Formel 1: Hamilton-Gala nach Skandal-Wochenende

Frederik Hackbarth

15 Nov. 2021

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Mega-Kontroverse um beide WM-Anwärter beim Brasilien GP: Trotz doppelter Bestrafung rast Lewis Hamilton von ganz hinten zum Sieg und ringt Max Verstappen nieder

An dieses Brasilien-Wochenende werden sich Motorsportfreunde noch lange erinnern: Lewis Hamilton liefert auf dem Weg zum Sieg in Sao Paulo gleich zwei gigantische Aufholjagden. Dass der WM-Zweite am Start zum Grand Prix am Sonntag für den Einbau eines neuen Verbrennungsmotors fünf Plätze nach hinten muss, hat Mercedes vorab miteinkalkuliert. Nicht aber Hamiltons Disqualifikation nach dem Qualifying am Freitag.

 Der Heckflügel des Briten fällt in geöffnetem Zustand durch die technische Abnahme der Regelhüter. Die erlaubten 85 Millimeter Abstand zwischen oberem und unterem Flügelprofil überschreitet Hamiltons Auto um 0,2 Millimeter. "Eine Bagatelle", findet Mercedes-Sportchef Toto Wolff, der den Ausschluss seines Piloten vom Qualifying erst "für einen Witz" hält und im weiteren Verlauf des Wochenendes vor allem durch ausfällige Sprache ("F*** them all!") und deutliche Gesten in Richtung Rennleitung auffällt.

 

Toto Wolff zeigt Gefühle


Besonders kurios: Weil Verstappen Hamiltons Heckflügel beim Aussteigen nach dem Qualifying unerlaubterweise anfasst, erhält der nicht bestandene Test des Mercedes-Teils zusätzliche Brisanz und droht zum handfesten Skandal zu werden. Die FIA lässt sich mit ihrer Entscheidung deshalb fast einen Tag Zeit, um alle Beweise zu sichten, versucht das Politikum dann aber durch klare Sanktionen zu beenden: Verstappen muss für sein Gefummel, welches laut der Regelhüter aber keinen Einfluss auf den Flügel hatte, 50.000 Euro Strafe wegen Bruchs der Parc-fermé-Regeln zahlen.

 

Pole-Setter Hamilton muss im Sprint indes von ganz hinten losfahren, weil sein Flügel nicht regelkonform war. Die Wut im Bauch scheint den Briten am Samstag allerdings zu beflügeln: in dem Mini-Rennen, das nur 24 Runden dauert und Teamkollege Bottas vor Verstappen gewinnt, rast er vom 20. auf den fünften Platz nach vorne: Teil eins der Mega-Aufholjagd des siebenfachen Weltmeisters. Der zweite Teil wird nötig, weil Hamilton wegen seiner Motorstrafe trotzdem nur als Zehnter in den Sonntag startet.

 

Während Red Bull den Start gewinnt und Verstappen vor Stallgefährte Sergio Perez und Bottas in Führung geht, macht Hamilton im Grand Prix einfach da weiter, wo er am Vortag aufgehört hat. Schon nach zwei Runden ist er Sechster, nach fünf und mit Hilfe von Bottas, der ihn vorbeilässt, Dritter. Von Perez gibt es naturgemäß etwas mehr Gegenwehr, doch auch den Mexikaner knackt Hamilton recht zügig, sodass er WM-Rivale Verstappen ab Runde 19 direkt vor sich hat.

 

Entsprechend beginnen die Taktik-Spielchen: beim ersten Boxenstopp gelingt Mercedes der Undercut, Hamilton stampft das letzte bisschen Rückstand damit ein – und zwingt Red Bull in der Folge dazu, später den zweiten Stopp etwas vorzuziehen, um die Nase auf der Strecke vorne zu behalten. Das gelingt den Bullen zwar, nachdem sich Hamilton zwei Runden nach Verstappen aber ebenfalls neue Reifen geholt hat, ist die Jagd eröffnet.

