Mercedes-Benz W223 S 500 4Matic L: Schöner Fahren war selten

Attila Langhammer

23 Nov. 2021

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Die Frage nach dem besten Auto der Welt ist schnell beantwortet: Es wurde noch nicht gebaut. Aber eine S-Klasse S 500 4Matic Lang von Mercedes-Benz kommt der Sache schon recht nahe. Eine Detailbetrachtung

YesAuto Bewertung:

94/ 100

Diese Bewertung wird durch unser Team nach umfangreichen Tests des Autos verfasst.

YesAutos umfassende Bewertungskriterien berücksichtigen jeden Aspekt eines Autos. Außerdem berücksichtigen sie, wie das Auto in Verhältnis zu anderen Autos der gleichen Kategorie steht. Unten sind die Kriterien, nach den jedes Auto bewertet wird, aufgelistet. Die Autos können pro Kriterium maximal 10 Punkte erhalten, was zu einer Note von insgesamt 100 Punkte führen kann.

  • Qualität und Design der Fahrzeuginnenausstattung
  • Fahrzeuginnenausstattung bezüglich der Technologie
  • Innenraummaße
  • Kofferraum
  • Motorleistung
  • Sparsamkeit des Motors
  • Fahrt und Komfort
  • Handling
  • Antriebs- und Sicherheitstechnologie
  • Gebrauchstauglichkeit

Elektroautos werden, statt nach Leistungsfähigkeit und Sparsamkeit, mit bis zu 10 Punkte nach den folgenden Aspekten bewertet:

  • Batterie und Motor
  • Reichweite und Ladegeschwindigkeit


Eine neue S-Klasse von Mercedes-Benz war und ist so etwas wie ein verbindlicher Blick in die Glaskugel des Automobilbaus. Egal ob es um Komfort-, Sicherheits- oder Spielfeatures geht – wenn ein Techniktrend den automobilen Massenmarkt des Kompaktsegments erreicht, dann findest Du zum halben Preis eine gut gereifte S-Klasse, die den gleichen Spielkram aufbietet, nur eben in einer zehn- bis zwölfjährigen Premiumverpackung. Aus diesem Grund ist die S-Klasse auch immer wieder der unangefochtene Verkaufsschlager im überschaubaren Segment: bis Ende Oktober diesen Jahres wurden in Deutschland rund 5000 S-Klassen neu zugelassen, ein Wert den Audi A8 und BMW's 7er – 1553 + 1916 = 3469 – gemeinsam nicht erreichen. Mehr als die Hälfte aller deutschen S-Klasse-Käufer orderten ihr Fahrzeug übrigens mit langem Radstand, weltweit entscheiden sich rund 90 Prozent der Kunden für die lange S-Klasse.


Größe ist nicht alles? Bei der S-Klasse schon


Eines der wichtigsten Merkmale einer Luxuslimousine ist ihr Platzangebot – und dessen Großzügigkeit steht und fällt mit dem Radstand. Bei der S-Klasse mit langem Radstand misst der Abstand von Nabenmitte zu Nabenmitte 3216 Millimeter. Damit ist die neue lange S-Klasse 51 Millimeter länger als ihr gestretchter Vorgänger und für die 110 Millimeter Extrablech gegenüber der normalen aktuellen S-Klasse berechnet Mercedes zusätzlich 3213 Euro. Insgesamt dehnt sich die S-Klasse lang auf 5289 Millimeter Länge und 1954 Millimeter Breite aus.

Trotz dieser unbescheidenen Maße wirkt die S-Klasse vom Typ W223 auf den ersten Blick ziemlich dezent und schlank. Aus allen äußeren Perspektiven scheinen die Fahrzeuglinien zu einer Pyramidenform zusammenzufließen und auf dem optischen Weg dahin verschlankt sich der Luxustrümmer wie von Geisterhand. Mir wurde die Größe des Wagens immer nur dann bewusst, wenn ich auf die im Vergleich zur Vordertür deutlich längere Fondtür blickte. Oder wenn die S-Klasse mal wieder an einem beliebigen Ende aus der Parklücke herauslugte.


