Mercedes-Benz E 450 MATIC im Alltagstest: Große Überraschung beim Verbrauch

Arne Roller

24 Dez. 2020

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Mit seinem 367 PS starken Sechszylinder ist der E 450 4MATIC die stärkste E-Klasse ohne das Kürzel AMG im Namen. Im Test konnte der Reihensechszylinder nicht nur mit Leistung und Komfort überzeugen.

(Fotos: Arne Roller)


Mit über 14 Millionen Verkäufen in bald 75 Jahren zählt die E-Klasse zu den wichtigsten Modellen aus Stuttgart. Wer will, packt sie sich voll mit Luxus und fährt sie privat. Das tun viele Deutsche. Und mit etwas weniger Kreuzchen in der Aufpreisliste ist sie das geräumige Standard-Taxi in Deutschland. Und als solche hat fast jeder schon einmal in einer E-Klasse gesessen. So auch ich, aber meistens vorne. Während meines Studiums bewegte ich zweimal die Woche eine E-Klasse durch die Nacht. Andere im Taxibereich eingesetzte Fahrzeuge konnten da nicht mithalten. Was war ich damals froh, als ich zu einem Unternehmen kam, das beim Fahrzeug nicht auf Sparkurs setzte, sondern Fahrern und Fahrgästen eine E-Klasse gönnte.

Jetzt liegt mein Studium einige Jahre zurück und auch die E-Klasse hat sich weiterentwickelt. Der W 211 von damals ist quasi schon altes Eisen und auch die aktuelle Generation W 213 bekam in diesem Sommer ihre erste Modellpflege.

Neu designte Rückleuchten, die jetzt in die Heckklappe übergehen, ein Grill mit mehr Bling-Bling, neu gestaltete LED-Frontscheinwerfer und Motorhauben mit wirklich schönen Powerdomes (nicht in der Ausstattungsvariante Exclusive) – so lässt sich das Facelift des Exterieurs zusammenfassen. LED gibt es jetzt immer, das intelligente Multibeam-LED-Licht kostet 1.508 Euro Aufpreis.

Das Außendesign der E-Klasse könnte etwas mehr Esprit vertragen. Viele möchten, dass ihr Luxusauto ein Statement in Sachen Styling abgibt. Ich bin mir nicht sicher, ob dies hier der Fall ist. Alleine eine hellere Farbe und Felgen in Kontrast-Design könnten gegenüber des etwas drögen Grau in Grau des Testwagens schon eine deutliche Verbesserung bringen.



Die Heckleuchten ragen jetzt horizontal in den Kofferraum hinein. Alarm: Die Auspuffrohre sind Fake.



E-Klasse von innen: Instrumente nur noch digital


Mit der Modellpflege sagt die E-Klasse "Goodbye" zu analogen Instrumenten. Jetzt sind alle Anzeigen digital. Standardmäßig gibt's zwei 10,25 Zoll-Bildschirme, gegen Aufpreis sind sie 12,3 Zoll groß.


Tutto bene: Platz, Materialien und Ästhetik im Interieur bewegen sich auf sehr hohem Niveau.


Neu ist auch das wirklich sehr schön gestaltetes Lenkrad mit touchsensitiver Bedienung. Während das bisherige Volant beim teilautonomen Fahren noch leichte Lenkbewegungen benötigte, um zu erkennen, dass der Fahrer aufmerksam ist, umschließt jetzt eine Sensormatte den gesamten Lenkradkranz. Und so reicht eine leichte Berührung schon aus. Das macht sich sehr positiv bemerkbar. Im Gegensatz zu vielen anderen Fahrzeugen erkennt die E-Klasse auch ohne krampfhaftes Umkrallen des Lenkrads, dass man noch aufpasst. So, und nur so können sich Fahrerin oder Fahrer etwas entspannen, was die kognitive Anstrengung mindert und Müdigkeit verhindert. Wenn teilautonome Fahrsysteme mehr stressen als entspannen, dann läuft etwas schief. Hier funktioniert es aber, wie es soll.



Das neue Lenkrad sieht nicht nur richtig edel aus, seine Neuerungen sind auch dem teilautonomen Fahren zuträglich.