 

Im direkten Duell kommt es dabei einmal mehr fast zur Kollision: runter zu Turn vier ist Hamilton mit Windschatten und DRS außen schon fast vorbei, aber Verstappen gibt nicht auf und wirft seinen Red Bull super spät doch noch innen rein. Die Konsequenz: beide verpassen die Kurve und fahren durch die Auslaufzone – da Hamilton die Lenkung aber aufmacht, kommt es nicht zur Berührung. Die Stewards sehen, sehr zum Unmut von Mercedes, deshalb auch keinen Grund einzugreifen.

Anders verhält es sich da in der Schlussphase, als Verstappen durch das Fahren von Schlangenlinien auf der Geraden einen weiteren Hamilton-Versuch frühzeitig blockt: dafür kassiert der Red-Bull-Star eine Verwarnung. Im Wissen, dass Verstappens Kredit langsam aufgebraucht ist, setzt Hamilton wenig später sein nächstes und schließlich siegbringendes Manöver: vor Kurve vier ist er diesmal deutlich früher vorbei und zieht seinem Rivalen dann vors Auto, um erfolgreich einen Konter zu blocken.

 

Nach 71 nervenaufreibenden Runden gewinnt Hamilton tatsächlich den Brasilien GP und revitalisiert damit seine WM-Chancen. "Das war eine der besten Fahrten, dich ich jemals von jemandem in der Formel 1 gesehen habe, herausragend", lobt Ex-Weltmeister Damon Hill seinen Landsmann nach dessen sechsten Saison- und 101. Karriere-Sieg, wohl einem von Hamiltons besten. Der Brite selbst jubelt: "Ich erinnere mich nicht, jemals so ein Wochenende gehabt zu haben. Man darf nie aufgeben. Es war immer mein Ziel heute zu gewinnen, aber dass es echt noch geklappt hat, ist sehr überwältigend."

 

Obwohl Hamilton den Abstand in der WM auf 14 Punkte verkürzt, ist Spitzenreiter Verstappen nach Platz zwei "nicht zu enttäuscht, denn ehrlich gesagt denke ich, das ist ein ziemlich realistisches Resultat. Ich habe alles versucht, aber es war klar, dass heute etwas zu viel Pace gefehlt hat. Immerhin hatten wir Spaß da draußen, es so auszukämpfen." Auch Rivale Hamilton beurteilt das Duell, trotz seiner Beschwerden über die harte Gangart während des Rennens, danach wohlwollend: "Es macht jetzt auch nichts mehr. Ich habe das Resultat, das ich brauche", sagt der Brite.

 

Red Bull bereitet unterdessen vor allem die Übermacht des neuen Mercedes-Motors Sorgenfalten. "Es war kein Kraut gegen sie gewachsen, Lewis war unaufhaltsam. Ich denke, wir haben die bestmögliche Verteidigung hochgezogen, Max ist hart gefahren aber es gab keine Chance heute", sagt Teamchef Christian Horner. Mercedes-Pendant Toto Wolff erklärt, wo die Stuttgarter die Leistung herholen: "Ich denke, wir haben viel weniger Luftwiderstand mit dem Auto und der Motor ist frisch, was einen großen Unterschied macht. Das Konzept ist gut für den Speed auf den Geraden."

 

"Der ist leider wirklich eindrucksvoll", räumt auch Horner ein und sieht im WM-Kampf Unheil auf sein Team zurollen: "Es kommen jetzt sehr schnelle Strecken in den letzten Rennen, deswegen haben sie eine sehr starke Waffe." Auch Red-Bull-Berater Helmut Marko schwant Böses: "Wenn sie diese Motorleistung bis ins letzte Rennen halten können, dann schaut es nicht gut aus für uns."


Fotos: F1, Mercedes

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Frederik Hackbarth

15 Nov. 2021