Hyundai Ioniq 5: Schnell wie ein Porsche

Attila Langhammer

30 Juni. 2021

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Der vollelektrische Hyundai Ioniq 5 verfügt wie der Porsche Taycan über einen integrierten 800-Volt-Lader und tankt so zügig Strom. Womit der Wagen außerdem punkten kann, erfährst Du hier

(Fotos: Hyundai, C. Bittmann)


Hyundai Ioniq? Als Autointeressierter hast Du diesen Namen sicher schon mal gehört oder gelesen. Der Ioniq kam 2016 und war Hyundais erster Versuch ein nachhaltiges Auto im marktreifen Rahmen auf die Räder zu stellen. Jetzt, 2021, wird Ioniq zu einer eigenen Submarke für vollelektrische Fahrzeuge.

Als erstes Fahrzeug präsentieren die Koreaner den Ioniq 5 – ein geräumiges und sehr praktisches Fahrzeug mit ein paar netten Details. Zum Beispiel hat er üppige drei Meter Radstand und bietet entsprechend großzügigen Freiraum für seine Passagiere. Die Sitze in der ersten Reihe lassen sich in eine lässige Relaxposition bringen und helfen so, die Zeit bei längeren Ladestopps entspannt rum zu kriegen. Dazu lässt sich die komplette Mittelkonsole mit allen Ablagen um 14 Zentimeter verschieben – speziell in der hinteren Stellung wirkt die erste Reihe aus Fahrerperspektive so angenehm luftig.

Die Passagiere in Reihe Zwei sitzen ebenfalls sehr entspannt, hier profitiert das Raumangebot zudem von Vordersitzlehnen, die etwa 30 Prozent weniger Volumen haben als bei anderen Fahrzeugmodellen. Klingt nach nicht viel? Oder kannst Du Dir darunter nichts vorstellen? Im Vergleich zu einem weniger schlanken Sitz sind so schnell vier oder fünf Zentimeter zusätzlicher Knieraum für die Fondpassagiere gewonnen. Außerdem lässt sich deren Sitzbank um 13,5 Zentimeter verschieben – je nachdem ob Du Platz für Passagiere oder Gepäck brauchst. Im Ladeabteil stehen 527 bis 1600 Liter Ladevolumen zur Verfügung, außerdem verfügt der Ioniq 5 auch unter der Motorhaube über ein kleines Staufach, das 57 Liter fasst.

Das Akkupack trägt der Ioniq 5 E-Auto-typisch im Unterboden, es stehen zwei Kapazitätsgrößen – 58 oder 72,6 kWh – zur Wahl. Im Problemfall lassen sich einzelne, defekte Zellen austauschen, ohne den gesamten Akku ersetzen zu müssen.


Bevor Du Dich für eine Batteriegröße entscheidest, musst Du Dir aber auch Gedanken über Deine Wunschleistung und -antriebsart machen. Auf dem Papier wirken vier Leistungsstufen von 125 bis 225 kW, zwei Akkugrößen und Allrad- oder Hinterradantrieb zunächst beeindruckend, aber eine freie Konfiguration der Komponenten ist nicht vorgesehen.

Die beiden „kleinen“ Leistungsstufen – 125 und 160 kW, beide 350 Nm – sind nämlich mit einem E-Motor und Hinterradantrieb ausgestattet. Und: der schwache Motor kommt mit kleinem Akku, der starke Motor kommt mit der großen Reserve. Die beiden stärkeren Leistungsstufen – 173 beziehungsweise 225 kW, beide 605 Nm – verfügen über zwei E-Motoren und entsprechen zwei angetriebene Achsen. Aber auch hier gilt: weniger Leistung = weniger Kapazität, mehr Leistung = mehr Kapazität.


Hier gilt es also, vorab gut zu überlegen, welches Paket zu Deinem Fahrprofil passt. Den förderfähigen Basispreis von 41.900 Euro gibt’s natürlich für die Kombi Kleiner Motor + Kleiner Akku + Hinterradantrieb. Die maximale Reichweite von 481-WLTP-Kilometern liefert aber der 160-kW-Motor, weil der vom großen Akku saugt. Den meisten Fahrspaß bietet aber, wenig überraschend, das Topmodell mit 225 kW, Äquivalent 305 PS, und 605 Nm Drehmoment.

20-Zoll-Räder gibt's für 500 Euro, aber nur für die beiden Allradvarianten; immer noch komfortabel


Wie bei allen E-Motoren liegt das maximale Drehmoment schon bei Drehzahl Null an und entsprechend ansatzlos fetzt Dich die Doppelmotorisierung aus dem Stand weg. Nach 5,2 Sekunden steht die Einhundert im digitalen Kombiinstrument. Die bei diesem ersten Test nicht gefahrene Höchstgeschwindigkeit liegt bei 185 km/h – an dieser Stelle ein Zaunpfahlswink in Richtung Volvo – und wird von allen Versionen erreicht. Aber bis 140 km/h geht es auf jeden Fall flüsterleise im Ioniq 5 zu.

