Mercedes-Benz Vision EQXX: Diese Technologie-Offensive mit Retro-Charme steckt beim Verbrauch jeden Verbrenner in die Tasche

Arne Roller

03 Jan. 2022

1/12
Mit dem Vision EQXX hat Mercedes-Benz einen fahrbaren Prototyp vorgestellt, der mit nur einer Ladung mehr als 1.000 Kilometer weit kommen soll. Eine große Batterie muss dafür nicht herhalten. Effizienz ist das Stichwort, das die Entwicklung des neuen Technologieträgers bestimmte.


In Stuttgart haben sie gerade einen Lauf. Anfang Dezember bekam Mercedes-Benz als erster Hersteller die Genehmigung für das autonome Fahren auf Level 3. In 2022 geht es munter weiter mit Innovation und Fortschritt. Am ersten Arbeitstag des neuen Jahres stellen die Schwaben ihr neues Wunderwerk in Sachen Reichweiten-Effizienz vor.

 

In nur 18 Monaten ging es für den Vision EQXX sprichwörtlich vom weißen Blatt Papier auf die Straße. Als straßentauglicher Prototyp und Forschungsfahrzeug ist der Vision EQXX Teil eines Technologieprogramms, das innovative Lösungen schneller als je zuvor zur Serienreife bringen soll.

 

Interne Tests sagen für die seriennahe Technologiestudie EQXX eine Reichweite von über 1.000 Kilometern voraus. Unter zehn kWh pro 100 Kilometer soll er verbrauchen. Umgerechnet auf den Verbrauch an fossilen Brennstoffen entspricht dies etwa dem Wert von einem Liter pro 100 Kilometer.


 

Wir durften uns den Vision EQXX schon im Dezember letzten Jahres anschauen.



Mercedes-Benz Vision EQXX: Exterieur

 

Wie ist das zu schaffen? Viele Faktoren spielen hier zusammen, darunter nicht zuletzt die ausgeklügelte Aerodynamik. Die Coupélimousine besitzt eine Reihe von optisch wenig auffälligen, aber wichtigen aktiven sowie passiven aerodynamischen Details. Neben einer insgesamt sehr flach gehaltenen Karosserie sorgen auch eine kleine Stirnfläche sowie der sehr schmale Lufteinlass vorne (der sich nur dann öffnet, wenn die Batterie Kühlung benötigt) für optimierte Werte. Die Stirnfläche des EQXX ist sogar kleiner als die des heutigen CLA oder auch der Fahrzeuge vom Kleinstwagenhersteller smart. Was auf den ersten Blick kaum auffällt sind der Luftvorhang (Air Curtain) vor und der Luftausströmer hinter den vorderen Radhäusern. Zusammen mit den Aero-Rädern und -Reifen schließt das System den aerodynamischen „Bruch“ der vorderen Radhäuser nahezu komplett.


Der Vision EQXX bringt äußerlich viel von den Mercedes-Rekordfahrzeugen vergangener Tage mit. Das hat natürlich aerodynamische Gründe. So wird das Auto beispielsweise nach hinten hin schmaler, die hintere Spur ist 50 Millimeter schmaler als die vordere und sorgt dafür, dass die Hinterräder ideal im Windschatten der Vorderräder stehen.

 

Jeder Scheinwerfer besteht aus zwei sternförmigen Elementen, wobei das größere Element sowohl das Abblend- als auch das Fernlicht hinter einer glänzenden Mittellinse bündelt.

 

 

Zu den schon aus Serienfahrzeugen bekannten Kniffen gehören auch die versenkbaren Türgriffe. Im Gegensatz zu manchen Modellen der Konkurrenz (Audi e-tron und Honda e) verfügt der Vision EQXX aber noch über übliche – wenn auch besonders kleine – Seitenspiegel.


 

Stilistisch sehr nah an vielen "Longtail"-Rennwagen: Der Vision EXQQ in der Seitenansicht.


