Kaufberatung VW Golf VII: Der alte König war der Beste

Roland Wildberg

25 Nov. 2020

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Kennen Sie diese Leute, für die früher alles besser war? Sind Sie selbst einer? Wir müssen Ihnen ausnahmsweise Recht geben: Der alte VW Golf war der Beste – und wird es wohl noch eine Weile bleiben.

(Fotos: VW)


Kennen Sie diese Leute, für die früher alles besser war? Sind Sie selbst einer? Wir müssen Ihnen ausnahmsweise Recht geben: Der alte VW Golf war der Beste – und wird es wohl noch eine Weile bleiben.

Wir meinen natürlich den Golf VII. Denn die Kinderkrankheiten des neuen Golf der 8. Modellreihe sind noch längst nicht behoben. Und so zeigt es sich wieder: Never change a running car. Sinngemäß übersetzt: Nach einem Modellwechsel empfiehlt es sich zunächst, dem alten Modell die Treue zu halten.


Der Golf VII (werksintern Typ 5G) wurde von 2012 bis 2020 gebaut und blieb die Cashcow von Volkswagen: Rund sechs Millionen Stück hat der Konzern verkauft.


Das zeigt auch der Gebrauchtwagenmarkt: Dort gibt es über 50.000 Golf VII in allen Ausstattungen und Motorisierungen – als Sport-Golf GTI, Hybrid- und Elektroauto.


Das klassenlose Kompaktauto hat bei TÜV und Dekra Bestnoten. Bisher treten keine größeren Mängel auf. Grundsätzlich sind die jüngeren Baujahre besser.


Der Golf VII ist beim Dieselskandal bisher glimpflich davongekommen. Trotz mehrfacher Anschuldigung wurde dort bisher keine illegale Technik entdeckt.


Das große Angebot und der Nachfolger drücken die Preise: Gebraucht-Gölfe mit unter 100.000 km gibt es bereits für weniger als 7000 Euro.

Im Golf 7 haben auch die Passagiere auf den Rücksitzen ausreichend Platz. Als Motoren gibt es Benziner und Diesel, aber auch alternative Antriebe


Er bleibt DAS Auto: Volkswagen hat vom Golf VII fast so viele Exemplare verkauft wie vom Ur-Modell Golf I. Inzwischen gibt es den Nachfolger – und der zeigt, dass die Digitalisierung auch für den größten Autobauer der Welt kein Pappenstiel ist: Softwareausfälle aller Art plagen den Golf VIII, das kann bis zum Ausfall des kompletten Displays während der Fahrt führen. Vorläufig sollte man also vom nagelneuen Golf 8 die Finger lassen – eine Steilvorlage für Gebrauchtwagenkäufer, die es ja eigentlich schon immer gewusst haben.


Ein ausentwickeltes Produkt

Dazu passt eines der ungeschriebenen Gesetze beim Autokauf: „keine Experimente“ – bevor bei einem Modell die Kinderkrankheiten weg sind, können Jahre vergehen. Mitunter dauert es bis zum Facelift. Besser, man kauft ein ausentwickeltes Modell. Auch das spricht für den Golf VII. Hinzu kommt die große Auswahl: Will ihr Anbieter nicht mit dem Preis herunter, wartet um die Ecke schon das nächste Exemplar.


Es gibt die Massenware des Marktführers in einer riesigen Vielfalt: Als Drei- oder Fünftürer, mit Allrad oder Frontantrieb, als Benzin-, Diesel-, Erdgas- oder Elektro-Golf. Ab 2013 gab es auch wieder einen Kombi, den 4,66 Meter langen Variant oder als höhergelegten Microvan Golf Plus, den vor allem ältere Mitmenschen schätzen. Nur ein neues Cabriolet gab es nicht; stattdessen wurde der alte Golf VI Cabrio weiter gebaut und 2016 eingestellt. Aktuell werden weit mehr als 22.000 Golf VII mit frischer HU angeboten, davon über 16.000 mit unter 50.000 Kilometer auf dem Tacho. Fast ausschließlich Fünftürer sind auf dem Markt, ein Viertel davon Kombis. Ein Viertel des Bestands hat Benzinantrieb. Elektro-Gölfe sind rar.


Gewichts- und Spritersparnis

Der Golf VII ist als Konstruktion eng mit dem Audi A3 verwandt, beide (und noch weitere Modelle des Volkswagen-Konzerns) nutzen die Plattform MQB (modularer Querbaukasten). Als Innovation hat die siebte Golf-Generation eine Gewichtsersparnis von bis zu 100 Kilogramm gegenüber dem Vorgänger, weil neuartige, hochfeste Stähle für die Karosserie verwendet wurden. Auch wird erstmals ein sparsamer Dreizylinder-Benzinmotor mit 85 PS angeboten, der im Alltag unter sechs Liter auf 100 km verbraucht.