Die S-Klasse baut also raumgreifend, verteilt ihren Luxus aber eher ungerecht. Beim Einstieg auf den Fahrerplatz musst ich mit meinen 1.86 immer ein wenig unter der flach ansteigenden A-Säule durchtauchen. Dem Auto hilft das, einen günstigen Luftwiderstandsbeiwert zu erreichen – minimalst liegt der bei cW = 0,22; aber für mich als Fahrer heißt das, um meinen Einstieg zu optimieren, fahre ich den Sitz ein paar Zentimeter weiter hinter, als es mir für die perfekte Integration lieb ist. Das Lenkrad kommt ausreichend weit hinterher, aber einen automatisch verstellbaren Pedalblock wie es ihn im Ram 1500 serienmäßig gibt, hat Mercedes für die S-Klasse nicht im Angebot. Ebenso benachteiligt wie der Fahrersitz – klar, da sitzt in einer S-Klasse Lang eh ein bezahlter Dienstleister – ist der Kofferraum: der fasst nämlich gerade mal 550 Liter. Eine BMW G30 5er Limousine fasst 540 Liter. Aber immerhin ist das Gepäckabteil mit seiner langen und hohen Bauform praktisch geschnitten und eine Durchlademöglichkeit gehört zum Serienumfang.

Die Kritik im oberen Absatz bewegt sich natürlich auf S-Klasse-hohem Niveau. Aber der meiste Nutzwert kommt in der Stretch-Klasse nun mal dem Fond zugute: Hier gelingt der Einstieg problemlos – und dann beginnen die Luxusprobleme. Denn wenn Du nicht noch ein paar tausend Euro investierst, sitzt Du hier nicht viel besser als in einem Familienbus. Die fingerdicken karminroten Nappalederpolster gibt's nur im 6843 Euro teuren Exklusiv-Paket – und das ist das mindeste, denn niemand soll Deine S-Klasse für einen Mietwagen halten. Ein weiteres Mindest-Upgrade für den Fond sind die elektrisch einstellbaren Sitze für Reihe zwei (1857 Euro) – nur so lässt sich das üppige Raumangebot ernsthaft genießen; aber Achtung, im Kofferraum gehen damit 30 Liter flöten. Die Sitzheizung im Fond hat die verlängerte S-Klasse serienmäßig, aber im Sommer sollen die Polster ja vielleicht auch mal gekühlt werden und Sitze die kühlen und wärmen können, kosten 1018 Euro. Außerdem brauchst Du im langen S 500 auch das Chauffeur-Paket (1155 Euro), denn nur damit lässt sich der Beifahrersitz auch weit genug nach vorn schieben, so dass auch langelange Beine auf der ausklappenden Beinauflage hinterm Beifahrersitz genügend Platz finden.


Nach den technischen "basics" brauchst Du natürlich auch noch ein wenig Entertainment. Für 3559 Euro wird an beide Sitze in der ersten Reihe ein 11,6-Zoll-Tablet geklemmt, mit dem sich der volle Mbux-Umfang abrufen lässt. Das heißt Fernsehen (1286 Euro), Surfen im Netz, Musik streamen und so weiter und so fort. Einziges Problem: im Pressetestwagen waren die Bildschirme verbaut und haben prima funktioniert, bisher kann das Extra aber nur von Maybach-Kunden geordert werden; für "gewöhnliche" S-Klasse-Käufer ist es frühestens im 2. Quartal 2022 verfügbar. Zur besseren Fern-Bedienung der Tablets an den Vordermannslehnen empfiehlt sich das sogenannte Fond-Tablet (595 Euro), da es auf Android-Software basiert, lassen sich auch allerlei Apps auf dem Gerät installieren und im Auto nutzen – für mich war die Nutzerführung insbesondere dann wenn es um die Mbux-Fernsteuerung ging allerdings nicht völlig unkompliziert. Aus dem Bauch raus denke ich, das ginge noch etwas besser.

An dieser Stelle habe ich schon über 16.000 Euro oder mehr als zehn Prozent des Basispreise in Fondschmeichler-Extras investiert und die Preisliste ist noch lange nicht zu Ende. Selbst die deutlich längere Ausstattungsliste des 177.340 Euro teuren Testwagens deckt noch nicht all die Extras ab, mit denen Du Dir die S-Klasse einrichten könntest. Trotzdem geht es jetzt vom Fond auf den Platz vorne links...


