Kaufberatung: US-Geländewagen für 10.000 Euro

Roland Wildberg

19 Feb. 2021

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In den USA darf es gerne ein bisschen mehr sein. Mehr Motor, mehr Platz und mehr Freiheit abseits befestigter Wege. Auch bei uns gibt es Fans der massiven US-Offroader. Damit Du nicht auf die Nase fallst, kommt hier die Kaufberatung der dicken Dinger. Das Beste daran: Schon für 10.000 Euro gibt's gute Autos

Was können die Big Macs unter den Offroadern?


Dass die US-Offroader meist erheblich größer als ihre europäischen Pendants sind, muss nicht weiter erwähnt werden. Und gibt es noch mehr, was man bei der Suche beachten sollte.


Punkt 1: Lieber keinen Diesel kaufen. Nicht erst seit dem Dieselskandal sind die Selbstzünder bei den Amis verpönt. Lieben Europäer sie wegen des erträglichen Verbrauchs und des hohen Drehmoments, verweisen die Amis auf ihre massigen V8-Benziner und legen im Zweifel lieber eine Schippe Hubraum nach. Dazu kommt, dass Sprit in den USA immer noch vergleichsweise billig ist. Außerdem ist Diesel in Übersee dreckig (hoher Schwefelgehalt) und steht im Ruf, nur für Lkw zu taugen. Das führt zu geringer Nachfrage, und daher sind die Pkw-Dieselmotoren der Amerikaner – so denn überhaupt vorhanden – unausgereifter. Oder wie beispielsweise beim Jeep Cherokee setzte man auf zugekaufte Ware, die aber auch nicht wirklich gut ist.


Punkt 2: Die meisten Amis sind Exoten. Schon mal vom Dodge Durango oder Chevrolet Avalanche gehört? Eben. Während Du vielleicht mit Jeep Wrangler und Cherokee etwas anfangen kannst, auch von Ford Explorer oder dem riesigen Hummer schon mal gehört hast, sind Fahrzeuge wie der Durango, in den USA alltäglich, hierzulande kaum bekannt. Die meisten dieser Exoten wie der GMC Yukon schafften es nie über offizielle Herstellerkanäle über den Großen Teich, sondern es handelt sich zumeist um Grauimporte ohne Herstellergarantie. Die geringen Stückzahlen – manchmal gibt es in Deutschland nicht mal 50 Exemplare – führen zu den typischen Exotenproblemen. Zwar ist die Ersatzteilbeschaffung nicht sonderlich schwierig, meist trotz Fracht, Zoll und Umsatzsteuer sogar günstiger als bei BMW X5 & Co., aber es dauert eben. Und im schlimmsten Fall findest Du keinen Spezialisten, der sich mit dem Fahrzeug tatsächlich auskennt – oder er nimmt Mondpreise.

Wir haben Dir daher fünf gängige Modelle rausgesucht und nennen die typischen Punkte, auf die man beim Kauf eines gebrauchten Big Macs achten sollte.


Für alle gilt: Eventuell passen sie nicht durch die schmale Zufahrt Deines Lieblings-Drive-In...


Jeep Cherokee XJ


Mit dem 1984 präsentierten Jeep Cherokee XJ bekommst Du für 10.000 Euro ein Spitzenexemplar des hochbegabten Kraxlers. Der Cherokee hat zudem im Alltag den Vorteil, europäische Ausmaße zu besitzen. Da wird das Einparken nicht zur Qual. Trotz seiner selbst tragenden Karosse ist das Auto kein SUV, sondern ein Geländewagen alter Schule und dementsprechend begabt abseits der Straße.

Der Jeep Cherokee XJ war der erste Wagen der Firma mit einer selbsttragenden Karosserie, trotzdem gilt er als echter Geländewagen (Foto: Jeep)


Der Fahrkomfort ist ebenfalls von der alten Schule, im Gegenzu genießt der Antriebsstrang den Nimbus der Unzerstörbarkeit. Dafür muss man unbedingt die Kombination des 4,0-Liter-Sechszylinders (ab 1987) mit der Viergang-Automatik wählen. Wird dieser nicht mit Volllast über die Autobahn geprügelt, schafft der Motor 300.000 Kilometer und mehr. Alle anderen Motoren gelten als vergleichsweise lahm und unzuverlässig.

