Kaufberatung Renault Zoe: Schöne neue Alternativwelt mit Fragezeichen

Roland Wildberg

25 Jan. 2021

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Was Tesla bisher nur versprach, hat Renault lässig umgesetzt: die Elektroauto-Revolution. Der Kleinwagen Zoe ist nämlich Europas beliebtestes Elektroauto; über 200.000 Stück wurden bisher verkauft. Unsere Kaufberatung informiert Dich über die wichtigsten Punkte, wenn Du einen gebrauchten Zoe kaufen möchtest

(Fotos: Renault)


Während die Amerikaner offenbar noch lernen müssen den hiesigen Markt zu verstehen, hat Renault recht mühelos ein praxistaugliches Fahrzeug konstruiert und verkauft es seit acht Jahren. Dabei wird der Renault Zoe kontinuierlich verbessert, seine Akkus vergrößert und seine Wirtschaftlichkeit erhöht. Doch ein gebrauchter Zoe ist mit Vorsicht zu genießen. Das liegt daran, dass bisher kaum Daten über seine Langzeitqualität vorliegen.


·Der Renault Zoe wird seit acht Jahren gebaut. Dennoch ist das Angebot noch sehr gering: Es gibt aktuell nur 3000 gebrauchte Zoe. Der Preis beginnt ab 4000 Euro.


·Der Zoe ist das Schwestermodell des Clio. Damit sind einige Baugruppen identisch – und leider nicht sehr haltbar, verrät die TÜV-Statistik.


·In den Anfangsjahren wurden nur wenige Zoe verkauft, die meisten mit Miet-Akkus. Wer einen kauft, muss den Akku mieten oder teuer kaufen.


·Die Reichweite lag in den ersten Jahren bei allenfalls 150 Kilometern mit einer Akkuladung. Neuere Modelle haben eine Alltagsreichweite von maximal 250 km.


·Auf die Akkus gibt Renault acht Jahre oder 160.000 km Garantie. Sie ist übertragbar. Nach Ende der Garantie wird es teuer: Ein neuer Akku kostet 9000 Euro.

Im Kofferraum gibt es relativ viel Platz. Die Rückbank lässt sich umklappen, dann stehen insgesamt 1225 Liter Platz zur Verfügung


Du suchst nach einem billigen Elektroauto? Dann ist der Renault Zoe genau der richtige für Dich! Der Zoe ist das mit Abstand günstigste Elektroauto der neuen Generation. Gebraucht gibt es ihn bereits ab 4000 Euro. Mit über 200.000 verkauften Exemplaren ist es das meistverbreitete E-Auto in Europa: Der Tesla Model S zum Beispiel ist erheblich teurer und viel seltener. Hinzu kommt gegenüber dem Tesla der Vorteil der Service-Infrastruktur: Während Tesla bis heute nur ein Dutzend Vertragswerkstätten in Deutschland unterhält, kommen Zoe-Kunden in den Genuss des flächendeckenden Werkstatt-Netzwerks von Renault. Wer schon einmal mitbekommen hat, wie lange man bei Tesla auf einen banalen Inspektionstermin wartet, und wie weit man dafür fahren muss, weiß das schnell zu schätzen.


Natürlich ist der Zoe nicht so cool und fancy wie ein Tesla. Es ist eigentlich ein umgebauter Clio: Der Kleinwagen, den Renault parallel im Werk Flins im Großraum Paris baut, hat dieselbe Plattform. Dazu gehören Dämpfer, Lenkung, Radaufhängung etc. Der Zoe wiegt rund eine halbe Tonne mehr als der Clio, das geht aufs Konto der Batterie – Du musst also mit einem höheren Reifenverschleiß rechnen. Die Bremsen dagegen verschleißen kaum, weil sie durch die Bremsenergie-Rückgewinnung (Rekuperation) geschont werden.


Motor


Der Zoe macht die Wahl leicht: Es gibt im Wesentlichen nur einen Motor zur Auswahl. Der Vorderradantrieb ist ein Drehstrom-Synchron-Elektromotor, der bis 2016 rund 88 PS entwickelte. Das reicht für 0 bis 100 km/h in 13,5 Sekunden. Das Tempo wird bis Baujahr 2019 bei 135 km/h abgeregelt. Das ergibt Sinn, denn Bleifuß ist bei Elektroautos besonders unwirtschaftlich: Wer dauerhaft Vmax fährt, saugt den Akku in unter 60 Kilometer leer. Auch bei vorsichtiger Fahrweise ist der Zoe nicht äußerst sparsam: Der Alltagsverbrauch über alle Modelle liegt bei 16,5 Kilowattstunden auf 100 km/h, das ergibt bei einem Hausstrom-Tarif von 0,32 Euro pro kWh 5,30 Euro auf 100 km – wer an öffentlichen Ladesäulen zapft, zahlt mitunter das Doppelte. Du siehst: Elektroautos sind im Betrieb nicht sooo viel billiger!

