Kia Ceed: Golf oder Silber?

Attila Langhammer

25 Feb. 2021

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Die dritte Generation des Kia Ceed ist starker Herausforderer in der Golf-Klasse. Unsere Kaufberatung klärt, was der Korea-Kompakte kann und mit welcher Konfiguration Du das meiste herausholst

(Fotos: YesAuto)

In dieser Kaufberatung zum Kia Ceed wird es auch um den Golf gehen. Warum? Da gibt es mehrere Gründe: Viele Autokäufer halten den Golf in der Kompaktklasse noch immer für das Maß aller Dinge. Viele Autokäufer denken immer noch, "die Koreaner" importieren das selbe minderwertige Zeug, mit dem sie vor über 20 Jahren auf den deutschen Markt gekommen sind.


Bevor ich mich hier ans theoretische Zerlegen der Innereien mache, fange ich draußen an. Und da geht der Kia Ceed mit seinen Karosserievarianten in Führung: Es gibt ihn als klassischen Fünftürer sowie als klassischen Kombi (Kia: Sportswagon) und dazu den höhergelegten Xceed sowie den verschwenderisch nutzwertreduzierten Slimsize-Kombi Proceed. Den Golf gibt's als kurzen und langen Fünftürer.

In puncto Performance liegt der Golf ganz klar vorn: dem R mit 320 PS (ab 49.260 Euro) hat Kia nix entgegenzusetzen, der stärkste Ceed ist der GT mit 204 PS (ab 31.090 Euro). Und auch unterhalb der Höchstleistungen entscheidet VW das Motorenkapitel für sich. Rein nach den Leistungsvarianten steht es bei den Benzinern 7:4; bei den Dieseln 3:1; bivalente Antriebe 1:0 und bei den Hybridvarianten 2:1 – zumal Kia die E-Unterstützung nur für den Kombi anbietet. Aber: in dem für die Kompaktklasse sinnvollen Leistungsbereich zwischen 100 und 150 PS liegen beide etwa gleich auf. Theoretisch fehlt dem Kia vielleicht ein Diesel um 100 PS, aber an der Stelle stehen Aufwand und Nachfrage wahrscheinlich nicht im Verhältnis.


Der Basispreis


Dafür punktet Kia mit dem Einstiegspreis: Für 16.690 Euro bekommst Du einen Kia mit drehfreudigem 100-PS-Dreizylinder unter der Haube – und tendenziell geben die meisten Händler auf diesen Preis noch einen Rabatt. Neben der überschaubaren, aber akzeptablen Grundausstattung Attract – 5-Zoll-Infotainment, Bluetoothfreisprecheinrichtung, Multifunktionslenkrad, Notbremsassistent, vier elektrische Fensterheber und leider auch dem aktiven Spurhalteassistenten – bekommst Du vor allem ein Auto mit einem großzügigen Raumangebot. Das spiegelt sich nicht nur in den guten Platzverhältnissen auf den Sitzplätzen wieder, sondern auch in einem der größten Ladevolumen in der Klasse – 395 bis 1291 Liter fasst der Kofferraum. An der schmalste Stelle erlaubt das Gepäckabteil übrigens eine Ladebreite von 1,05 Meter. Klassenüblich sind eher 99 bis 101 Zentimeter, da sind rund fünf Prozent extra doch ganz nett und manchmal auch nötig.

Das einzige echte Manko mit dem ich raummäßig Probleme hatte, ist der relativ flache Türausschnitt. An der höchsten Stelle misst der rund 92 Zentimeter und weil der Anstieg der A-Säule flach und lang ist, musste ich mich da immer wieder reinfädeln. Achte bei einer Probefahrt darauf, ob Dich das nervt oder ob Du bequem darunter durchschlüpfst.


Serienmäßig ist beim Kia Ceed auch der komfortable Fahreindruck: die Lenkung ist akkurat und leichtgängig, das Fahrwerk dämpft und federt erwartungsgemäß entspannt, nervt aber nicht mit schaukeliger Seitenneigung bei zügiger Kurvenfahrt. Einen Fahrmodusschalter, der neben dem normalen auch noch einen Öko- und einen Sportmodus ermöglicht, gibt es erst ab der dritten Ausstattungslinie Vision und nur für Fahrzeuge mit Doppelkupplungsautomatik oder die Mildhybride serienmäßig. Auf Sport werden die Gasannahme und die Schaltvorgänge angespitzt, im Ökomodus geht's behäbiger zu und die Mildhybriddiesel fangen das Segeln an, wenn der Fuß vom Gas genommen wird.

Angefangen hat dieses Kapitel aber mit dem Basispreis. Und der liegt beim Golf VIII bei 20.395 Euro – das sind erstmal fast 4000 Euro mehr für zehn PS weniger und da erscheint der Ceed mit seinen vorhandenen Qualitäten verlockend. Der Golf hat allerdings schon Voll-LED-Scheinwerfer an Bord, die werden in der Regel mit etwa 1000 Euro eingepreist. Dazu hat er dem Kia eine Klimaanlage ebenso wie den Startknopf voraus. Vom zeitgeistigen digitalen Kombiinstrument des Golf darfst Du Dich nicht blenden lassen, denn in der Regel sind die Bildschirme günstiger und technisch einfacher als analoge Instrumente. Auch wenn die Mehrausstattung des Golf Pi mal Daumen eingepreist wird, bietet der Ceed noch einen Preisvorteil.