Stärkster Motor in Deutschland ist der 310 PS starke Vierzylinder im Golf GTI Clubsport S, der den Wagen in 5,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h katapultiert. GTI-Modelle sind allgemein sehr nachgefragt und kosten ab etwa 12.000 Euro. Auch die Variante Golf R mit mindestens 300 PS ist selten und teuer. Insgesamt werden derzeit etwa 3000 dieser sportlichen Golf-Modelle angeboten. Wer sich für einen R oder GTI interessiert, sollte besonders Fahrwerk, Bremsen und Kupplung einer gründlichen Prüfung unterziehen, da diese Baugruppen bei sportlicher Fahrweise besonders beansprucht werden.


Zwielichtige Dieselmotoren

Die gesamte Palette an Dieselmotoren, die im Golf tätig sind, wurden von einem einzigen Triebwerk abgeleitet: Es heißt EA288 und ist der Nachfolger des „Schummeldiesel“ EA189. Kürzlich wurde auch dieser Motor, der Euro 6 erreicht, mit dem Dieselskandal in Verbindung gebracht: Auch dieser Vierzylinder mit 90 bis 184 PS Leistung enthält angeblich eine Abschalteinrichtung, die beim Laufen auf dem Prüfstand die Verbrauchswerte „optimiert“.


Laut ADAC, der Untersuchungen durchführte, konnte bisher keine unzulässige Technik entdeckt werden. VW weist Anschuldigungen zurück. Klagen von Kunden mit EA288-Motoren hätten die Gerichte bisher zu 99 Prozent abgewiesen, gibt Volkswagen an. Allerdings wird auch ein Software-Update für den Motor angeboten, das den Verdacht zu bestätigen scheint. Dabei sollen Lebensdauer, Leistung und Verbrauch nicht tangiert sein. Übrigens ist es auch möglich, diese Motoren mit Nachrüst-Katalysatoren auszustatten, um den Stickoxid-Ausstoß zu reduzieren. Dafür bietet VW eine Kostenübernahme von bis zu 3000 Euro an.


Soll man einen EA288-Diesel vermeiden? Die hohe Qualität der Motoren steht außer Frage. Ein Verlust der Zulassung scheint auch kein Thema mehr zu sein. Der Verbrauch ist ohnehin sehr gut: Die 105 PS starke 1,6-Liter-Maschine (1.6 TDI) verbraucht im Alltag rund 5,3 Liter auf 100 km. Noch sparsamer ist der kleinste Diesel mit 90 PS, er schluckt nur 5,1 l.


Sonderfall Elektro-Golf

Der sogenannte E-Golf ist ein Sonderfall: Seit 2014 gebaut, ist er bisher nur in sehr geringen Stückzahlen auf dem Markt. Bis 2017 leistete der Motor 115 PS, danach 136. Die Höchstgeschwindigkeit betrug erst 140, dann 150 km/h. Die Akku-Kapazität wurde erheblich gesteigert, sie liegt nach dem Update bei 31,5 kW/h. Im Alltag liegt der Stromverbrauch bei etwa 14,38 kW/h, was eine Reichweite von etwas über 200 km erlaubt. Aktuell sind weniger als 300 gebrauchte E-Golf auf dem Markt, der Preis startet bei etwa 15.000 Euro. Achtung: Eine Schnellladevorrichtung (CCS) ließ sich VW beim E-Golf teuer bezahlen. Achten Sie also darauf, dass dieses Extra wirklich drin ist. An der Haussteckdose dauert es 17 Stunden.

Erstmals gibt es seit 2014 auch einen elektrisch angetriebenen Golf: Der e-Golf hatte anfangs 115, ab 2017 dann 136 PS


Sonderfall Erdgas-Golf

Die Abkürzung TGI steht für Erdgas: Bis 2018 bot VW den Golf VII mit 110 PS Erdgasmotor an, im letzten Baujahr leistete der Vierzylinder 130 PS. Die Gastanks sind unter dem Wagenboden angebracht, nehmen also keinen Platz im Innern weg. Im Alltag verbraucht der TGI etwas über vier Kilogramm auf 100 km, das entspricht Kosten von weniger als fünf Euro. Wer so günstig fahren will, muss allerdings lange suchen: Aktuell werden nur rund 200 Erdgas-Golf der 7. Generation angeboten, der Preis beginnt bei rund 10.000 Euro.


Technische Schwächen

Der Golf VII hat bisher kaum nennenswerte Schwachpunkte: Relativ häufig treten beim Golf VII Scheinwerfer mit beschlagenen oder milchigen Gläsern auf. Volkswagen geht jedoch zumeist mit Beschwerden kulant um und tauscht die betroffenen Teile.


