingegen sehr selbstbewusst: „Schau her!“ Und Anders als beim ersten Mirai macht man das nun auch gerne. 



Toyota Mirai: Die inneren Werte


Der Innenraum des Mirai weiß ebenfalls zu begeistern. Ist hier alles total abgespacet und anders? Nein, und das muss es auch nicht. Viele Knöpfe und Schalter gibt es genauso auch in anderen Toyota. Das ist am Ende auch eine Kostenfrage. Noch ist die Brennstoffzellentechnik sehr teuer in der Herstellung. Ist bewährtes vorhanden, schwingt die Alltagstauglichkeit im Subtext mit. Das Design suggeriert: "Das ist hier keine Spielerei für Geeks, sondern ausgereifte Technik für alle."


Kann sich sehen lassen: Mit viel Klavierlack und Leder bleibt der Innenraum des Mirai eher konventionell.


Der mit 12,3 Zoll recht große Screen, das Head-up-Display, das Vorhandensein von Sitzbelüftung und das üppig verwendete Kunstleder im Innenraum versprühen einen Hauch von Luxus. Welche Upgrades das Infotainment-System erfahren hat, muss ein ausgedehnterer Test zeigen, für den bei dieser kleinen Probefahrt keine Zeit war. Denn die verbrachte ich lieber mit ... genau ... Fahren.



Der Toyota Mirai kennt das Rezept für gute Laune: Hinterradantrieb und niedriger Schwerpunkt


Und hier ist der Mirai nicht der typische Toyota. Neben dem Supra ist er nun das zweite, aktuelle Toyota-Modell mit Hinterradantrieb. Dank der tief sitzenden Wasserstoff-Tanks es sind jetzt derer drei verfügt der Mirai über einen tiefen Schwerpunkt. Statt eines gediegenen SUV mit Frontantrieb hat Toyota einen GT mit Hinterradantrieb auf die Räder gestellt. Diese Entscheidung erntet von mir Applaus. Sie kann nur dabei helfen, den "Coolness-Faktor" von Wasserstoff zu erhöhen.


Wie es bei einem GT eben sein muss, liegt der Mirai satt auf der Straße. Wer im richtigen Moment beherzt aufs Gaspedal drückt, der bekommt das Heck des Mirai zum Wackeln und die eigenen Mundwinkel schnurstracks nach oben. Die Sache mit dem Fahrspaß, die klappt hier. Dennoch darf man keinen Rennwagen erwarten. Trotz des sportlichen Designs und einer Leistung von 134 kW/182 PS lassen die Fahrdaten keinem Adrenalinjunkie das Wasser im Mund zusammen laufen. 9,2 Sekunden von Null auf Hundert das ist nicht besonders schnell. BEV und FCEV haben hier aber immer einen Trumpf in der Hand: die direkte Umsetzung jedes Beschleunigungsbefehls. Der daraus resultierende Wow-Effekt stellt das Fahrerlebnis vieler aktueller Verbrenner mit mehr PS, aber auf Sparsamkeit getrimmten Automatikgetrieben, locker in den Schatten. Zahlen sind eben nicht alles.


Auf der Autobahn erreicht der Mirai mühelos und unaufgeregt seine elektrisch abgeriegelte Höchstgeschwindigkeit von 175 km/h. Und auch wenn der gelungene Innenraum und vor allem das hervorragende Exterieur einem ein Premiumgefühl vermitteln: ab Tempo 150 werden die Windgeräusche dann doch recht laut. Das ist bei einem ähnlich großen Fahrzeug der Premiumhersteller besser.


Was muss noch erwähnt werden? Per Knopf kann ich im Mirai das Einspielen eines digitalen Motorensounds aktivieren. Der klingt, als käme er von der ersten PlayStation und vermittelt einem keinen Eindruck von Surround-Sound. Irgendwie albern, aber witzig, dieser Sound. Ich wollte es erst gar nicht mögen, weil ich von digitalem Motorsound als Unterstützung meist nicht viel halte. Letzten Endes aber mochte ich den Sound und ließ ihn aktiviert. Es ist eine kleine Spielerei und das macht das Auto sympathisch. Ich stelle mir vor, wie jemand Wichtiges bei Toyota zu einem Mitarbeiter sagt: „Ein schlechter PlayStation Sound? Ja, klar, mach!“ Und das bringt mich zum Lächeln. Mit dieser Eigenheit macht der Mirai gleich gute Laune.



Toyota Mirai: Speerspitze einer neuen Brennstoff-Revolution?


Mercedes-Benz hat den GLC F-Cell eingestellt und VW der Brennstoffzellentechnik generell eine Absage erteilt. Der Toyota Mirai und der Hyundai Nexo sind die einzigen, offiziell verfügbaren FCEV auf dem deutschen Markt. De facto ist der Nexo aber zurzeit nicht als Neuwagen konfigurierbar. Die Nachfrage auf dem Heimatland der Koreaner ist so hoch, dass keine neuen Fahrzeuge nach Deutschland kommen. Damit ist der Mirai im Februar 2021 das einzige Brennstoffzellenfahrzeug, das man in Deutschland neu kaufen kann.


Mit seinem schnittigen Design, der Antriebskombination und nicht zuletzt der Förderfähigkeit könnte der Mirai nun auch ein ganz neues Publikum ansprechen. War der erste Mirai fast ausschließlich als Flottenfahrzeug unterwegs, werden sich den Neuen sicherlich auch einige Wasserstoff-Fans privat in die Garage stellen. Bisher gibt es in Deutschland bereits über 100 Vorbestellungen. Das ist vielversprechend, schließlich hatte man vom Vorgänger binnen fünf Jahren in hierzulande nur rund 400 Fahrzeuge verkauft.


Hier steht er, der neue Hoffnungsträger der Brennstoffzellentechnik: YesAuto-Redakteur Arne Roller mit dem Toyota Mirai. (Foto: YesAuto)


Als kleines Fazit lässt sich sagen: Gefälliges Design, Fahrspaß, mehr Reichweite und ein günstigerer sowie förderungsfähiger Preis: Dieser Mirai könnte ein großer Wurf werden. Toyota macht das Rennen zwischen FCEV und BEV wieder etwas spannender.



Toyota Mirai: Technische Daten


Fünftürer, fünfsitzige Limousine mit Hinterradantrieb

Motor/Antrieb: Elektromotor, 330 Brennstoffzellen und Hochvoltbatterie, stufenloses Automatikgetriebe

Länge/Breite/Höhe: 4.975 mm/1.885 mm/1.470 mm

Radstand: 2.920 mm 

Leergewicht: 1.900-1.950 Kilogramm

Leistung: 134 kW / 182 PS

Maximales Drehmoment: 300 Newtonmeter

0-100 km/h: 9,2 s

Vmax: 175 km/h

Tankvolumen: 5,56 kg

Reichweite (WLTP): 650 km

Verbrauch (WLTP): 0,94 kg

Kofferraumvolumen: 461 / 1.466 Liter

Preis: ab 63.900 Euro


Arne Roller

12 Feb. 2021