Kaufberatung Mercedes B-Klasse W 246: Mitten im Leben

Andreas Jüngling

17 März. 2021

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Die zweite Generation von Mercedes-Benz' B-Klasse, gebaut von 2011 bis 2018, ist ein echter Geheimtipp für all die, die ein solides Auto für jeden Tag suchen. In dieser Gebrauchtwagenkaufberatung klopfe ich das "Rentnerauto" für Dich ab

(Fotos: Mercedes-Benz)


Kaufen oder laufen? Kaufen, egal was die anderen sagen.


Ab 8000 Euro für Spardosen, ab 13000 wenn auch die Optik stimmt


Die B-Klasse ist Dein Auto, wenn Du im Alltag gern einen hohen Praxisnutzen mit einem Hauch Premiumqualität und günstigen Unterhaltskosten mischst. Enthusiasten brauchen jedoch zusätzlich Motorrad oder Zweitwagen.


Autos wie die B-Klasse von Mercedes oder der VW Golf Plus/Sportsvan sind auf der Straße meist einem gewissen Stamm von Fahrern zuzuordnen. Ja, ich spreche über unsere älteren Mitbürger. Wer wie ich mal in der Redaktion eines klassischen Print-Automagazins gearbeitet hat weiß, dass diese Fahrer auch zu den fleißigsten Leserbriefschreibern gehören und äußerst empfindlich reagieren, wenn doch mal eine Kleinigkeit an ihrem Fahrzeug bemängelt wird. Kurz: Diese Menschen sind beim Autokauf Überzeugungstäter.

Das Vorbild für die aerodynamisch sehr günstige Minivan-Form ist der Kofferfisch. Google den mal, dann siehst Du’s


Schlecht kann die B-Klasse also schon mal nicht sein, doch die Gaußsche Normalverteilung aller Hochdachmobile legt auch eine gewisse Wahllosigkeit nahe. Opel Meriva, Renault Scénic oder auch Honda Jazz sind grundverschiedene Autos, und beherbergen dennoch oft denselben Kundenkreis wie der B-Benz. Wer dann fragt, wie es zur Wahl kam, erhält Antworten wie „Wir fahren schon immer Renault“, „Mein Schwager hat mal bei Opel gearbeitet“ oder „mein Nachbar fährt auch einen“. Wenn Dir das als Argument ausreicht, bist Du nun mit insgesamt fünf Hochdachkompakten gut bedient und brauchst nicht weiter zu lesen. Ich möchte jedoch betrachten, welche Gesichtspunkte für den Kauf einer jungen gebrauchten B-Klasse sprechen, wenn Du größere Anschaffungen im Alltag eben doch kritisch betrachtest.


Hier sind die Seniorenargumente hoher Einstieg und viel Platz die Ausgangsbasis. Beides kann die B-Klasse. Achte mal darauf, wie viele als Taxi herumfahren. Das Raumangebot im Fond entspricht der Großzügigkeit der dicken Daimler-Limousinen. Der Kofferraum hat in seiner Grundfläche immerhin Kompakt-SUV-Format und profitiert zudem durch seine große Höhe. Insgesamt 486 bis 1545 Liter Gepäck können somit in den B wandern. Wieder ist es die Höhe, die der guten Ergonomie des Plattformbruders A-Klasse im B noch eine gewisse Luftigkeit zukommen lässt – Sieg auf ganzer Linie. Zugegeben: Bis hierhin kann auch ein Renault Kangoo dem Vergleich standhalten. Die wahre Tugend der B-Klasse besteht darin, dass der Raumvorteil nach dem Einsteigen in Vergessenheit gerät und einem hochwertigen Fahreindruck Platz macht.