Geht auch als Schnell-Klasse durch


... und dann wird Gas gegeben. In dieser S-Klasse S 500 4Matic steckt ein aufgeladener Reihensechszylinder samt 48-Volt-Mildhybridtechnik, die Systemleistung beläuft sich auf 457 PS (5900-6100 U/min), das Drehmoment auf 520 Nm (1800-5500 U/min). Beim ersten Kaltstart wirkt der das Aggregat etwas nüchtern, rau, wenig S-klassig, lässt sich auch ganz leicht, zumindest in der ersten Reihe, vernehmen. Aber warm gefahren und im Sportmodus und mit etwas Drehzahl unterfüttert, entfaltet das Aggregat plötzlich dynamische Wohlklänge. Sollte aus dem Fond der Wunsche nach Eile geäußert werden, sprintet diese, leer rund zwei Tonnen schwere S-Klasse in 4,9 Sekunden auf 100 km/h. Der Allradantrieb und die 9-Gang-Doppelkupplungsautomatik sortieren die Kräfte dabei so dezent wie perfekt und machen aus dem Sprint in Sportwagenzeit ein lineares Erlebnis.

Trotz der durchaus sportlichen Fahrleistungen liegt das Hauptaugenmerk bei der S-Klasse aber auf den Komfortfähigkeiten. Und da ist der wichtigste Oberklasse-Standard das Luftfahrwerk – und natürlich enttäuscht das in der S-Klasse nicht. Natürlich beherrscht es die Grundlagen der Niveauregulierung, kann aus der Nulllage bis zu 20 Millimeter nach unten oder 30 nach oben fahren; ersteres geschieht bei Tempi ab 160 km/h, zweiteres ist bis zu einem Tempo von 60 km/h möglich. Selbst im Sport-Plus-Modus, hier geht's nur 17 mm runter, wogt das Luxusboot noch sanft, zu viel Sportlichkeit ist hier einfach nicht angesagt. Übrigens: Alle radführenden Bauteile außer der Radlager sind aus Alu gefertigt.


Nach der Dämpfung kommt die Dämmung, in dem Fall die aeroakustische – und da punktet die S-Klasse nur so halb-und-halb. Sitz Du im Fond kannst Du Dich problemlos und ohne gehobene Stimme mit dem Fahrer unterhalten und verstehst auch dessen Antworten, das klappt sogar bei Winterreifengeschwindigkeit 240 und trotz Panoramadach (1893 Euro) ohne auffällige oder gar störende Nebengeräusche. Etwas "unangenehmer" gestaltet sich da schon die Geräuschsituation auf dem Fahrerplatz: zwar haben die Außenspiegel sogenannte Aerostripes, die Luftführung und -abriss am Spiegelgehäuse verbessern sollen und während der Entwicklung wurden die Spiegelkonstruktion mehrfach tomographiert, aber trotzdem kommen aus dem Fensterdreieck und über die A-Säule diffuse Windgeräusche. Es hätte vermutlich mehr gebracht, die Spiegel aus dem Fensterdreieck auf die Türbrüstung zu verlegen.

Versenkbare Türgriffe gibt's für 1428 Euro


Nach der Dämmung kommt hier auch noch die Wendigkeit auf den Tisch, denn wenn Du weniger manövrieren musst, bist Du schneller und entspannter am Ziel. Deshalb gibt's für die S-Klasse für schmale 1547 Euro eine Hinterachslenkung. Genau genommen gibt es zu diesem Preis sogar zwei unterschiedliche Hinterachslenkungen, je nach Softwaresteuerung erlaubt die eine Variante ein Lenkspiel von 4,5 Grad, die andere 10 (in Worten: zehn) Grad – die hat den Ausstattungscode 216, und dass ist die die Du willst. Mit diesem starken Lenkeinschlag an der Hinterachse habe ich einen Radwendekreis von 10,42 Meter gemessen und einen Karosseriewendekreis an den vorderen Überhängen von 10,92 – ein Opel Mokka II reißt hier knapp die Elfmeter-Marke. Und beim Rangieren wirkt sich die mitlenkenden Hinterachse großartig aus, bei den ersten Einparkmanövern hätte ich mehrfach beinahe das innenliegende Fahrzeug tuschiert, weil ich zum Anfahren der Lücke gedanklich die reguläre Länge dieser 5,30-Meter-Limo angelegt habe. Tatsächlich kommt der Wagen so aber viel enger rum und wenn Du zur Linienkontrolle dann auch noch die Außenspiegel nach unten stellst, kannst Du sogar beobachten, wie sich die Hinterräder aus den Radhäusern rausdrehen. Beeindruckend, großartig, unbedingt empfehlenswert.