Komfort-Funktionen in der E-Klasse: Spa auf Rädern


Beim Wachbleiben helfen auch die Programme des "ENERGIZING COACH" im "MBUX"-Infotainmentsystem der neuesten Generation. Das Programm "Vitalität" zum Beispiel beinhaltete eine Massage, fetzige Musik sowie eine wellenartige Brise Frischluft aus den Düsen. Das ist mehr als eine Spielerei und macht durchaus Sinn. Zudem gibt es vorgefertigte "Fitnessprogramm" im System, bei denen man von einer freundlichen Stimme zu Übungen angeleitet wird, die man während der Fahrt ungefährdet durchführen kann. Dabei geht es meist um kleinere Muskelbewegungen. Das ist gutes Training und hält gleichzeitig wach. Mit eingebunden ist bei den Übungen auch der Sitz: so muss man in einigen Programmen zum Beispiel aktiv gegen den Sitz arbeiten, der sich punktuell an den Körper presst.

Überhaupt ist unser Testwagen ein Spa auf Rädern: Beduftung, Massage, Sitzheizung, individuell verstellbares Ambientelicht, da kann man es sich gutgehen lassen. Lenkradheizung (300 Euro) und Sitzbelüftung für den Sommer gibt es gegen Aufpreis natürlich auch.


So viel Kopffreiheit bleibt bei 1,86 Größe. Der Fond bietet zudem viel Stauraum, eine Mittelarmlehne und Klimasteuerung.


Die Sitze in der E-Klasse sind übrigens hervorragend. Weich gepolstert, mit Lordosenstütze und ausfahrbarer Auflagefläche für die Oberschenkel.Und mit einer Kopfstütze, die besonders genau verstellbar ist. So findet jeder eine gerade, gesunde und gleichzeitig sehr komfortabler Sitzposition. Wer möchte, kann seine "Körperwerte" ins MBUX eingeben und die E-Klasse stellt den Sitz anhand der Daten automatisch ein. Das ist dann doch eher eine "Spielerei". Schließlich weiß man immer noch selbst am besten, wie man gerne sitzt. Für besonders große Menschen gibt es eine zubuchbare Sitzverlagerung nach hinten um 50 Millimeter. Diese fünf Zentimeter mehr an Beinfreiheit lässt sich Mercedes allerdings gut bezahlen. 719 Euro kostet die Option.


Die Massagesitze in unserem E 450 4MATIC bieten viel Komfort und eine punktgenaue, elektrische Verstellung.



Mercedes-Benz E-Klasse E 450 4MATIC – Auch ohne AMG im Namen ein Geschoss


Im E 450 arbeitet Dreiliter-Biturbo mit 367 PS und einem maximalen Drehmoment von 500 Newtonmetern. Es ist noch ein richtig schöner Reihensechszylinder mit allem, was ein solcher mit sich bringt. Sonores Summen, kräftiger Sound beim Beschleunigen, ein Gefühl von absoluter Souveränität ohne aufdringlich laut zu sein.


Fabelhafter Motor: Der Reihensechszylinder bietet 367 PS und ein maximales Drehmoment von 500 Newtonmetern.


Das ein 48-Volt-Borddsystem und der 22 PS starke Elektromotor unterstützen beim Beschleunigen, während der Turbo noch lädt. Ich war nie ein großer Fan von Turbos. Und erst recht nicht von jeglichen Start-Stopp-Automatiken. Aber mit dem hier zum Einsatz kommenden System mit elektrischem Zusatzverdichter entfällt das Turboloch tatsächlich, die Kraftentfaltung ist schön linear, wie man es bei einem Sauger liebt. Und das Starten des Motors geht mit dem Starter Generator so schnell und unmerklich vonstatten, dass die Start-Stopp-Automatik kaum noch nerven kann. Während ich im Daimler-Taxi (Vorgeneration W 212) diese Funktion immer sofort abgestellt habe, war es mir hier gleichgültig. Nichts veranlasste mich entnervt dazu, den Abschaltknopf zu betätigen.


Das hauptsächliche Ziel einer E-Klasse ist das besonders angenehme und komfortable Fahren. Das Luftfederfahrwerk im Testwagen schützt die Insassen zart vor jeglicher Störung. Die Neungang-Automatik verrichtet ihre Arbeit butterweich. Der Reihensechszylinder bleibt im Stadtbetrieb unauffällig leise. Drückt man etwas aufs Gas, kann mich sich an einem satten Brummen erfreuen. Eine gedämpfte, samtige Tenor-Kulisse erreicht dann das Ohr. Ein Lied, das Autofans gerne hören.