Der Innenraum des Zoe ist einfach gestaltet. Da das Elektroauto kein Getriebe benötigt, gibt es beim Gangwahlhebel nur „vorwärts“ und „rückwärts“


Das Elektroauto-Fahren ist selbst in einem relativ kleinen Auto wie dem Zoe ein gewaltiger Spaß: Bis Tempo 50 beschleunigen alle Typen in unter 5 Sekunden, auch darüber geht es flott voran. Die fast geräuschlose Fortbewegung tut ein Übriges. Während Du vorn bequem sitzt, sind die hinteren Plätze – wie in vielen Kleinwagen – eher nichts für Erwachsene, die Kopffreiheit ist eindeutig zu gering. Doch der Kofferraum ist relativ geräumig: 338 Liter. Bei umgeklappter Rückbank sind es 1225 Liter, allerdings bleibt eine Stufe, weil der Akku darunter Platz frisst. Die Ausstattung ist relativ schlicht: Viele Sicherheitsassistenten fehlten in den Anfangsjahren, es gibt aber Tempomat, Rückfahrkamera, Parkpiepser, Licht- und Regensensor.


Kosten


Mit dem Zoe sparst Du beträchtlich: Neben wegfallenden Kosten für Verschleißteile bleibt Dir für zehn Jahre die Kfz-Steuer erspart. Auch parken kannst Du mit Glück kostenlos. Bei der Versicherung solltest Du – wenn der Akku nicht gemietet wird – auch eine Vollkasko inklusive der Batterie abschließen, um Schäden am Stromspeicher abzudecken. Am besten führst Du einen Versicherungsvergleich über Verivox, Check24 oder ähnlich Portale durch.


Black Box Akku


Über die großen Lithium-Ionen-Akkus, die im Renault Zoe und anderen modernen Elektroautos die Energie speichern, ist noch wenig bekannt. Die Erfahrungen zeigen zwar, dass sie sehr haltbar sind – doch ob häufiges Entladen und Schnellladen der Lebensdauer schaden, lässt sich bisher nicht zuverlässig feststellen. Wenn Du einen gebrauchten Zoe kaufst, solltest Du unbedingt das Batterie-Managementsystem über die OBD-Steckdose auslesen lassen. Lass Dir den Akkustatus ausdrucken! Dann weißt Du, wie oft der Zoe schon Schnellladungen erdulden musste und wie hoch die aktuelle Kapazität des Akkus ist. Nicht vergessen: Im Winter sinkt die Reichweite um bis zu 30 Prozent, weil der Akku bei Kälte weniger Strom abgibt.


Testfahrt


Bei einem Auto mit Verbrennungsmotor ist die Testfahrt einfach: Motor an, losfahren, auf verdächtige Geräusche achten usw. Beim Elektroauto musst Du unbedingt einen vollen Fahrzyklus testen. Heißt: Mit nachweislich 100 Prozent vollem Akku losfahren und bis zur Reserve gehen. Wenn der Verkäufer das nicht will, biete ihm an, die Akkufüllung zu bezahlen – wenn er ablehnt, Finger weg. Denn nur so gewinnst Du einen Eindruck, wie viel Lebenskraft in der Zoe-Batterie noch drinsteckt. Außerdem kannst Du auf diese Weise kontrollieren, ob die Elektronik einwandfrei arbeitet.


Mieten oder kaufen?


Die günstigsten gebrauchten Zoe haben immer eine Miet-Batterie: Sie kostet ja nach Laufleistung ab 59 Euro im Jahr (hier für 7500 km) zusätzlich. Das ist zwar ein hübsches Sümmchen extra, dafür bekommst Du auch mehr Sicherheit: Fällt der Akku aus oder seine Kapazität sinkt unter 75 Prozent, erhältst Du kostenlos einen neuen. Was ist nun empfehlenswert? Die Akkus gelten inzwischen als sehr zuverlässig. Tritt ein Schaden auf, wird eventuell nicht der gesamte Batterie-Block getauscht, sondern nur einige Zellen – das kostet ein paar hundert Euro. Doch wenn Du den Wagen nur ein paar Jahre fahren willst, lohnt sich der Akku-Kauf eventuell nicht. Denn es ist damit zu rechnen, dass ein alter Akku, der länger als fünf Jahre intensiv genutzt wurde, den Wiederverkaufswert des gesamten Autos heftig senkt.