Die Lenkung ist zielgenau, das Fahrwerk auch auf 20-Zoll-Rädern noch äußerst komfortabel, aber beide Baugruppen wirken ein wenig fühllos. Natürlich ist der Zwei-Tonnen-Koloss kein Sportler, aber etwas mehr Gefühl wäre einem wohligeren Fahreindruck auf jeden Fall zuträglich. Und obwohl die drei Fahrmodi Öko, Normal und Sport sich deutlich unterscheiden, kitzelt auch die agilste Einstellung nur ein wenig, beeindruckt vor allem mit maximaler Saftabgabe und spitzem Vorwärtsdrang.

Die Rekuperation kann entweder deaktiviert oder in vier Stufen über Schaltpaddles am Lenkrad eingestellt werden. Am effektivsten arbeitet das System natürlich im Ein-Pedal-Modus – das heißt, der Wagen bringt sich selbst zum Stillstand, wenn das Gaspedal losgelassen wird. Die letzten paar km/h werden allerdings recht abrupt weggedrückt, so dass Du ein wenig Übung (und Vertrauen) brauchst, wenn Du im Stadtverkehr nicht immer unverhältnismäßig große Lücken zum Vordermann lassen willst. Gehst Du im Ein-Pedal-Modus oder bei Rekuperation auf Stufe Drei nochmal aufs Gas, weil Du doch noch etwas rollen willst, dann ist zudem ein eckiger Widerstand zu überwinden – auch das ist vor allem Gewöhnungssache.


Üblicherweise kommt der Strom aber durch den Ladeanschluss ins Auto. Und da zeigt sich Hyundai großzügig: jeder Ioniq 5 verfügt nämlich serienmäßig über einen 800-Volt-Bordlader – bei anderen Herstellern liegt der Standard bei 50 oder 100 Volt und mehr Geschwindigkeit kostet Aufpreis. Mit der 800-V-Ladetechnik braucht der Ioniq an einer 350-kW-Schnellladesäule 18 Minuten um von zehn auf 80 Prozent Akkukapazität aufzuladen, theoretisch sind schon nach fünf Minuten wieder 100 WLTP-Kilometer im Stromspeicher.

Geladen wird leider konventionell an der Seite, Ladebuchse an der Front ist bei E-Autos attraktiver


Und Stromspeicher ist durchaus das passende Wort, denn der Ioniq verfügt optional auch über Vehicle-to-Load-Technik, das heißt, Du kannst seinen Strom auch abzapfen um herkömmliche 230-Volt-Geräte zu nutzen. Du kannst also mit Deinem Fernseher ins Grüne fahren oder auch an einem abgelegenen Fleckchen Deinen Bohrhammer benutzen. Dazu gibt’s mit der dritten Ausstattungslinie Techniq (8500 Euro) eine vollwertige 230-V-Steckdose im Fond und mit der Topausstattung Uniq (11.850 Euro) gibt’s zusätzlich einen Adapter, mit dem sich der Strom auch extern, direkt aus der Ladebuchse zapfen lässt.

Die Relaxsitze vorn (1100 Euro) gibt's nur für die Topausstattung Uniq


Und auch darüber hinaus gibt’s ein paar Extras, die ihn noch besser machen: zum Beispiel darf der Ioniq 5 eine Zuglast von 1600 Kilo an den Haken nehmen – Anhänger ziehen ist bei E-Autos nach wie vor eine Ausnahme. Und dann steht für 1500 Euro auch noch ein vollflächiges Solardach in der Preisliste – eigentlich ein no brainer für Elektroautos, hat das in der Dimension aber bisher noch kein Hersteller gebracht. Hyundai rechnet schön, dass sich in südeuropäischen Gefilden damit Strom für bis zu 1500 Kilometer zusätzlicher Reichweite gewinnen lassen. Leider reichen die 1500 Euro nicht ganz aus, Du darfst dieses Extra nämlich nur wählen, wenn Du Dich für die Topausstattung Uniq entschieden hast – schade!

Überhaupt ist die Ausstattungspolitik ein heftiger Wermutstropfen. Zwar ist die Basis, die Du für 41.900 Euro kriegst schon ganz ordentlich ausgestattet: digitales Kombiinstrument (12,25 Zoll), Infotainment inklusive Navi (12,25 Zoll), Komfortschlüssel, verschiebbare Rückbank, Voll-LED-Scheinwerfer sind nur ein paar Beispiele und dazu gesellt sich fast der komplette mittlerweile mögliche Assistenzumfang, aber die aufeinander aufbauenden Ausstattungslinien sorgen für heftige Preissprünge und die wenigen Einzelextras sind teils an höhere Linien gekoppelt. So bekommt das Bild vom in jeder Beziehung großzügig wirkenden Ioniq 5 ein paar unpremiumhafte Schrammen.

Trotzdem bietet der Ioniq ziemlich viel fürs Geld. Insbesondere unter Anbetracht der Förderprämie, die den Basispreis unter 35.000 Euro drückt. Willst Du aber so einen richtig dicken Ioniq 5 mit 225 kW, Allradantrieb und der gediegenen Uniq-Ausstattung knackst Du schon die 60.000-Euro-Marke – und bist noch nicht am Vollausstattungshorizont angekommen. Deswegen mein Tipp, wie so oft bei den Koreanern: nur wenn Du extrem diszipliniert konfigurierst, bekommst Du das beste Preis-Leistungverhältnis.

Attila Langhammer

30 Juni. 2021