Schaltet man auf der Landstraße oder Autobahn in den Sport- oder gar Sport+-Modus, dann wechselt die E-Klasse mal eben den Charakter. Plötzlich hat der Smokingträger E-Klasse einen Rennhelm auf. Das Luftfahrwerk spannt die Muskeln an, die Fahrt wird um einiges knackiger, die Automatik schaltet aggressiv. Zwar bleibt die E-Klasse eine luxuriöse Limousine, ihre Wandelbarkeit und Sportlichkeit zeigt sich hier aber. Beim flotten Durchfahren von Kurven hilft auch das 4MATIC-AWD-System. Es kann die Leistung von vorne nach hinten auf 45:55 oder 50:50 aufteilen. Wirklich vorteilhaft ist auch, dass 100 Prozent der verfügbaren Leistung auf das Rad verlagert werden kann, das sie gerade benötigt. Das ist der Traktion zuträglich und hilft der E-Klasse dabei, agil durch Kurven zu Räubern – mit minimalen Wankbewegungen und scharfer Reaktion beim Einlenken.



E 450 4MATIC beim Verbrauch: die große Überraschung


Mercedes gibt beim Verbrauch des E 450 4MATIC mit 7,9 bis 8,3 Litern an. Und man sagt es selten: Das ist realistisch! Bei meiner Verbrauchsfahrt über 115 Kilometer im Drittelmix von Stadt, Land und Autobahn landete ich im unteren Bereichen dieses Spektrums. Lediglich 7,98 Liter gönnte sich die 1.940 Kilogramm schwere Limousine umgerechnet pro 100 km. Das ist eine positive Überraschung und bei den sportiven Fähigkeiten des 367 PS starken Benziners ein sehr überzeugender Wert. Zudem ist es der Beweis dafür, dass die Elektrifizierung auch bei schweren Verbrennern wie diesem Sechszylinder viel bewirken kann.



Fazit:


Der E 450 4MATIC ist sportlicher Komfort-Streber und rollendes Wellnes-Center in einem. Je mehr sportliche Fahrer dem Powerhouse mit optionaler Luftfederung abverlangen, desto mehr gibt es zurück und offenbart seine vielschichtigen Fähigkeiten. Alle, denen nicht am sportlichen Fahren gelegen ist, genießen im Comfort-Modus das betörend sanfte Brummen des Sechszylinders und die überaus komfortable Federung.

Ob das Exterieur der E-Klasse gestalterisch auf der Höhe der Zeit ist, mag Geschmackssache sein. Bei der Technik ist Mercedes' obere Mittelklasse ganz vorne mit dabei. Und das macht die Mercedes-Benz E-Klasse noch immer zu einer der besten Reiselimousinen.



Mercedes-Benz E 450 MATIC – Technische Daten:


Fünftürer, fünfsitzige Limousine mit Allradantrieb

Länge/Breite/Höhe: 4.935 mm/1.852 mm/1.460 mm

Radstand: 2.939 mm

Kofferraumvolumen: 540 Liter

Motor: 3,0-Liter-Reihensechszylinder-Biturbo-Benziner, 270 kW/367 PS bei 5.800 U/min, maximales Drehmoment: 500 Newtonmeter bei 1.600 U/min

Motorposition: Frontmotor, längs verbaut

Antrieb: Allradantrieb

Getriebe: 9-Gang-Automatik

Leergewicht: 1.940 Kilogramm

0-100 km/h: 5,0 s

Vmax: 250 km/h (elektronisch abgeriegelt)

Durchschnittsverbrauch (NEFZ): 7,9 l/100 km

CO2-Ausstoß (NEFZ): 181 g/km

Abgasnorm: Euro 6d

Effizienzklasse: C

Tankinhalt: 66 Liter

Preis: ab 68.875 Euro


Zusatzinformationen

Testverbrauch: 7,98 Liter

Steuer pro Jahr: 272 Euro

Versicherungsklassen KH/VK/TK: 18/26/26

Wartung: nach Anzeige

Garantie: 2 Jahre (unbegrenzte km)


Arne Roller

24 Dez. 2020