In Deutschland ist nur die geschlossene Variante bekannt, in den USA wurde auch eine Pickup-Version angeboten (Foto: Jeep)


Ein ungewöhnlicher Mangel kann auftreten: Das Verteilergetriebe des Allradantriebs leidet unter mangelnder Schmierung, wenn der Jeep zu selten im Allradmodus gefahren wurde. Bei der Probefahrt sollten deshalb alle Modi ausprobiert und geprüft werden. Dabei ist wichtig zu wissen, dass der Antriebsstrang schon in gutem Zustand reichlich mechanische Geräusche von sich gibt.

Typisch amerikanischer Innenraum, Leder und Klimaanlage waren nicht serienmäßig (Foto: Jeep)


Die meisten Cherokee sind über 20 Jahre alt. Erst ab 1996 gab es so etwas wie einen nennenswerten Rostschutz. Tritt die braune Pest auf, dann rund um die Scheibengummis vor allem an der Frontscheibe und bei den üblichen Verdächtigen wie Türböden und Radläufen.


Jeep Wrangler


Mehr Klassiker als Jeep Wrangler (TJ, 1997 bis 2006) geht nicht, außer ihr nehmt ein noch älteres Exemplar. Sind moderne SUV schon mit leichtem Gelände überfordert, gibt es selten etwas, das den Wrangler am Weiterkommen hindert. Die klassische Form bedingt allerdings auch, dass der kurze Wagen hinten nur ein Büßerbänkchen bereitstellt, das bestenfalls für kurze Touren geeignet ist. Vorteil: Verdeck herunter (was allerdings dauert), und fertig ist das Cabrio. Rustikal geht es im Innenraum zu, rustikal ist auch der Fahrkomfort. Und auch die Sicherheitsausstattung: Obwohl relativ neu, hat er nicht mal ABS.

Der amerikanische Klassiker: Als Jeep Wrangler mit abnehmbaren Hardtop erfreut er sich als geländegängiges Cabrio weltweiter Beliebtheit (Foto: Jeep)


Das Verdeck selbst hält nicht sonderlich lange, abhängig von der Pflege. Im Schnitt wird eine neue Haut alle sechs Jahre fällig, was mit 700 Euro zu Buche schlägt (ohne Gestänge). Apropos Einsatzzweck: Viele Jeeps werden auf Grund ihrer Offroad-Fähigkeiten tatsächlich im Gelände genutzt. Deshalb solltest Du den Unterboden unbedingt auf Kampfspuren checken. Wenn Du schon da unten bist, gönn der Schutzplatte des Verteilergetriebes einen prüfenden Blick. Das Gehäuse musste abgesenkt werden, um Platz für den Kompressor der Druckluftsperren zu schaffen, was beim Überfahren von kurzen und hohen Hindernissen zu Aufsetzern führen kann. Achtet unbedingt darauf, dass die Sperren funktionieren.


Die Rostvorsorge ist viel besser als in den früheren Exemplaren, die an allen Ecke und Kanten braun wurden. Richtig gut ist sie aber immer noch nicht, deshalb den Scheibenrahmen kontrollieren und die Bodenbleche unterm Teppich.


Die Technik ist insgesamt eher robust. Der beste Motor, der gut zum gesamten Charakter des Wranglers passt, ist der 177 PS starke Vierliter. Zwar können hier wie bei den kleineren Motoren die Krümmer oder dessen Bolzen reißen, auch ist der Simmerring häufiger ölfeucht. Aber insgesamt ist der Motor problemlos. Das gilt ebenso für die Fünfganggetriebe wie die Automatik. Knackt es von der Hinterachse her, ist die Reibscheibe des Differenzials fällig.


Dodge Ram


Der Dodge Raum ist etwas für Leute, die einen 38-Tonner-Sattelschlepper in der Stadt unhandlich finden, die aber trotzdem das größtmögliche Auto fahren wollen. Allein mit dem Chrom des Kühlergrills könnte Mercedes zwei S-Klassen aufhübschen, und es wäre immer noch etwas übrig.


Seit der zweiten Generation 1994 trägt der Ram dieses typische Gesicht. Es gibt ihn als Einzel- oder Doppelkabine, er ist immer über fünf und bis zu 7,4 Meter (!) lang. Es gibt Versionen mit Zwillingsbereifung hinten. Insgesamt ein riesiges Gefährt. In der dritten Generation erschien das Topmodell Dodge Ram SRT10. Es war mit dem 8,3-Liter V10 aus dem Dodge Viper (371 kW/505 PS, 730 Nm) ausgerüstet – und steht als schnellster Serientruck im Guinness Buch der Rekorde.