Eine häufige Auffälligkeit betrifft die DSG-Getriebe: Die Doppelkupplungsgetriebe schalten mitunter unsanft oder zum gefühlt falschen Moment. Offiziell wird das als Fehlfunktion nicht anerkannt. Ein Getriebeölwechsel hat schon oft geholfen. Da im übrigen DSG nicht sparsamer ist als Handschaltung, kannst Du darauf verzichten. Aber natürlich ist Automatik bequemer...


Türverkleidungen scheinen in einigen Chargen fehlerhaft zu sein, es kann zu Undichtigkeiten und Windgeräuschen kommen. Neue montieren ist billig.


Wasserpumpen und Kühlmittelregler der Baujahre 2013/14 gehen schon nach 30.000 km kaputt. Schau’ im Serviceheft, ob hier schon einmal repariert wurde.


Federn und Stoßdämpfer werden vom TÜV vergleichsweise oft beanstandet. Kaufst Du einen Golf mit vielen Kilometern – jenseits der 80.000 – solltest Du diese Teile gut prüfen.


Ein Ölwechsel ist alle 15.000 km notwendig.


Insgesamt ist die hohe Fertigungsqualität beim Golf spürbar: Sitze sind fester, Armaturen wirken dick und stabil, die Schaltung läuft präzise durch die Kulisse. Der Kofferraum ist mit mindestens 380 Liter für seine Klasse groß, auch auf den Rücksitzen haben Erwachsene ausreichend Kopffreiheit. Die Ausstattung ist auf der Höhe der Zeit: Immer an Bord sind Klimaanlage, Radio, elektrische Fensterheber und sechs Airbags.

Es gibt Handschaltgetriebe mit fünf oder sechs Gängen sowie ein Doppelkupplungsgetriebe mit Siebengang-Automatik


Begehrte Extras (solltest Du bereits im Inserat suchen – und bei der Probefahrt auf Funktion testen): Klimaautomatik „Climatronic“, LED-Scheinwerfer, Sitzheizung, Einparkhilfe hinten, Tempomat, Navi. Gewöhnungsbedürftig ist die zunehmende Abwendung von Knöpfen und Tasten – und die Hinwendung zu Touch-Displays. Daran muss man sich gewöhnen. Auch die Gestensteuerung, die mit dem Facelift 2016 eingeführt wurde, verlangt dem Fahrer anfangs etwas Geduld ab.


Tipp: Golf Sportsvan

Wer ein Auto nicht wegen seines Aussehens, sondern wegen des Nutzwerts kauft, sollte zur Modellvariante Golf Sportsvan greifen. Das ist, vereinfacht gesagt, der Golf mit größerer Bodenfreiheit und Sitzhöhe. Zwei einfache Gründe für diese Kaufempfehlung:

1. Ist schon der Golf nicht gerade „cool“, so gehört der Microvan eher zur Kategorie „Nutzfahrzeug“. Der Sportsvan wird vor allem wegen seiner praktischen Eigenschaften gekauft. Zumeist von älteren Menschen, die es schätzen, dass sie relativ leicht ein- und aussteigen können. Sie wählen zumeist gedeckte Farben, kleine Motoren und spärliche Ausstattung. Das alles hat einen Einfluss auf die Nachfrage – ein Golf Sportsvan wird nie so begehrt sein wie andere Modelle – und damit auf die Preise und Standzeiten.

2. Der Golf Sportsvan (in früheren Baureihen hieß er „Golf Plus“) ist vor allem bei der älteren Generation beliebt – und das sind zumeist Menschen, die bedächtig fahren und ihr Auto sorgfältig pflegen. Beim Kauf eines Gebrauchtwagens ist es stets extrem wichtig, wie der Vorbesitzer mit dem Fahrzeug umging. Bei einem Golf Sportsvan steigt die Chance, ein gut erhaltenes, durch ruhige Fahrweise geschontes Fahrzeug zu erhalten.

Der Golf Sportsvan ist ein Golf mit höher gelegter Karosserie und höherem Fahrgastraum. Er spricht damit ältere Kunden an


Alternativen

Wer sich auf die bewährte Konzerntechnik verlassen will, aber in etwas exklusiverer Aufmachung, kauft einen Audi A3 (Baureihe 8V), gebaut 2012-2020. Der Hyundai i30 als Kontrast aus Korea kam erst 2017, steht aber technisch dem Golf in wenig nach. Ab etwa 9000 Euro findest Du welche. Auch der Opel Astra (Baureihe K) ist eine würdige Alternative: Gebaut seit 2015, hat er bisher eine gute Qualität gezeigt. Ab etwa 8000 Euro gibt es Astra mit neuem TÜV.

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