Ford Mustang Mach-E: Wie man weitreichende Reichweitenskepsis nicht entkräftet

Mathias Keiber

17 Juli. 2021

Ford will mit dem Mustang Mach-E einen „Reichweitenrekord für ein voll-elektrisches Serienfahrzeug“ aufgestellt haben. Was der vollmundigen Verkündung fehlt: eine auch nur halbwegs schlüssige Erklärung. Ein Kommentar.

Neue Elektroautos lassen die Weltrekorde aktuell purzeln wie Michael Phelps bei den Olympischen Sommerspielen 2008. Und wie damals im Pekinger 50-Meter-Becken kommt die Frage auf: Wie geht das?

 

Die einfache Antwort: Die Elektromobilität ist eine noch junge Disziplin. Bestleistungen sind damit vorprogrammiert. Dass Ford diese Woche einen Reichweitenrekord für seinen Mustang Mach-E reklamiert, ist vor diesem Hintergrund auch nicht weiter verwunderlich, gefühlt sogar fast schon „business as usual“. Denn ein neuer Rekord scheint mittlerweile zum Pflichtprogramm für den Marktstart eines jeden neuen Elektro-Flaggschiffs zu gehören. Grund genug, mal genauer hinzuschauen.

 

 „Reichweitenrekord für ein voll-elektrisches Serienfahrzeug“, vermeldet Ford am Dienstag. Der neue Mustang Mach-E „Extended Range“-Batterie und Heckantrieb sei ab sofort ein „Guiness World Record“-Halter. Seine Effizienz habe er bei einer Langstreckenfahrt vom Nordosten in den Südwesten der Großbritanniens demonstriert. Konkret von John O'Groats an der Nordostspitze Schottlands nach Land’s End in Cornwall. Mit einer Distanz von 840 Meilen oder 1.351 Kilometern ist das die größte Strecke, die man in Großbritannien auf der Straße zurücklegen kann.

 

Und die hat der Mach-E mit einer Batterieladung gepackt? Mag man meinen, aber nein. Laut Ford waren „zwei kurze Ladestopps mit einer Gesamtdauer von weniger als 45 Minuten“ nötig. Aha. Hat der Mach-E die Strecke in vielleicht in Rekordzeit für ein Elektroauto zurückgelegt? Falls ja, ist es der Pressemitteilung von Ford nicht zu entnehmen. Und wäre es so, würde Ford das kommunizieren. Tut es aber nicht. Stattdessen beschränken sich die Rekordangaben hierauf:

 

„Eine unabhängige Auswertung der Daten zeigte, dass der Ford Mustang Mach-E pro Kilowattstunde elektrischer Energie rund 6,5 Meilen zurückgelegt hat. Bezogen auf die tatsächlich nutzbare (= netto) Batteriekapazität von 88 Kilowattstunden spiegelt die erreichte Effizienz des Rekord-Fahrzeugs eine Reichweite von über 500 Meilen wider – dies entspricht etwas mehr als 800 Kilometern mit einer einzigen Akkuladung und übertrifft damit die Werksangabe von 610 Kilometer (WLTP, kombiniert) für diese Mustang Mach-E-Version (Extended Range / Heckantrieb) um satte 200 Kilometer.“

 

Ein Text, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Die erste davon: Worin besteht die Bestleistung? Wiederholtes aufmerksames Lesen bleibt erfolglos. Was der Mach-E besser als alle anderen Elektroautos macht, steht da schlicht nicht drin.

 

Die nächste Frage: Was will man potenziellen Kunden damit vermittlen? Können Fahrer des Mach-E damit rechnen, mit einer einzigen Akkuladung 800 Kilometer weit zu kommen? Es scheint so. Doch warum mussten für die Fahrt durch Großbritannien dann zwei Pausen eingelegt werden? 800 Kilometer plus 800 Kilometer sind 1600 Kilometer. Und damit knapp 250 Kilometer mehr, als die gefahrene Strecke lang ist. Eine Ladepause hätte also gereicht.

 

Interessant wäre gewesen: Wie hoch war die Durchschnittsgeschwindigkeit? Oder: Wie lange dauerte die gesamte Fahrt? Antworten darauf gibt Ford genausowenig, wie ob 6,5 Meilen pro Kilowattstunde die beste Energieeffizienz darstellt, die ein Elektroauto jemals erreicht hat. Wer „Hypermiling“ googelt, stellt jedoch fest, dass auch dem nicht so ist. Klar, Hypermiling wird unter optimalen Bedingungen durchgeführt. Aber zu den Bedingungen seiner angeblichen Rekordfahrt macht Ford eben keinerlei Angaben.

 

Warum also vermeldet Ford überhaupt einen Rekord? Immerhin darauf gibt es eine Antwort: „Bei dieser Rekord-Fahrt ging es dem Ford Mustang Mach-E-Team darum, mögliche Reichweitenängste und Zweifel an der Alltagstauglichkeit von voll-elektrischen Fahrzeugen zu beseitigen.“

 

Um es klar zu sagen: Der Schreiber dieser Zeilen gehört nicht zur Zielgruppe. Er hat keine Reichweitenangst und macht auf längeren Fahrten nach zwei Stunden eh Pause – wenn die „Extended Range“-Batterie des Mustang Mach-E bei nicht-verschwenderischer Fahrweise garantiert noch nicht leer ist. Aber man muss in diesem Fall eben auch konstatieren: Was Ford hier als Rekordfahrt zu verkaufen versucht, wird mangels Angaben und Schlüssigkeit keinen Reichweitenskeptiker zum Elektrojünger machen. Kurzum: Dieser Meldung hätte der Stecker gezogen gehört. 

Mathias Keiber

17 Juli. 2021