Die Ausstattungslinien


Der Versuch, die beiden Kontrahenten ausstattungsseitig aneinander anzugleichen, wäre löblich aber aufgrund der sehr verschachtelten Preislistengestaltung der Koreaner auch sehr schwierig. Immerhin hat der Kia ab der zweiten Linie Edition 7 (+ 2000 Euro) ebenfalls eine Klimaanlage an Bord. Aber nur wenige Extras lassen sich eben einzeln wählen und wenn Du etwas bestimmtes unbedingt haben wills, dann musst Du die entsprechende Ausstattungslinie kaufen. Andere Extras, die in Paketen stecken, sind oft auch an spezielle Ausstattungslinien gekoppelt – und schon ist der attraktive Grundpreis nur noch eine relative Größe.

Erfahrungsgemäß bekommst Du auf Vision- oder Spirit-Niveau das beste Preisleistungsverhältnis – 8-Zoll-Touchscreen, Parkpiepser hinten und die leider schnell verschmutzende Rückfahrkamera sind dann schon an Bord. Und mit Spirit kommen unter anderem der für Vielfahrer sinnvolle Totwinkelwarner sowie die Zweizonenklimaautomatik an Bord. Und: Du kannst zudem aus ein paar wenigen Extras wählen. Interessanterweise lassen sich aber viele Kia- (und Hyundai-)Kunden von den Voll- oder Fast-Voll-Ausstattungen – hier: GT Line oder Platinum Edition – verlocken. Klar, mehr ist Luxus und Luxus ist schön, aber meiner Meinung nach verlässt Du damit die Preis-Leistungs-Mehrwertzone, die die Koreaner so attraktiv macht.


Mit sieben zu vier Ausstattungslinien bietet der Ceed an dieser Stelle nur auf den ersten Blick die größere Auswahl, denn beim Golf lassen sich dafür deutlich mehr Ausstattungsextras frei zusammenstellen. EIn echter Mehrwert des Kia ist aber das Festhalten an klassischen und leicht zu findenden Bedientasten. Ab einem gewissen Ausstattungsniveau fällt der Golf dagegen dem Volltatsch-Wahnsinn anheim. Klar, da lässt sich viel durch Sprachbefehle kompensieren, aber das funktioniert nach wie vor nicht so gut, wie es müsste. Als ich im Review-Video den Ceed für sein unkompliziertes Verständnis loben und seine Einfachheit vorführen wollte, fiel er mir prompt in den Rücken – und blamierte uns beide mit nervigen Nachfrageketten.


Die Motorisierungen


Für den normalen Fünftürer ist das Motorenangebot unspektakulär gut. Der 1.0 T-GDI (100/120 PS) ist ein leiser drehfreudiger Motor, empfiehlt sich aber vor allem für Ein- bis Zwei-Personen-Haushalte, mit vier Personen und Gepäck beladen erschöpft sich irgendwann der Milchtüten-Hubraum, dann besser zum 1.4 T-GDI mit 140 PS greifen. Den 1,6er mit 204 PS gibt's nur als (relativ) teuren GT (ab 31.090 Euro).


Der einzige Diesel, der auch im Testwagen steckt, ist ein 1,6-Liter mit 136 PS und 280 beziehungsweise 320 Newtonmeter Drehmoment. Der erste Wert wird in Verbindung mit dem manuellen Sechsganggetriebe, der zweite in Verbindung mit der Siebengangdoppelkupplungsautomatik erreicht. Gegenüber den Zweiliter-Dieseln von VW ist er nominell leicht im Nachteil, aber das macht sich im Alltag kaum bemerkbar.

Seit dem Frühjahr letzten Jahres wird der Diesel als Mildhybrid ausgeführt, der über einen integrierten zwölf Kilowatt starken Startergenerator verfügt, der aber nicht nur Strom liefert sondern auch rekuperiert – und mit diesem Extrastrom wird bei Vollgas der Vorwärtsdrang unterstützt. Oder der ISG schiebt beim Segeln ein wenig mit an. Und das Segeln geht jetzt auch mit dem manuellen Getriebe: dafür steckt in der Namensbezeichnung das Kürzel iMT – intelligentes manuelles Getriebe. Im Ökomodus wird dazu der Kraftschluss zwischen Motor und Getriebe getrennt, sobald der Fuß vom Gas genommen wird und der ISG schiebt dann ein wenig mit an, so daß sich die Geschwindigkeit nur langsam reduziert. Wenn die Kupplung trennt, geht ein leichter Ruck durchs Auto, der mindert nicht den Fahrkomfort, ist für aufmerksame Fahrer aber spürbar.


Das manuelle Schaltgetriebe mit dem ich den Tester dirigiert habe, war für meinen Geschmack nicht ganz auf der Höhe des restlichen Ceed. Es schaltete etwas knorpelig und zudem war die Führung des Schaltgestänges etwas zu eigenwillig. Da sollte im 21. Jahrhundert etwas mehr mechanische Präzision möglich sein.


Fazit


Der Ceed hat unter gewissen Vorbedingungen das Zeug, den Golf in den Sack zu stecken. Dabei ist seine Stärke der Preis – und deshalb gewinnt vor allem der disziplinierte Käufer, der sich sehr genau überlegt, was er wirklich in seinem Neuen braucht. Denn die Schlacht um die Vollausstattung kann der Kia (noch) nicht gewinnen, weil der Golf die deutsche Geschmacklichkeit in vielen Punkten etwas besser trifft und auch bei der Verarbeitung noch etwas vorhaucht.

Bei den Fahrleistungen muss sich der Ceed auch nicht vorm Golf verstecken, solange Du Dich im normalen Bereich bewegst. Erst bei den performanten Extremen setzt sich der Golf wieder klar ab. Und ebenso bei der Aeroakustik – die beherrscht der Wolfsburger Achter subjektiv einfach besser. Aber auch diese Nachteile kompensiert der Kia Ceed mit seiner Preisgestaltung. Weshalb ich hier noch einmal an Deine Konfigurator-Disziplin appelliere.

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Attila Langhammer

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