Der Dodge Ram ist ein riesiges Auto, dieser hier hat die beliebte Doppelkabine (Foto: National Highway Traffic Safety Administration)


In seiner Heimat USA ist der Dodge Ram meist ein reines Arbeitstier. Gerade spätere Importe aus den USA, die dort auch gelaufen sind, sollten deshalb über Carfax geprüft werden. Diese Auskunftei anzuzapfen kostet rund 35 Euro. Damit erhältst Du Informationen über größere Reparaturen und Unfälle des Fahrzeugs. Der Dodge Ram ist zwar als Geländewagen einsetzbar, versteht sich aber in erster Linie als Pickup. Für einen Geländewagen liegt er im Serientrimm ziemlich tief und hat einen langen Radstand, weshalb es zu Aufsetzern kommen kann. Checkt deshalb die Schweller (hier Rocker Panels genannt), die auch im Steinschlagbereich der Vorderräder liegen. Je breiter die Räder, desto größer das (potenzielle) Problem.


Wegen des hohen Verbrauchs liegen Umrüstungen auf Autogas im Trend. Hat er die Umrüstung, müsst ihr den Tank auf Rost checken, sonst gibt’s Ärger beim TÜV. Vor allzu hohem Verbrauch schützen die Dieselmotoren vom Zulieferer Cummins. Sie sind – ausnahmsweise – sehr gut; der Cummins ISB Dieselmotor der dritten Generation bekam sogar mal eine Auszeichnung.


Den Dodge plagen im Alter zunehmend Elektrikprobleme. Bei neueren Dodge Ram werden Störmeldungen im zentralen Display angezeigt, darauf solltest Du bei der Probetour achten. Aber Vorsicht: Diese Anzeigen können vom Besitzer selbst zurückgestellt werden – also nicht blind darauf vertrauen, wenn sie nichts anzeigen.

Die Motoren gelten insgesamt als sehr robust, in Deutschland gibt es viele Exemplare mit über 300.000 Kilometern. Bei höheren Laufleistungen alle Verschleißteile checken, vor allem die hochbelastete Bremse (der Ram wiegt immer mindestens 2200 Kilo) sowie alle Achsmanschetten. Ölverlust kommt ebenfalls vor, den V8 also von unten wie oben daraufhin prüfen. Riecht das Kühlwasser nach Abgas? Dann ist die Zylinderkopfdichtung hin.


Der Innenraum ist eher wenig ansehnlich, hier erwartet einen die übliche Plastikwüste. Aber wenn der Dodge nicht im harten Handwerkereinsatz dienen musste, ist die Inneneinrichtung robust.


Die Heckklappe ist sehr schwer, hier gilt es die Scharniere und deren Umgebung auf Rost zu prüfen. Auf der Ladenfläche solltest Du unter die schützende Kunststoffwanne schauen und nach Rost fahnden.


Chevrolet Suburban


Als Amerika im Wilden Westen noch so war, wie ihr euch Amerika vorstellt, da konstruierte Chevrolet den Suburban. Seit den 1930er-Jahren gibt es ihn, und eigentlich war er seiner Zeit immer hinterher. Das macht seinen Charme aus, doch er hat auch praktische Qualitäten. Die achte Generation (1973 bis 1991) kommt den meisten bekannt vor, immerhin wurde sie 18 Jahre lang gebaut. In drei Sitzreihen finden bis zu neun Personen Platz und müssen sich dabei nicht eng zusammenquetschen. Flughafentaxi, bei Polizei und Feuerwehr im Einsatz, solche Sachen schafft er weg, der Suburban. Gerüchten zufolge bildet sein stabiler Rahmen das Rückgrat für die gepanzerten Limousinen des US-Präsidenten.

Der Chevrolet Suburban bietet neun Personen Platz und eignet sich auch zum Ziehen riesiger Anhänger, hier ein Airstreams (Foto: Chevrolet)


Eine Sache noch: Auch wenn er wie ein Geländewagen aussieht und reichlich Bodenfreiheit hat, so war Allradantrieb immer eine kostenpflichtige Option. Hat er den, steht dem gepflegten Trip der Großfamilie in die Wüste nichts im Weg. Die Technik ist im Prinzip uralt, so dass auch durchschnittlich begabte Schrauber klar kommen. Ersatzteile gibt es gut und günstig.

