Kaufberatung Seat Ibiza (6J/6P): Vielseitiger Kleiner mit ungewöhnlicher Vita

Thomas Flehmer

23 Juli. 2021

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Der Seat Ibiza der vierten Generation war der erste Kleinwagen im Volkswagen-Konzern, der von der neuen Polo-Plattform rollte. Ungewöhnlich verlief der Lebenszyklus des feurigen Spaniers

(Fotos: Seat)


Viel Neues prasselte 2008 auf den Seat Ibiza ein. Der 4,03 Meter kurze Spanier bekam im großen VW-Konzern den Vorzug, vor allen Kleinwagen-Geschwistern die neue Polo-Plattform auszuprobieren. Selbst die fünfte Polo-Generation lief später vom Band. Doch nicht nur das Fundament war neu, auch Designdirektor Luc Donckerwolke, der von Lamborghini gekommen war, verpasste dem spanischen Kleinen ein neues feuriges Äußeres.


• Vierte Generation von 2008 bis 2017


• Seltene Kombiversion im Programm


Cupra-Variante mit bis zu 192 PS


• Außergewöhnliche Modellpflege


• Steuerkettenproblem beim TSI


Der Belgier Donckerwolke setzte auch durch, dass sich das Cockpit des Ibiza von dem der anderen VW-Kleinwagen unterschied, um so auch innen ein wenig mehr Flair zu erzeugen, auch wenn die Familienzugehörigkeit weiterhin deutlich erkennbar ist. Dank der optischen Kniffe erhielt der Dreitürer den Namenszusatz SC (Sportcoupé), während der Fünftürer ohne Namenserweiterung vorfahren musste. Dafür wurde der von 2010 bis 2016 produzierte Kombi als Ibiza ST ausgeschildert. Die im Kleinwagenbereich sehr seltene Variante war 18 Zentimeter länger als die Limousine und klopfte somit an das Kompaktsegment. Dem optischen Feuer geschuldet ist allerdings eine schlechtere Übersicht, das hat der Ibiza aber mit den meisten Fahrzeugen gemein, bei denen die Optik im Vordergrund steht.



Typwechsel von 6J auf 6P


Nach vier Jahren erhielt der Ibiza beim ersten Facelift eine geänderte Front, neue Scheinwerfer sowie neue Stoffe im Innenraum und einen neuen Armaturenträger. Eine zweite Modellpflege drei Jahre später wirkte sich noch stärker aus: Ein einstellbares Fahrwerk, ein höherwertiges Cockpit sowie eine überarbeitete Motorenpalette führten dazu, dass aus dem Facelift fast schon eine neue Generation wurde, das verdeutlicht auch der interne Typwechsel von 6J auf 6P.


Einzug hielten 2015 die einen Liter großen Dreizylinder mit 75 , 95 sowie 110 PS, die die Drei- und Vierzylinder mit einem Spektrum zwischen 60 und 105 PS ersetzten. Positiver Nebeneffekt: Das Steuerkettenproblem der alten Aggregate war damit gelöst, denn die Nockenwellen der Dreizylinder-Benziner wurden mit einem Zahnriemen angetrieben.

Geringer Dieselanteil


Lediglich die Topmotorisierung Cupra 1.8 TSI blieb der Steuerkette treu. Der kleine Flitzer holte nun 192 PS aus den Brennräumen heraus, die Aggregate zuvor waren 1,4 Liter groß und lediglich mit 180 PS unterwegs. Zwischen den Einstiegsmotoren und dem Topaggregat tummelten sich noch 1.4er und 1.6er mit bis zu 150 PS.

Auch Dieselmotoren standen für die vierte Kleinwagen-Generation noch zur Verfügung, zum Marktstart sogar noch die 1.4 und 1.9 TDI mit veralteter Pumpe-Düse-Technik. Erst gegen Ende 2009 hielten der 2.0 TDI und 1.2 TDI mit moderner Commonrail-Technik Einzug. Ab 2015 gab es nur noch den 1.4 TDI in den drei Leistungsstufen mit 75, 90 und 105 PS.


Vielzahl von Problemen


In heutiger Zeit ist kein Kleinwagen mehr mit einem Selbstzünder unterwegs. Aber schon damals war der Dieselanteil in dem Segment verschwindend gering und wirkt sich auch auf den Gebrauchtwagenmarkt aus. Etwa zehn Prozent der angebotenen Ibiza-Modelle haben einen Selbstzünder unter der Haube.

Wer auf den kleinen Spanier zurückgreifen möchte, sollte das Leichtgewicht unter einer Tonne aber auf Herz und Nieren prüfen. So ungewöhnlich die Vita des Kleinwagens abläuft, so zahlreich ist der Ibiza mit Problemen behaftet. Vor allem das Steuerkettenproblem des VW-Konzerns macht auch vor dem Ibiza nicht Halt. Ein Rasseln unter der Motorhaube deutet auf einen baldigen Motorschaden hin.


Günstige Preise


Hinzu kommen Elektronikprobleme und Turbolader-Verstellungen so wie qualitativ nicht unbedingt gute Federn und Dämpfer. Sie deuten darauf hin, dass der optisch feurige Anblick des Ibiza den Eigentümer zu so manch einer ungestümen Kurvenhatz bewogen hat. Beim Abblendlicht und den Rückleuchten muss zudem das Lämpchen häufiger gewechselt werden. Im Laufe der Jahre schwächelt die Fußbremse und auch die Bremsscheiben nutzen sich viel zu schnell ab, gleiches gilt für die Auspuffanlagen.

So ist es kein Wunder, dass die Preise für einen Ibiza bereits bei unter 1000 Euro beginnen. Dann haben die Kleinen aber auch schon zwischen 200.000 und 300.000 Kilometer hinter sich und warten auf ihr Gnadenbrot. Selbst sehr gepflegte Ibiza mit gerade einmal 150.000 Kilometern gibt es für etwa 2000 Euro. Wer dann noch ein bisschen runterhandelt, kann das Geld für den nächsten Werkstattbesuch zurücklegen.


Fazit


Bei der vierten Generation des Ibiza sollte man sich nicht von dessen optischer Anziehungskraft blenden lassen. Auf die Steuerkette sollte besonders geachtet werden. Sie muss vor dem Kauf genauestens untersucht werden. Angesichts der Vielzahl von Problemzonen sollte damit gerechnet werden, das auch der gebraucht gekaufte Ibiza irgendwann mal rumzickt. Wer einen kleinen Spanier günstig erworben hat und ohne Probleme durch den Alltag kommt, sollte sich aufs Lottospielen verlegen.

Thomas Flehmer

23 Juli. 2021