Formel 1 kann nicht fahren: Regen-Farce in Spa

Frederik Hackbarth

30 Aug. 2021

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Max Verstappen gewinnt in Belgien ein Rennen, das es nie gab. Starke Regenfälle zwingen die F1 in die Knie, Kritik gibt es am Umgang damit

(Fotos: F1, Mercedes, Pirelli, Red Bull, Williams)


Die Ardennen sind als Wetterregion bekannt, doch so etwas hat auch die Formel 1 noch nicht erlebt: wegen anhaltender und meist intensiver Regenfälle kann die Königsklasse den Belgien GP 2021 nicht absolvieren.

Am Sonntag verschieben die Veranstalter die reguläre Startzeit um 15 Uhr zunächst um gut 25 Minuten nach hinten. Weil das Wetter nicht besser wird, schickt Rennleiter Michael Masi die Autos dann auf zwei Einführungsrunden hinter dem Safety-Car los, anschließend beziehen sie Aufstellung in der Boxengasse. Danach geht die große Warterei los: drei Stunden lang passiert wenig, denn der Regen lässt einfach nicht nach.

Kurios: die Stewards setzen für die Chance auf eine Durchführung des Events sogar ihre eigene Regel aus. Vor der Saison hatte die F1 die Maximaldauer des Rennens von vier auf drei Stunden verkürzt. In Spa halten die Regelhüter die Uhr bei einer Stunde Restzeit aber einfach an, berufen sich auf höhere Gewalt, um doch noch ein verkürztes Rennen abhalten zu können, für den Fall, dass der Himmel aufklart. Tut er aber nicht. Nach 18 Uhr Ortszeit wird dann auch die drohende Dämmerung immer mehr zum Problem, weswegen es schließlich kommt, wie es kommen musste...

Masi schickt die Boliden noch einmal hinter dem Safety-Car auf die Strecke, gibt die Uhr und damit das Rennen offiziell frei und lässt sie im Schneckentempo zwei Runden absolvieren. Danach wird mit der roten Flagge endgültig abgebrochen. Die zwei Umläufe sind nötig, damit das Rennen laut Reglement offiziell stattgefunden hat: die Formel 1 kann damit die Antritts- und Fernsehgelder einsacken, spart sich zudem mögliche Klagen vom Veranstalter oder den zahlenden Fans. Eine Verschiebung auf Montag ist unterdessen nicht möglich: einerseits wegen der TV-Slots, andererseits weil im engen F1-Zeitplan schon am kommenden Wochenende in Zandvoort das nächste Rennen ansteht.

Auch sportlich sorgen die zwei absolvierten Runden dafür, dass es ein offizielles Rennergebnis gibt und somit zumindest halbe Punkte ausgeschüttet werden. Großer Profiteur ist Pole-Mann Max Verstappen, der für seinen "Sieg" hinter dem Safety-Car immerhin 12,5 Zähler einheimst – Verlierer hingegen WM-Rivale Lewis Hamilton: der Mercedes-Star büßt als Dritter fünf Punkte auf Verstappen ein, liegt in der Gesamtwertung statt acht jetzt nur noch drei Zähler vor dem Niederländer.

Der größte Verlierer in Spa sind selbstredend aber die Fans, die erst stundenlang im Regen ausharren müssen und dann ohne Rennaction wieder nach Hause geschickt werden. Weltmeister Hamilton springt ihnen zur Seite und macht sich für Entschädigungen stark: "Die F1 hat heute die falsche Wahl getroffen", kritisiert der Brite. "Geld regiert die Welt und das war ein reines Geldszenario. Jetzt bekommt also jeder sein Geld. Ich finde aber, die Fans sollten es dann auch zurückbekommen."

Deutlich besser ist die Laune wegen des Abbruchs bei Hamiltons Landsmann George Russell. Der Williams-Pilot war im ebenfalls stark verregneten Qualifying am Samstag sensationell auf Platz zwei gefahren. Im Rennen hätte er diesen wohl nur schwer verteidigen können, der Abbruch aber beschert ihm sein erstes Podium. Parallel dazu wird immer offensichtlicher, dass der 23-Jährige 2022 Valtteri Bottas bei Mercedes ersetzen dürfte.

Sportchef Toto Wolff sträubt sich zwar noch gegen ein klares Bekenntnis, die Leistungen seines Youngsters machen es ihm aber fast unmöglich, Russell nicht zu befördern – ebenso wie die von Bottas, der in Spa als Achter im Qualifying wieder einmal hinterher fährt. Besonders bitter: durch die Strafe für seinen Startcrash beim letzten Rennen in Budapest purzelt Bottas sogar ganz aus den Top-10 raus und damit auch aus den Punkterängen bei der Wertung des Abbruchrennens.

Nicht mit Ruhm bekleckert sich am Sonntag auch der andere Nummer-2-Pilot der beiden Top-Teams: Sergio Perez versenkt seinen Red Bull schon auf der Runde in die Startaufstellung in der Bande, verpasst dadurch ebenfalls die geschenkten Punkte. Grund zur Freude hat der Mexikaner in Spa aber trotzdem, denn bereits am Freitag gibt Red Bull die Vertragsverlängerung mit Perez für die kommende Saison bekannt – wie auch das Alpine-Team mit Altmeister Fernando Alonso.


Für den Crash des Wochenendes sorgt indes am Samstag McLaren-Shootingstar Lando Norris. Der Brite brilliert im Regen, liegt nach Bestzeiten in Q1 und Q2 sogar auf Pole-Kurs. Dann aber wirft ihn die berühmt-berüchtige Eau Rouge ab. Sebastian Vettel, der wegen des vielen Wassers kurz zuvor via Funk noch die rote Flagge gefordert hatte, ist nach dem Crash außer sich vor Wut. Der Deutsche ist auch als Erster an Norris' Unfallstelle, hält neben dem McLaren-Wrack an und erkundigt sich nach dem Wohlbefinden seines Kollegen – von den Fans wird der Aston-Martin-Star in den Sozialen Netzwerken für die Aktion gefeiert.

Norris übersteht den harten Einschlag zum Glück unverletzt. Die Gefahren der Mutkurve Eau Rouge, in der es auch beim Rahmenrennen der W-Series wieder zu einem heftigen Massencrash kommt, den alle Fahrerinnen wie durch ein Wunder ohne schlimme Verletzungen überstehen, sind aber das ganze Wochenende über ein viel diskutiertes Thema. Auch deshalb liegt die Formel 1 letztlich richtig, mit der zwar schlecht kommunizierten, aber sicherheitstechnisch vernünftigen Entscheidung, ihre 20 Gladiatoren bei diesen Bedingungen nicht noch einmal auf die gefährliche Ardennen-Achterbahn loszulassen.

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Frederik Hackbarth

30 Aug. 2021