Dieses Fotoauto strotzt vor Holz und Leder, aber auch die Innenräume sparsamer ausgestatteter Exemplare fallen solide und wertig aus


Über 200 PS, Allrad und Sportfahrwerk, aber dennoch ein Favorit auf dem Baumarktparkplatz? Jetzt kommen wir den wahren B-Klasse-Vorzügen näher. Als echter Mercedes bietet er zudem eine große Modellvielfalt. Leistungsattribute lassen sich genauso in Form von teuren Felgen und Modelacken mit höchstsparsamen Dieselmotoren kombinieren. Erstaunlich: Von der 94-seitigen Preisliste entfallen allein 54 auf das Kapitel „Design“ – und dennoch fahren gefühlt 2/3 aller B-Klassen in Goldmetallic und mit Radkappen umher. Wenn der Erstbesitzer 2451 Euro und 40 Cent übrighatte, um sie in das hervorragende Comand-Online-Navi zu investieren, ergibt sich ganz automatisch eine Kaufempfehlung. Denn abgesehen von absoluten Nullausstattern schlagen sich Sonderausstattungen auf dem Gebrauchtmarkt der B-Klasse kaum auf den Preis nieder. Ein großer Suchradius und ein Blick ins Detail kann also oft das eine oder andere Extra-Goodie enthüllen. Schade: Die oft konservative Erstbesitzerschaft stand offenbar den modernen Fahrassistenten, die gerade am Ende der B-Bauzeit lieferbar waren eher skeptisch gegenüber. Spurhaltehelfer und Co. bleiben somit leider oft auf der Strecke.


Ende 2014 erhielt der Wagen eine sanfte Modellpflege. Optik und Infotainment wurden sanft aufgefrischt, sehr große Sprünge im Nutzwert ergeben sich aber nicht. Sollte für Dich die Euro-6-Abgasnorm eine Rolle spielen: Ab hier steht sie immer im Schein. Aber Achtung: Fast alle B-Klassen erreichen Euro-6 auch schon vorher. Hier wird nur eine kostenlose Umschlüsselung im Brief notwendig. Ausnahmen: B 180 CDI vor 06/13 und B 200 CDI


Kauftipp:

Angesichts der großen Menge gebrauchter B-Klassen, lohnt sich ein detaillierter Blick auf die Sonderausstattungen der einzelnen Kandidaten – somit ist trotz einer langen Ergebnisliste auch ein großer örtlicher Suchradius ratsam, wenn Du die Volle-Hütte-B-Klasse suchst.

Solche Fotos aus dem Pressematerial zeigen den daimlertypischen Exklusivanspruch – ein lederbezogenes Armaturenbrett auf mattem Edelholz


Und was, wenn Du nur ein günstiges Pendlerauto mit viel Platz und guter Qualität suchst? Dann lass die Anderen auf Ausstattungssuche gehen. Selbst wenn Stahlfelgen und Plastiklenkrad zunächst dröge wirken: Der Fahreindruck der B-Klasse ist stets überraschend hochwertig. Beispiel: die gute Geräuschdämmung. Die ausgefeilte Aerodynamik des B unterdrückt stärkere Windgeräusche. Türen und Klappen schließen solide und auch das Schaltgetriebe wirkt wie aus dem Vollen gefräst. Unterm Strich ist der Basis-B nah am traditionellen Diesel-Daimler aus alten Zeiten. Wenn sich der Wagen bei eurer Probefahrt nicht überraschend wertig anfühlt, dann stimmt mit ihm etwas nicht. Als Ausnahme (und guten Grund zum Handeln) dürfen leise Poltergeräusche aus dem Fahrwerk angesehen werden. Gerade bei hohen Laufleistungen kann es hier zu Ausschlag kommen. Dank günstig erhältlicher Ersatzteile (Taximarkt) kein Weltuntergang. Begünstigt wird diese Art von Verschleiß durch die recht straffe Auslegung der B-Klasse – sonderlich sanft federt der Raum-Benz nicht ein. Wer hierauf Wert legt, sollte auf zu große Felgen verzichten. Ein weiterer Grund für Klöterpotenzial sind hin und wieder brechende Federn – auch dies ist eine Mercedeskrankheit. Zu guter Letzt lohnt ein naher Blick auf die Türunterkanten. Hier lauert sehr vereinzelt und bei nicht idealer Pflege der Rost. Sollte dies bei einem sonst einwandfreien Exemplar der Fall sein, bestehen (noch) gute Chancen, dass Mercedes rostbefallene Türen auf Kulanz austauscht.