Die sehr markante, wunderschön geschwungene C-Säule erinnert an die des 300 SL aus der Baureihen W 198 sowie W 121 und auch die sich verjüngende Heckpartie zeigt Ähnlichkeiten mit der absoluten Mercedes-Ikone. Die Silberpfeil-Ästhetik hat erfreulicherweise ihren Weg in das Design des Vision EQXX gefunden. So trifft moderne Aerodynamik auf den Chic der Sport- und Rekordwagen der frühen (und glorreichen) Silberpfeil-Zeit. 


Am Heck kommt beim Vision EQXX ein aktiver Diffusor zum Einsatz. Ab 80 km/h sorgt er für verminderten Luftwiderstand sowie erhöhte Fahrstabilität. Im eingefahrenen Zustand fügt er sich nahtlos in die Karosserie ein.

 

Bei einer normalen Langstreckenfahrt verbraucht ein konventionelles Elektrofahrzeug fast zwei Drittel seiner Batteriekapazität, um den Luftwiderstand zu überwinden. 20% gehen an den Rollwiderstand, nur noch rund 18 % gehen an den Antriebsstrang und die Technik. Das Einsparpotential ist also gigantisch. Mit all seinen Effizienz-Boost bringt es der Vision EQXX auf einen Luftwiderstandswert von nur 0,17 und hat es damit im Kampf gegen die Luft wesentlich leichter.


Der Vision EQXX ist mit seinem cw-Wert von 0,17 ein aerodynamisches Meisterstück.


Auf einen solchen Rekordwert kamen bisher nur … nun, Rekordfahrzeuge und reine Studien. Da waren der W 125 von 1937 oder der C 111 aus den 1970er Jahren. Volkswagens Kleinserienfahrzeug XL 1 brachte es auf einen cw-Wert von 0,19. Der aktuelle EQS schafft als Serienfahrzeug immerhin schon 0,20.


„Der Mercedes-Benz Vision EQXX zeigt, wie wir uns die Zukunft des Elektroautos vorstellen. In nur eineinhalb Jahren haben wir den effizientesten Mercedes aller Zeiten entwickelt – mit einem Energieverbrauch von weniger als 10 kWh pro 100 Kilometer. Der Vision EQXX hat eine Reichweite von mehr als 1.000 Kilometern2 mit einer einzigen Ladung – angetrieben von einer Batterie, die in einen Kleinwagen passen würde […]“ 

 -Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG und Mercedes-Benz AG-

 

 

Mercedes-Benz EQXX: Antrieb und Batterie

 

Für den Antrieb des Mercedes Vision EQXX sorgt dabei ein 150 kW / 204 PS starker Elektromotor an der Hinterachse, der im Effizienzbetrieb immerhin 140 km/h schnell ist. Das Batteriepack im EQXX kommt auf eine nutzbare Leistung von knapp unter 100 kWh.


Wie man möglichst jedes Kilojoule dieser Energie nutzt, darüber wissen die Formel-1-Experten von Mercedes-AMG High Performance Powertrains (HPP) in Brixworth (Großbritannien) ein paar Dinge. In Zusammenarbeit mit den Rennsport-Ingenieuren hat die Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Mercedes-Benz den Antriebsstrang des Vision EQXX neu konzipiert und die Systemverluste stark reduziert. Mercedes spricht jetzt von einer 95%igen Energieeffizienz des Antriebsstranges. Im Vergleich mit aktuellen Antrieben entspricht das einer Reduktion der Antriebsverluste um die Hälfte. Ein neues Batterie-Management-System sorgt zudem für eine Senkung des Standby-Verbrauchs um satte 75 %.

