Kia E-Niro 64 kWh: Elektroauto für Alltag und Langstrecke

Attila Langhammer

31 Mai. 2021

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Wenn Du ein voll alltagstaugliches Elektroauto suchst, dann solltest Du den Kia E-Niro auf jeden Fall in Betracht ziehen. Warum das so ist und weshalb mit dem E-Niro die Chance vertan wurde, eine Lanze für die E-Mobilität zu brechen, verrate ich Dir hier

(Fotos: YesAuto)

Den Kia Niro gibt es bereits seit 2016, aber weil er von Anfang an als Träger für alternative Antriebe entwickelt wurde, wirkt er kein bisschen alt. Die hier vorgestellte vollelektrische Variante kam ohnehin erst 2019, im Rahmen eines Facelifts, auf den Markt. Und dieser e-Niro hat es in sich: Nämlich eine 64 kWh fassende Lithium-Polymer-Batterie, locker Platz für vier Erwachsene mit reichlich Gepäck und eine zeitgemäße Infotainmentausstattung. Doch der Reihe nach.


Die Antriebstechnik im Kia E-Niro 64 kWh


Der elektrotechnische Unterbau im "großen" E-Niro 64 kWh (ab 42.790 Euro) besteht aus einem permanenterregten Synchronelektromotor mit 150 kW Leistung sowie einem Lithium-Ionen-Polymer-Akku mit einer Kapazität von 64 Kilowattstunden – bei diesem Antrieb handelt es sich um die leistungsfähigere Variante. Alternativ steht auf gleicher technischer Basis auch ein 100-kW-Elektromotor in Verbindung mit einem 39-kWh-Akku zur Wahl (ab 38.290 Euro). Beide Aggregate haben 395 Newtonmeter Drehmoment, bei dem hier getesteten starken Motor liegt es aber deutlich länger, bis 3600 Umdrehungen pro Minute an. Die Kraft der E-Maschine wird von einem einstufigen Reduktionsgetriebe an die Vorderräder geleitet.

An der heimischen Steckdose lädst Du den Akku laut Kia in 29 Stunden voll auf, im Testbetrieb hat aber schon die Ladung von neun auf 100 Prozent rund 29 Stunden gedauert. An einer Wallbox mit einer Ladeleistung von 7,2 kWh soll die 100-Prozent-Ladung in 9:35 Stunden erfolgen. An den unterschiedlichen Schnellladern tankt er maximal mit 80 kW – das ist das Limit, dass die verbaute Ladetechnik setzt. Am Schnelllader auf der Autobahn habe ich 41 kWh in 38 Minuten aufgeladen.


Der große E-Niro in Fahrt


Typisch Elektroauto begeistert der E-Niro vor allem mit zwei Punkten: viel Ruhe und wuchtiges Drehmoment direkt aus dem Stand. Was den ersten Punkt anbelangt hat es Kia sich aber nicht nur auf den technischen Vorteil gestützt, sondern auch das aeroakustische Umfeld entsprechend aufgewertet um aus dem Ruhebonus noch mehr rauszuholen. Zum einen verfügt der Niro über einen guten Luftwiderstandsbeiwert cW 0,29, weiters wurden die A- und B-Säulen zusätzlich gedämmt, um das Geräuschniveau im Fahrzeuginnern gering zu halten. Verstärkte Fahrwerksbuchsen mindern Vibrationen.

Im Drehmomentkapitel wurden die Hausaufgaben leider nicht ganz so gut gemacht: Ja, beim schnellen Beschleunigen mit gerade gestellten Rädern ist das Drehmomenterlebnis (395 Nm) optimal, aber wenn Du mal zügig wendest und bei starkem Lenkeinschlag schnell aufs Pedal trittst, dann entwickelt die Vorderachse ein sehr unangenehmes Eigenleben und Du kannst froh sein, wenn Du das Lenkrad fest in beiden Händen hältst.

Den Sprint auf 100 km/h erledigt der starke E-Niro laut Hersteller in 7,8 Sekunden – daran gibt es keine Zweifel – und die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 167 km/h. Das ist zwar nicht mordsmäßig schnell, aber dafür hält der E-Niro das Tempo auch problemlos für eine längere freigegebene Autobahnetappe ohne den Akku vampirisch auszusaugen. Diese Sprintfähigkeit trägt zum rundumgelungenen Alltagsnutzen maßgeblich bei.