Die Realität: Ein Vorfaceliftinnenraum mit seriösen Stoffsitzen und Schaltgetriebe. Das Zentraldisplay ist serienmäßig und wird mittels Dreh-Drück-Steller bedient


Viele B-Klassen wurden mit Automatik – in diesem Fall einem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe – ausgeliefert. Mechanisch ist die Transmission unauffällig, jedoch beklagen sich viele über hektische oder unsanfte Schaltvorgänge. Die sind oft Folge der mitlernenden Schaltsoftware und lassen sich resetten. Das lässt sich selbst sekundenschnell durchführen, indem bei eingeschalteter Zündung und ausgeschaltetem Motor eine Zeitlang Vollgas gegeben wird. Sollte dies nicht die gewünschten Resultate bringen, kann beim freundlichen Mercedeshändler eine neue Software aufgespielt werden. Sind dann immer noch Schaltfehler vorhanden könnte es allerdings teuer werden. Eine neue elektromechanische Steuereinheit schlägt mir Rund 1500 Euro zu Buche.


Kauftipp:

Auf unebener Straße das Fahrwerk abhorchen, oder noch besser auf der Hebebühne kontrollieren. Federn auf Brüche untersuchen. Auf rostige Türkanten achten. Ist der Wunsch-B noch rostfrei? Dann gründlich den Unterboden reinigen und schön konservieren. Schaltgetriebe sind problemlos, Automaten sollen sauber schalten.


Was nutzt das beste Getriebe, wenn der Motor nicht passt? Keine Sorge – die Motorenpalette ist ein wichtiger Beitrag zur erfreulich problemarmen TÜV-Statistik gebrauchter B-Klassen. Fangen wir bei den Benzinern an.

Die Ladehalle: Ins Heck passen je nach Konfiguration zwischen 486 und 1545 Liter Gepäck. Der Ladeboden ist höhenverstellbar


In fünf Leistungsstufen und mit zwei Hubräumen (1,6 und 2,0 Liter) sitzt hier immer der sehr moderne, turbogeladene Vierzylinder M270 mit Steuerkette. Bis auf eine Rückrufaktion zur flexiblen Nockenwellenverstellung sind hier keine großen Schwachstellen bekannt. Dank seiner Ausgleichswellen ist der Motor immer sehr laufruhig. Basis ist der B 160 mit 102 PS und 180 Newtonmeter Drehmoment. So lahm wie viele behaupten ist er gar nicht, dennoch darf es gern mindestens ein B 180 mit 122 PS sein. Der ist spürbar quirliger, und da er sich weniger anstrengen muss auch der sparsamste Benziner im B. Richtig Dampf bietet der 156-PS-starke B 200, der solide 220 km/h schnell wird. 184 oder 211 PS in B 220 und B 250 gehen gut ab, unterscheiden sich aber kaum und müssen nicht sein. Ein Sonderfall für Sparfüchse: Der B 200 Natural Gas Drive (Auch B 200 NGT oder später B 200 c genannt). Er entspricht bis aufs minimal höhere Drehmoment dem herkömmlichen B 200, tankt aber Erdgas. Haben Sie eine Tankstelle in der Nähe? Geheimtipp!


Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es mit dem B 220 4Matic und dem B 250 4Matic auch Allradmodelle gibt. Sie spielen für jeden der keine Gebirgsprobleme hat aber eine untergeordnete Rolle. Gleiches gilt für B 200 CDI 4Matic und B 220 CDI 4Matic – die Allradler unter den Dieseln. Knapp ein Liter Mehrverbrauch muss einfach nicht sein.