 

„Einer der besten Wege, die Effizienz zu steigern, ist die Verringerung von Verlusten“, erklärt Eva Greiner, Chefingenieurin elektrische Antriebssysteme bei Mercedes-Benz. „Wir haben an jedem Teil des Systems gearbeitet, um Energieverbrauch und Verluste durch Systemdesign, Materialauswahl, Schmierung und Wärmemanagement zu reduzieren.“

 

Die Chemie der Anoden hat ebenfalls großen Anteil an der gesteigerten Energiedichte. Ihr höherer Siliziumgehalt und ihre Zusammensetzung erlauben es, wesentlich mehr Energie zu speichern als die bisher verfügbaren Anoden. Das Batteriepaket des VISION EQXX ist besonders leicht und platzsparend: Im Vergleich zum Batteriepaket im EQS kommt es auf 50 % weniger Volumen und ist dabei mit rund 500 Kilogramm auch um 30 % leichter.

 

Das gewisse Extra an Energie bezieht der Vision EQXX aus 117 ultradünnen Solarpaneelen auf dem Dach.  An einem einzigen Tag und unter idealen Bedingungen kann dies bei Langstreckenfahrten bis zu 25 km extra Reichweite ergeben.

 

 

Mercedes-Benz Vision EQXX: Bionik im Rohbau, GFK in der Karosse

 

Neben der Batterie macht der Rohbau bei einem E-Fahrzeug das meiste Gewicht aus. So musste man mit den ehrgeizigen Zielen natürlich auch hier Hand anlegen. Die Inspiration holten sich die Mercedes-Ingenieure beider Baumeisterin namens Mutter Natur. Der intelligente Einsatz nachhaltiger Materialien und von der Natur inspirierter Methoden wird als „bionische Technik“ bezeichnet. Möglich wird sie durch ein digitales Verfahren, das sogenannte bionische Netzdesign.

 

Der im Aluminium-Gussverfahren hergestellte Heckboden ist des Vision EQXX ist das das derzeit größte Leichtmetall-Strukturbauteil bei Mercedes-Benz und bildet die Hauptkomponente der Rohkarosse des Fahrzeugs.

 

Eindrucksvolles Rohbauelement mit der Anmut eines modernen Kunstwerks. (Foto: Arne Roller)

 

Die bionische Technik spart viel Gewicht ein. Denn: Wo keine Last ist, braucht es auch kein Material. Das wichtigste strukturelle Kriterium ist die hohe Steifigkeit und ein stabiles Crashverhalten. Die Entwürfe stehen am Computer. Durch die unterschiedlichen, errechneten Materialdicken und Auslassungen kann Material gespart werden. Der Einsatz von 3D-Druckern bei kleineren Teilen spart nochmals Rohstoffe.

 

Die Türen des Vision EQXX bestehen aus einem Compound-Werkstoff, bei dem CFK- und GFK-Bauteile (kohlenstoff- und glasfaserverstärkte Kunststoffe) mit Aluminiumverstärkungen kombiniert werden.

 

Am Fahrwerk reduzieren Aluminium-Bremsscheiben die ungefederten Massen im Vergleich zu Stahlgussscheiben. Neue glasfaserverstärkte Kunststofffedern sorgen zudem für eine weitere Gewichtseinsparung im Vergleich zu herkömmlichen Schraubenfedern. 

 

 

Mercedes-Benz Vision EQXX: Innenraum

 

Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde. Allerdings muss ein Hersteller wie Mercedes-Benz dabei natürlich dem eigenen Premium-Anspruch Genüge tun. Es gilt, Natur und Luxus zu vereinen.


 

Blau macht glücklichist wieder da. Diesmal aus Stuttgart.


Das Grundprinzip lautet: maximaler Komfort und Stil bei minimalem Gewicht – und das gänzlich ohne Produkte tierischen Ursprungs. Das Arsenal an Neuerungen reicht dabei von Pilzen bis zu veganer Seide.

Die Türgriffe beispielsweise sind aus „AMsilk“ gefertigt. Dabei handelt es sich um eine hochfestes, biotechnologisch erzeugtes und veganes seidenähnliches Gewebe. Diese künstliche Seide findet beim EQXX erstmals ihren Einsatz in einem Automobil.


 

Bei der Sitzprobe fühlten sich die Einzelsitze mit der dünnen Bestoffung noch etwas hart an.