Wiederverkaufswert


Schwierig ist bei Elektroautos generell die Berechnung des Wiederverkaufswerts. Das liegt zum Teil am Akku-Problem (siehe oben), zum anderen an der Elektroauto-Förderprämie: Bis zu 9000 Euro Förderung gibt es für neue E-Autos von Staat und Hersteller (Renault gibt sogar noch tausend Euro mehr) – das verzerrt die Preise gewaltig und wird in den nächsten Jahren den Wiederverkaufswert der teuren Technik stark drücken. Erst recht bei älteren Modellen, die hinsichtlich der Reichweite und Ladedauer nicht auf dem neuesten Stand sind. Es ist also kaum einzuschätzen, ob es möglich ist, ein gebrauchtes Elektroauto nur drei Jahre zu fahren und dann mit wenig Verlust wieder abzustoßen. Wenn Du die neue Technik einfach mal ausprobieren möchtest, solltest Du ein Auto-Abo mit einem E-Auto abschließen.


Wo lädst Du?


Grundregel: Ohne Hausanschluss solltest Du Dir besser kein Elektroauto kaufen, wenn Du als Pendler oder Berufskraftfahrer ständig darauf angewiesen bist. Wenn Du also in einem Mehrfamilienhaus ohne eigene Ladesäule wohnst, ist der Zoe eher nichts für Dich. Schau’ vor dem E-Autokauf in Deiner Nachbarschaft: Gibt es Lademöglichkeiten? Wie viel kostet es dort? Viele öffentliche Ladesäulen haben teure Tarife, da können Verbrenner mitunter billiger sein. Optimal ist eine eigene Garage mit Solarzellen-Dach – so sparst Du am meisten.

Der Renault Zoe kam 2012 auf den Markt, damals mit kleinem 22-Kilowattstunden-Akku. Damit kommst Du allenfalls 150 Kilometer weit


CCS-Laden


Wichtig: Wenn Du viel unterwegs laden musst, sollte Dein Zoe eine Schnelllade-Funktion haben, die so genannte CCS-Ladedose. Ohne sie dauert das Laden bis zu 28 Stunden. Renault bietet dieses Feature – wie auch andere Hersteller – bisher nur als teures Extra an. Die günstigsten gebrauchten Zoe haben zumeist keine CCS-Ladedose. Doch viele Verkäufer tragen das Feature nicht in die Fahrzeugbeschreibung ein; frag’ bei der Kontaktaufnahme danach. Bis 2020 war Schnellladen nur bis 22 kW möglich, doch das langt, um den relativ kleinen Akku in zwei Stunden zu füllen.


Verschleißteile


Großer Vorteil des elektrischen Zoe: Du sparst nach dem Kauf dauerhaft, weil viele teure Teile nicht an Bord sind und daher auch nicht kaputt gehen können. Auspuff, Kupplung, Kühlsystem, Benzinpumpe oder Getriebeöl gibt’s nicht im Zoe. Sein Elektromotor ist wartungsfrei. Dennoch musst Du alle 30.000 km zur Inspektion. Auch die Bremsen verschleißen nur wenig, weil das Bremsen teilweise vom Motor übernommen wird.


Über Fahrwerk, Lenkung und Rostempfindlichkeit ist bisher nichts bekannt, da die TÜV-Statistik den Zoe aufgrund geringer Stückzahlen bisher nicht aufführt. Doch da einige Baugruppen aus dem Schwestermodell Clio stammen, ist ein Vergleich naheliegend. Auch die Fertigungsqualität dürfte ähnlich sein, denn beide stammen aus dem gleichen Werk bei Paris. Den Clio IV bewertet der TÜV nicht mit Spitzenwerten, doch bisher sind die meisten Baugruppen in Ordnung, Rost war noch kein Thema. An der Clio-Achssaufhängung hat der TÜV häufig Mängel gefunden. Federn und Lenkung dagegen waren unauffällig.


Fazit


Der Zoe macht zwar beim Fahren Spaß, ist leise und lokal emissionsfrei – doch für viele Anwendungsfälle hast Du mit ihm allenfalls die zweitbeste Lösung. Wohnst Du in der Stadt, hast keine eigene Garage und musst häufig Langstrecke (+100 km) fahren, solltest Du besser einen Kleinwagen mit Verbrennungsmotor kaufen. Damit hast Du keinen Zeitverlust durch langes Laden und fährst auch sehr sauber, denn moderne Benzin- und Dieselmotoren sind inzwischen erstaunlich emissionsarm. Wenn Du aber nur wenig fährst oder eine eigene Garage (am besten mit Solaranlage) hast, kannst Du Dir den Spaß erlauben. Richtig „billig“ ist aber auch der Renault Zoe nicht. Dafür ist das Angebot noch viel zu klein.


Alternativen


Elektroautos sind – trotz des Booms der letzten Monate – noch immer selten, der Gebrauchtwagenmarkt muss sich erst entwickeln. Wenn Du keinen Zoe nach Deinem Geschmack findest, wäre der VW e-Up eine Alternative. Er ist allerdings noch viel seltener und erheblich teurer; aktuell werden unter 350 Fahrzeuge ab 9000 Euro angeboten. Etwas größer ist der Nissan Leaf, gebaut ab 2011. Aktuell sind über tausend Exemplare im Angebot, der Preis beginnt bei 7000 Euro.

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