Um auch nur in die Nähe der von Kia angegebenen maximalen Reichweite von 455 Kilometer zu kommen, war eine längere Autobahnfahrt mit 120 km/h und ein paar Überholspurts nicht mehr langsam genug. Trotzdem wären mit dieser moderat-durchschnittlichen Fahrweise deutlich über 350 Kilometer möglich gewesen – und dieses Wissen nimmt auch bevorstehenden Langstreckenfahrten ein wenig den Schrecken.

Aber nicht nur bleiben im E-Niro die großen Schrecken aus, auch der Fahrspaß hält sich arg in Grenzen und das liegt an der sehr tauben Abstimmung von Lenkung und Fahrwerk. Die Komponenten funktionieren zwar gut – Fahrwerk: komfortabel und neigungsarm; Lenkung: ausreichend präzise – aber ein munteres Fahrgefühl, das Dich als Fahrer ein wenig einbindet und unterhält, bleibt leider aus.


Für und Wider bei Ausstattung und Extras


Als der e-Niro auf den Markt kam, war er noch mit drei Ausstattungslinien zu haben, jetzt kannst Du als potentieller Käufer nur noch zwischen zwei Linien und ein paar Extras – meist in Paketen verschnürt – wählen. Schon die Basis Vision (ab 42.790 Euro) hat ein paar nette und sinnvolle Extras an Bord: 10,25-Zoll-Infotainment inklusive Navigation, Bluetoothfreisprecheinrichtung, Klimaautomatik, Komfortschlüssel, Rückfahrkamera. Auch die UVO-Konnektivitität, die mittels Mobiltelefon-App den Fernzugriff auf Datenfunktionen des Fahrzeugs ermöglicht, ist Standard.

UVO ermöglicht die Übertragung von Navizielen vom Mobiltelefon ins Auto, Du kannst damit aber auch Ladevorgänge pausieren oder abbrechen. Eine besonders nützliche Funktion ist das Übertragen eines Navigationsziels vom Auto aufs Handy, wenn die Zündung mehr als 200 aber nicht weiter als 2000 Meter vom Ziel entfernt ausgeschaltet wird. So wirst Du auch nach – vielleicht umständlicher – Parkplatzsuche sicher zu Deinem Ziel geleitet.

Neben all diesen Spielereien aus der feel-good-Ecke hat der E-Niro aber auch umfangreiche Sicherheitshelfer an Bord: Notbremsassistent, Müdigkeits- und Verkehrszeichenerkennung inklusive Tempomatansteuerung sowie ein Stauassistent, der über den gesamten möglichen Geschwindigkeitsbereich funktioniert, sind Teil der Serienausstattung.


Seit dem diesjährigen Facelift ist der E-Niro zudem mit einer Anhängerkupplung aber ohne Zugerlaubnis zu haben. Mit einer Traglast von 100 Kilo dient der optionale Haken dem Aufbau einer Transportbox oder eines Fahrradträgers.

Für einen dreiphasigen Onboard-Lader berechnet Kia 500 Euro und das zugehörige Kabel schlägt nochmal mit 405,77 Euro zu Buche. Und auch damit lädt der E-Niro nie schneller als mit 100 kW.


Was kann der E-Niro?


Das Raumangebot und die ordentliche Reichweite machen den E-Niro zu einem ernstzunehmenden Elektroauto. Die Ladetechnik ist zwar nicht mehr ganz auf dem Stand der Technik, das ist aber nur ein kleiner Nachteil, der von der generell schlechten E-Ladeinfrastruktur locker in den Schatten gestellt wird. Die viel größere Schwäche des E-Niro ist die mutlose Abstimmung von Fahrwerk und Lenkung; wäre der elektro-typisch kräftige Antritt mit einem agilen Unterbau gepaart, hätte er das Zeug auch kritische Herzen zu erobern. So propagiert er den faden Geschmack der E-Mobilität.



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Attila Langhammer

31 Mai. 2021