Ein weiteres nachhaltiges Material, das im Innenraum des Vision EQXX eingesetzt wird, ist Mylo, ein nachhaltiges und ebenfalls veganes Kunstleder. Gewonnen wird es aus Myzel, der unterirdischen wurzelartigen Struktur von Pilzen. Das biotechnologische Material wird für Details der Sitzpolster des Vision EQXX verwendet.

 

Besonders plüschig: Die Teppiche im Vision EQXX bestehen zu 100 % aus schnell nachwachsender Bambusfaser. 

 

Mercedes-Benz Vision EQXX: Infotainment

 

Anders als der aktuelle EQS, bei dem das große Panel an der Front noch aus zwei Displays besteht, besitzt der EQXX ein neues, einteiliges 47,5-Zoll-Display mit 8K-Auflösung, das sich über die gesamte Innenraumbreite erstreckt.

Eindrucksvoll ist dabei auch die 3D-Umgebungsdarstellung über die ganze Breite des Displays. Hierfür nutzt Mercedes-Benz Technik aus für Videospiele-Branche. Für die schönen Grafiken ist eine „Game Engine“ verantwortlich. Welcher der beiden großen Player im Business hier zum Einsatz kommt – Unity oder Unreal – das wollte uns Zane Amiralis, verantwortlich für die Benutzeroberflächen im EQXX, noch nicht verraten.

 

UIX-Chef Zane Amiralis erklärt YesAuto-Redakteur Arne Roller die Infotainment-Funktionen im Vision EQXX. 

 

Ein ausgeklügeltes System hilft dem Fahrer dabei, effizienter zu fahren. Vom Energiefluss und dem Batteriestatus über die Topografie bis hin zur Richtung und Intensität von Wind (gemessen mit drei kleinen Sensoren an der Front) und Sonne – der Effizienzassistent sammelt alle verfügbaren Informationen und generiert so Empfehlungen für eine energiesparende Fahrweise. Das ist bis hierhin noch nicht so neu. Aber auch der Einfluss von aktueller Beschleunigung, Steigung und Rollwiderstand auf den Energieverbrauch wird in Echtzeit angezeigt. Wer eine umfassende Analyse wünscht, bekommt sie. So kann das System zum Beispiel ausrechnen, wie viel Sparpotenzial möglich ist, wenn man nur ein paar Kilometer langsamer fährt – und gibt dementsprechend, basierend auf einsehbaren Daten, Vorschläge mit ersichtlichem Mehrwert, auf die man je nach Gusto eingehen kann.  

 

Der Vision EQXX bietet eine Blaupause für die Zukunft des Automobils bei Mercedes-Benz. Viele der innovativen Entwicklungen werden bereits in die Produktion integriert, einige davon kommen bei der nächsten Generation des MMA, der Modularen Architektur für Kompakt- und Mittelklassefahrzeuge, zum Einsatz.


Die Stuttgarter glänzen gleich doppelt als Innovationstreiber der Stunde. Und die Konkurrenz hetzt doppelt hinterher: beim autonomen Fahren und beim öffentlichkeitswirksamen Präsentieren innovativer Technologien für die elektrische Zukunft. Vom Projekt Artemis aus Ingolstadt zum Beispiel hat man nun schon seit dem Frühjahr letzten Jahres nichts mehr gehört. Zu weit sollte man die Stuttgarter nicht autonom davonsummen lassen. 

 

 

 

Mercedes-Benz Vision EQXX: Technische Daten


Ernergiegehalt der Batterie, nutzbar: kWh <100 

Nennspannung: Volt >900 

Energieverbrauch: kWh/100 km <10

cW-Wert: 0,177

Leistung: kW ~150 

Radstand: cm 280

Bruttogewicht des Fahrzeugs: kg ~1.750 


(Fotos: Daimler AG)


        


360°

Details

Gebraucht

Videos

News

Du weißt nicht, welches Auto zu Deinem Lebensstil passt? Frag YesAuto! Unser Kaufberater zeigt Dir alle Informationen, die Du brauchst um die richtige Entscheidung zu treffen.

Arne Roller

03 Jan. 2022