Ein anderes großes Komfort-Bonbon ist das optionale Massageprogramm, das gibt's für die erste Reihe (Aktiv-Multikontursitze, 2380 Euro) und natürlich auch für die Fondpassagiere (2023 Euro). Es stehen zehn verschiedene Massageprogramme in zwei Intensitätsstufen zur Wahl, je nach Programm beträgt die Dauer acht bis 18 Minuten. Aber selbst zart gebauten Mitfahrern war die intensivere Massagestufe zu lasch und auch die zeitliche Begrenzung stieß bei allen Testern auf wenig gegenliebe. Warum meinen Produktentwickler eigentlich immer, zu wissen, was der Kunde will? Eine einfache Schaltfläche "Massage ohne Zeitlimit" sollte doch in so einem modernen Fahrzeug zu implementieren sein. Immerhin: in der S-Klasse arbeitet das Mbux der zweiten Generation – und vielleicht gibt es ja mal irgendwann ein sogenanntes over-the-air-update, das sich der Sache annimmt.


Komfort schön und gut. Aber auch sicher?


So eine S-Klasse steht natürlich auch für Sicherheit. Und die fängt im Bereich der aktiven Sicherheit mit allerlei Sensorik schon vor dem Auto an. Für die S-Klasse W223 steht da alles zur Verfügung, was zur Zeit machbar ist – die Arbeit übernehmen serienmäßig 17 Radar- und Ultraschallsensoren sowie fünf Kameras. Eine Möglichkeit, die Linsen und Schilder rein zu halten, hat Mercedes bisher aber noch nicht entwickelt, schon bei leichten Wetterunbilden wurde ich darüber informiert, dass irgendein Assistent seine Arbeit nicht verrichten könne. Schade.


Deutlich besser arbeitet da das Digital Light (2250 Euro): in jedem Scheinwerfer stecken drei LEDs, deren Licht von 1,3 Millionen Mikrospiegeln auf die Fahrbahn gerichtet wird – das heißt, das Licht wird in Form von 1.300.000 Lichtpunkten ausgesendet, die sich beliebig abschalten und aktivieren lassen. Im Automatikmodus werden dann die Lichtpunkte nicht angestrahlt, die den Gegenverkehr blenden, um das Fahrzeug herum steht aber weiter maximales Licht zur Verfügung. Die Lichtausbeute ist stark und das Maskieren funktioniert organisch und sehr gut.

Näher dran am Fahrer ist das Head-up-Display (1060 Euro) und neben dieser beinahe schon gewöhnlichen Lösung bietet Mercedes auch noch ein HUD an, das dynamische Richtungshinweise direkt auf die Scheibe projiziert (3797 Euro). Ich brauchte eine Weile, bis ich mich an die üppige Größe der Darstellung gewöhnt hatte, war bisweilen sogar davon irritiert. Mir würde die einfache Variante genügen.


Die Fahrgastzelle profitiert natürlich von den passiven Maßnahmen, die die Kombination aus festen und hochfesten Stählen und Alustrangprofilen mit sich bringen. Dazu bietet Mercedes speziell für den Fond eine Reihe zusätzlicher Airbags an. Neben seitlichen Airbags an den Fenstern (453 Euro) steht auch ein sogenannte Beltbag (703 Euro) zur Wahl, der den Anschnallgurt aufbläst, die Auflagefläche so etwa auf das Dreifache vergrößert und so den Oberkörper entlastet. Für alle langen S-Klassen gibt's außerdem erstmals auch Fondairbags (595 Euro), die in den Vordersitzen verbaut sind und Einschläge in Längsrichtung abmildern.


S war Klasse

Die S-Klasse war für mich in diesem Jahr ein echter Hit. Klar, die Verwöhnextras schmeicheln, der Komfort ist enorm. Aber das beeindruckende war, wie verspielt sich die S-Klasse präsentiert: eigentlich ein Auto für seriöse Staats- und Unternehmenslenker und trotzdem geht hier alles mit einer Lässigkeit von Statten, die angenehm überrascht. Dazu kommen dann noch die feinen fahrdynamischen Aspekte, die den großen Auftritt des großen Mercedes ordentlich abrunden. Ein absolut empfehlenswertes Auto für alle, die das nötige Geld haben.

Attila Langhammer

23 Nov. 2021