Faszination: Mon Ami 6 wird 60

Mathias Keiber

28 Apr. 2021

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Citroën brach schon immer gern mit Konventionen. Und mit dem Ami 6 brachen die Franzosen sogar die Dachlinie.

In den Sechzigern gab es noch kein Internet. Verzückung oder Empörung über gewagte Autodesigns entlud sich noch nicht sozialmedial, sondern über die gedruckte Presse und dann im stillen Kämmerlein. Hätte es das Internet Ende April 1961 schon gegeben, Citroën hätte zwei brandheiße Hashtags wohl sicher gehabt – #MonAmi und #NonAmi. Grund: Damals wurde der Ami 6 der Weltöffentlichkeit präsentiert. Und die zeigte sich vom Design des Wagens polarisiert.


Man könnte sagen, Citroën war um progressive Designs nie verlegen. Doch träfe das den Nagel noch nicht ganz auf den Kopf. Die Marke provozierte. Bewusst. Und mit großem Erfolg. In der Klasse der Luxuslimousinen hatte Citroën in den Fünfzigern mit der revolutionären DS Geschichte geschrieben. Gleiches tat sie zeitgleich mit dem 2CV, der Ente, am anderen Ende des Automarkts. In den Sechzigern sollte ein ähnlicher Erfolg in der Mittelklasse her.


Nachdem er mit dem Designteam von Citroën bereits den Traction Avant, den 2CV und die DS entworfen hatte, wurde der italienische Auto-Designer, Bildhauer und Architekt Flaminio Bertoni mit der Entwicklung eines Mittelklassewagens betraut. Das Ergebnis war der Ami 6 – laut Bertoni selbst: sein Meisterwerk.

Ein echter Hingucker: der Ami 6. (Alle Fotos: Citroën)


Die Karosserie mit nach innen gewölbter Motorhaube und nach hinten geneigter Heckscheibe, die auch bei Regen eine klare Sicht nach hinten ermöglichte, sorgte für Aufsehen und Aufregung gleichermaßen. Zurückzuführen war das auch auf das Lastenheft des damaligen Citroën-Generaldirektors Pierre Bercot: großer Kofferraum, optimale Raumausnutzung und Komfort für alle Passagiere, nicht länger als vier Meter und – ganz wichtig – kein Kombi, stand drin.


Letztendlich heraus kam dabei eine 3,91 Meter lange, 1,52 Meter breite und 1,45 Meter hohe Limousine mit einem Leergewicht von heutzutage federleicht anmutenden 620 Kilogramm. Der Radstand betrug 2,41 Meter.


Die Technik war vom 2CV abgeleitet. Die Einzelradaufhängung der Vorder- und Hinterräder an Schwingen mit einem Längsfederelement wurde quasi übernommen, für den schwereren und größeren Ami 6 jedoch angepasst. Auch basierte der luftgekühlte Zweizylinder-Boxermotor auf der Motorisierung der Ente. Allerdings wurde das Aggregat für den Ami 6 auf 602 Kubikzentimeter Hubraum und 21 PS Leistung vergrößert. Es beschleunigte ihn bis auf 105 Stundenkilometer. Aufgrund des geringen Gewichts entstand ein günstiges Leistungsgewicht. Kräftigere Varianten folgten, die stärkste kam auf 32 PS.


Der Innenraum des Ami 6 erinnerte an die DS, vom Einspeichenlenkrad über die Türgriffe bis hin zu den Bedienelementen und Sitzen. Insbesondere die Club-Versionen mit vier Scheinwerfern und weißer Seitenverkleidung, die ab September 1967 auf den Markt kamen, erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit bei den Fans des Modells.


Bereits im September 1961 wurde der Ami 6 um hintere Schiebefenster und einen von außen zu öffnenden Kofferraumdeckel ergänzt. Die neu konstruierten rechteckigen Scheinwerfer führten zu einer um 26 Prozent höheren Lichtausbeute als die konventionellen runden Scheinwerfer.


Innovativ war nicht nur das Design, sondern auch das Marketing. In damaligen Werbeanzeigen wurde der Ami 6 als „Zweitfahrzeug, ideal für die Dame des Hauses“ präsentiert. So ändern sich die Zeiten: Heutzutage wäre dafür ein sozialmedialer Shitstorm sondergleichen fällig.

Kombi-Version mit konventionellerer Dachlinie.


Doch zurück in die Vergangenheit: Ende 1964 gab es dann doch eine Kombi-Version, genannt Break, deren Heckscheibe in die „richtige“ Richtung zeigte. Entworfen wurde die Modellvariante von Bertoni-Assistent Henri Dargent und Bertoni-Nachfolger Robert Opron. Der Meister selbst war bereits Anfang des Jahres verstorben.


Absatzmäßig überholte der Kombi die Limousine sogar – heute die Regel, damals absolut ungewöhnlich. Mehr als die Hälfte der bis 1969 produzierten Ami-6-Exemplare entfielen auf den Break. Ob es an dem deutlich konsensfähigeren Design lag? Ohne Zweifel. Denn kein Faktor spielt bei der Kaufentscheidung eine größere Rolle. Das ist heute so und war damals nicht anders.


Fun Facts zum Citroën Ami 6:


Der Modellname Ami 6 setzt sich zusammen aus der internen Bezeichnung „AM“ und „amici“ (italienisch für Freunde) – inspiriert von seinem Designer, der selbst Italiener war. Zudem wurde das französische „Ami six“ bewusst als Wortspiel zum englischen „a Missis“ gewählt, da mit diesem Modell mehr Frauen als Kundinnen gewonnen werden sollten.


Am 19. Dezember 1966 veranstaltete Citroën „Le Tour de Gaule d’Amisix“. An den Start in Rennes-La-Janais gingen drei Ami 6 Break, um ihre Ausdauer und Straßenqualitäten unter Beweis zu stellen. Das Ziel erreichten sie – begleitet von einer Eskorte – nach 23 Stunden und 11 Minuten; insgesamt hatte das Team 2.077 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 89,6 km/h zurückgelegt.


Im Juni 1963 wurde der Ami 6 mit vier runden Scheinwerfern und verstärkten Stoßfängern in den Vereinigten Staaten vorgestellt.


Produktionsstandorte: Paris von 1961 bis 1963, Rennes-La-Janais von 1961 bis 1969. Mit dem Ami 6 eröffnete Citroën das neugebaute Werk in der Bretagne; es handelte sich um die erste große Dezentralisierungsmaßnahme der Marke aus Paris. Forest (Belgien) von 1961 bis 1969. Mangualde (Spanien): ab 1963. Vigo (Spanien): Break ab 1967.


1.039.384 Fahrzeuge wurden insgesamt produziert: 483.986 Limousinen (April 1961 bis März 1969), 551.880 Break (Oktober 1964 bis September 1969), 3.518 Entreprise (Break Service, zwei Sitzplätze, verglaste und verkleidete Versionen).


Eine Miniatur im Maßstab 1:43 der Ami 6 Limousine aus dem Jahr 1967 in der Farbe Typhoon Grey kann in der Citroën Lifestyle Boutique für 37 Euro erworben werden.


Weitere spannende Details zu diesem Fahrzeug und über 80 anderen historischen Citroën Modellen lassen sich im Online-Museum der Marke unter www.citroenorigins.de entdecken.


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Mathias Keiber

28 Apr. 2021