Der kleinste Diesel heißt B 160 CDI und hat magere 90 PS und 220 Nm. Ich bin Verfechter von Basismotoren, aber der hier ist zu lahm. 14 Sekunden auf Tempo 100 sind nicht mehr zeitgemäß, außerdem ist das Angebot an 160ern auch recht klein. Dieser 1,5-Liter-Motor wurde Mitte 2013 nachgereicht – ab hier ist auch der B 180 CDI im Hubraum geschrumpft. Dieser OM 607 entstammt der Partnerschaft mit Renault-Nissan und stammt aus Frankreich. Jedem, der jetzt Fackeln und Mistgabeln aus dem Keller holt sei aber gesagt: Motoren bauen können die Franzosen. Das Aggregat ist recht leise und angenehm drehfreudig und immer sehr sparsam. Den Gipfel bildet hier der B 180 CDI BlueEfficiency Edition mit einem Werksverbrauch von 3,6 Litern. Im echten Leben brauchen alle 1,5er um 4,5 Liter.

Schlussbild, wieder vor der Modellpflege: Hier wird der raumkapselige Charakter besonders deutlich. Der B-Fond bietet ein fürstliches Platzangebot – super für Kindersitze


In allen anderen B-Dieseln werkelt gerade nach dem Kaltstart gut hörbar der Allround-Selbstzünder OM 651 mit 1,8 beziehungsweise 2,1 Liter Hubraum. Er zeichnet sich durch enorme Langlebigkeit und ebenfalls akzeptable Verbräuche aus. Der Clou: Ab B 200 CDI (136 PS, 300 Nm) geht der Diesel richtig zur Sache, bleibt aber im Verbrauch bis ins 177-PS-starke Topmodell gleich – knappe fünf Liter. Die einzige wiederkehrende Schwachstelle dieses Aggregats sind die dünnwandigen Stahlkolben. Entsteht durch minderwertigen Kraftstoff, Kurzstreckenverkehr oder defekte Injektoren ein ungleichmäßiges Sprühbild der Direkteinspritzung, kann es durch die hohe punktuelle Belastung zu Löchern im Kolbenboden kommen. Das ist nicht irreparabel, erfordert aber einen kostspieligen Besuch beim Motorenbauer.


Wenn der Vorbesitzer nicht ausschließlich Langstecke gefahren ist, und anspruchslos beim Betanken war, lohnt sich dieser Besuch auch mit einem gesunden Daimler-Diesel. Für wenig Geld kann dann per Endoskop ein Bild vom Brennraum gemacht werden, und im Zweifel rechtzeitig gehandelt werden. Ich empfehle im Alltag immer die Zugabe von etwas Zweitaktöl in den Dieseltank. Dieser alte Taxifahrer-Trick hilft der gesamten Einspritzanlage bis in die Feinmechanik der Injektoren dabei, ordnungsgemäß zu arbeiten.


Es gibt auch noch eine Elektro B-Klasse (B 250 e), doch die ist nach wie vor sehr teuer und enttäuscht mit ihrer geringen Reichweite.


Kauftipp:

Die goldene Mitte zählt – egal ob für Benziner oder Diesel. Zu schwach sollte es vielleicht nicht sein, zu stark braucht in der B-Klasse kein Mensch. Mit dem OM651 ruhig mal zur Motoren-Prophylaxe fahren. Erdgas ist eine gute Alternative zum Diesel.


Fazit


Alles kann, nichts muss. Der Griff zur B-Klasse ist erst mal eine Grundsatzfrage. Das Auto berauscht nicht, erfreut dafür aber mit nachhaltiger Vernunft und fast ausschließlich positiven Attributen. Ja: Das Silbern-Beige-Alltags-Einerlei ist enorm groß, weshalb der Wunsch nach mehr oft das Studieren vieler einzelner Inserate bedarf, doch es kann sich lohnen. Ganz Mercedes waren der Vielfalt keine Grenzen gesetzt, man muss sie nur finden. Noch ist die B-Klasse auch als sehr junger Gebrauchtwagen zu haben. Wer ins neuste Infotainment und den frischesten Look investieren möchte, liegt nicht ganz falsch. Warum? Weil der Nachfolger ein extrem nerviges Problem mit dröhnenden Fahrgeräuschen hat, die auf Dauer zu Kopfschmerzen führen. MBUX ist zwar der letzte Schrei, und ein technisches Faszinosum – so richtig weiter bringt es einen im Leben aber auch nicht. Also: Wer gerade die ersten Exemplare der neuen B-Klasse sucht, sollte ebenfalls besser zum Vorgänger greifen.

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