Obwohl der Suburban eindeutig als Geländewagen zu identifizieren ist, kostete Allrad Aufpreis. Serienmäßig waren die riesigen Ausmaße des Autos (Foto: Chevrolet)


Für 10.000 Euro gibt es dank der Beliebtheit des Chevrolet Suburban kein Spitzenexemplar, sondern mindestens eins mit Patina. Rost und abgenutzte Verschleißteile durch das hohe Gewicht sind die größten Feinde dieses Amis. Und natürlich der Spritverbrauch des V8, unter 20 Liter geht kaum was!


Hummer H2


Das ist doch mal eine Überleitung: Der martialische Hummer H2 ist technisch eng verwandt mit dem Chevrolet Suburban, allerdings einer späteren Generation als der oben beschriebenen. Er wurde konstruiert, um von der ziemlich plötzlichen Popularität des militärischen Hummer H1 zu profitieren, als Arnold Schwarzenegger sich einen gönnte. Kann der Hummer H1 selbst für amerikanische Verhältnisse als sehr groß gelten, ist der H2, um den es hier geht; immerhin noch sehr wuchtig. In Deutschland wurde er nie offiziell verkauft, doch schafften es mehrere Hundert Exemplare als Grauimporte zu uns. Produziert wurde er zwischen 2003 und 2010. Da er kein Verkaufserfolg war, bekam er keinen direkten Nachfolger.


Die meisten H2 haben geschlossene, viertürige, kombiartige Aufbauten. Die ab 2005 erhältliche Pickup-Version mit offener Ladewanne ist hierzulande ein Exot unter Exoten. US-typisch hat ein Hummer Vollausstattung. Leder und Klimaautomatik sind nur ein Teil der Luxusausstattung. Zur Bedienung braucht ihr eigentlich nur einen Finger, der entweder einen Knopf drückt oder das leichtgängige Lenkrad führt.

Diesen Auftritt martialisch zu nennen ist die Untertreibung des Jahres. Der schwere Offroader verfügt über V8-Benzinmotoren mit mindestens 6,0 Liter Hubraum

(Foto: Greg Gjerdingen, Willmar, USA)


Der Hummer H2 sieht nicht nur aus wie ein richtiger Geländewagen, er ist es. Riesige Räder, Geländeuntersetzung der Automatik, Differentialsperren und elektronische Traktionskontrolle helfen über Stock und Stein. Seine Fähigkeiten abseits der Straße sind unbestritten, und es gibt neben den riesigen Ausmaßen nur einen Grund, der ihn stoppen könnte: Sein sehr hohes Gewicht von leer 2,9 Tonnen lässt ihn im Matsch schnell versinken. Der zuerst 6,0 Liter, ab 2007 6,2 Liter große und 389 PS starke V8 hat große Mühe, diese Festung von einem Auto voranzubringen. 20 Liter genehmigt er sich für seine Dienste auf 100 Kilometer immer. Die fast 400 PS reichen nur für einen Spurt null-hundert in 11,0 Sekunden, bei 160 km/h ist er elektronisch abgeriegelt.

Unbestritten waren die hervorragenden Geländeeigenschaften des Hummer H2. Dennoch war der Wagen kein Erfolg. Jetzt wird über eine Neuauflage nachgedacht – als Elektroauto (Foto: OSX)


Weit unter dieser Maximalgeschwindigkeit solltest Du es auf der Autobahn bewenden lassen, da das Kühlsystem nicht für Dauervollgas ausgelegt ist. Zu den gewichtsbedingten Schäden zählen ausgeschlagene Achsgelenke, und auch die Automatik gerät leicht unter Stress. Häufige starke Beschleunigung quittiert sie mit defekten Bremsbändern. Zieht bei warmen Motor den Peilstab der Automatik heraus und riecht daran: Steigt euch ein verbrannter Geruch in die Nase, kostet die fällige Überholung rund 3000 Euro.


Der Hummer H2 ist eher unterdurchschnittlich gegen Rost geschützt. Befallen sind die üblichen Stellen wir Endspitzen der Schweller, Türkanten und Radläufe. Unter dem Auto checkst Du ihn auf geländetypische Schäden wie Dellen oder Kratzer durch Aufsetzer sowie eventuellen Ölverlust an den Gelenkwellen.

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Roland Wildberg

19 Feb. 2021