Mercedes EQS: Durchdigitalisiert, vollelektrisch und oberaerodynamisch

Mathias Keiber

03 Apr. 2021

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Die Elektro-Limousine legt die Messlatte ganz schön hoch. Und gibt sich dabei überhaupt nicht bescheiden.

Man konnte im Prinzip damit rechnen: Schon länger gab es bei Mercedes Gerüchte, Vorstandschef Ola Källenius wolle den Ausstieg aus der Produktion von Autos mit Verbrennungsmotor vorziehen. Eigentlich war die Zäsur für 2039 geplant. Nun soll sie nach dem Willen des schwedischen Managers schon früher stattfinden. Wann genau – das ließ Källenius bei der Hauptversammlung am Mittwoch offen. Dass er die Ankündigung just zu diesem Zeitpunkt machte, überraschte indes nicht. Denn in knapp zwei Wochen, am 15. April, steht die Weltpremiere des reichweitenstärksten und luxuriösesten Elektroautos an, das es bisher in Serie gibt. EQS heißt die über 5 Meter lange und zweieinhalb Tonnen schwere Luxuslimousine, die sogar Tesla in puncto Reichweite überflügelt. Sage und schreibe 770 Kilometer nach WLTP sollen es sein.


Eingeholt ist Tesla damit aber noch nicht. Denn sämtliche großen Autokonzerne könnten gerne das, was bei Tesla Kernkompetenz ist – ein eigenes Betriebssystem bauen, das Auto so zum mobilen Endgerät auf Rädern machen und, ganz wichtig, die Digitalkonzerne dabei aussperren. Denn beim Betriebssystem geht es für Hersteller um die Wurst, seine Bedeutung ist im Prinzip kaum zu überschätzen. Mit zunehmender Automatisierung werden Fahrer zu Konsumenten, die es während der Fahrt zu beschäftigen gilt – ebenso wie Mitfahrer. Wollen die Hersteller nicht zum Hardware-Lieferanten werden, müssen sie die Schnittstelle zwischen Passagieren und dem Internet kontrollieren. Andernfalls verdienen andere.


Mercedes will das auf jeden Fall verhindern – und macht jetzt in Form des EQS ein echtes Statement. Das Fahrzeug ist eine Kampfansage an sämtliche automobile Ambitionen im Silicon Valley – und gleichzeitig der zwar späte, aber fulminante Startschuss einer deutschen Industrielegende ins Zeitalter von Digitalisierung und Elektrifizierung. War der erste Stuttgarter Stromer, der EQC, noch ein Verlegenheitsprodukt, so ist der EQS davon das Gegenteil. Im Prinzip handelt es sich um eine digital hochgerüstete S-Klasse.


Ganz besonders augenscheinlich wird das beim optionalen MBUX-Hyperscreen, der über eine Breite von 141 Zentimetern von A-Säule bis A-Säule reicht und Fahrer-Display (12,3 Zoll), Zentral-Display (17,7 Zoll) und Beifahrer-Display (12,3 Zoll) quasi als optische Einheit erscheinen lässt. Für eine besonders brillante Anzeige kommt bei Zentral- und Beifahrer-Display OLED-Technologie zum Einsatz. Konkret heißt das: Die einzelnen Bildpunkte sind selbstleuchtend; nicht angesteuerte Bildpixel bleiben abgeschaltet und wirken dadurch tiefschwarz.

Eindruck bei der ersten Mitfahrt in Stuttgart: ganz schön abgefahren, vielleicht sogar etwas zu abgefahren. Denn um den Hyperscreen legt sich auch noch ein dynamisches Leuchtband, das zum Beispiel einen Kickdown mit entsprechend energischen Effekten goutiert. Doch zieht das Schlachtschiff ohnehin schon wie verrückt und erweist sich dank mitlenkender Hinterachse in engen Kurven agiler als gedacht. Doch es kommt eben auch auf die Präsentation an – besonders auf dem chinesischen Markt.


Der Hyperscreen schaut aber nicht nur spektakulär aus, er ist dank des Zero-Layer-Konzepts auch recht einfach zu bedienen: Auf dem Zentral-Display ist so viel Platz, dass wesentliche Funktionen wie Navigation, Radio und Medien sowie Telefonie immer auf dem Homescreen verfügbar sind, was nerviges Navigieren durch Untermenüs in den meisten Fällen überflüssig macht. Über 20 weitere Funktionen werden mit Hilfe von künstlicher Intelligenz automatisch angeboten, wenn sie für den Fahrer relevant sind. „Magic Module“ nennt Mercedes das zuvorkommende System, das den Menschen am Steuer auf Basis seiner Gewohnheiten im EQS kennen lernt.


Generell kann man mit dem EQS auch sprechen, und zwar in bis zu 27 Sprachen. Auch selbst macht sich die Luxuslimousine akustisch bemerkbar, zum Beispiel mit einem optionalen Fahrsound, der auf Parameter wie Stellung des Fahrpedals, Geschwindigkeit oder Rekuperation anspringt. Für die Soundausgabe verantwortlich ist eine Anlage des Edelherstellers Burmester – und zwar mit 15 Lautsprechern. Das Fest der Sinne komplettiert der eigens für den EQS komponierte Duft „No.6v MOOD Linen“.

Zu wesentlicheren Sachen: Mit dem EQS startet eine neue Batteriegeneration auf Basis einer 400-Volt-Architektur mit deutlich höherer Energiedichte. Zwei Lithium-Ionen-Energiespeicher stehen zur Wahl: Der Kleinere hat einen nutzbaren Energieinhalt von 90 kWh, der Größere von 107,8 kWh, was etwa 26 Prozent mehr als beim EQC sind. Zudem ermöglicht die Batterie-Management-Software Updates nach dem „Over the Air“-Prinzip – ganz nach Vorbild Tesla.


An Schnellladestationen lässt sich die Batterie mit bis zu 200 kW Gleichstrom befüllen. Damit soll schon nach 15 Minuten genügend Strom für bis zu 300 Kilometer nach WLTP gespeichert sein. Zu Hause oder an öffentlichen Ladestationen kann der EQS über den Onboard-Lader mit bis zu 22 kW Wechselstrom aufgeladen werden. Dank eines intelligenten Thermomanagements bei aktivierter Navigation mit der Funktion „Electric Intelligence“ kann die Batterie während der Fahrt vorgewärmt oder gekühlt werden. Damit ist sie an einer Schnellladestation im idealen Temperaturfenster, was schnelleres Laden ermöglicht. „Electric Intelligence“ plant auf Basis zahlreicher Faktoren die schnellste Route inklusive Ladestopps und reagiert auf Staus oder eine Änderung der Fahrweise. Außerdem lässt sich Energie während der Fahrt in drei Stufen rekuperieren, regelbar sind diese über Schaltwippen am Lenkrad. Mercedes verspricht eine Rekuperationsleistung von bis zu 290 kW.


Zahlreiche Funktionen zum Batteriemanagement kommen erstmals beim EQS zum Einsatz: Zum Beispiel wird angezeigt, ob die vorhandene Batteriekapazität ausreicht, um ohne Laden zum Ausgangspunkt zurückfahren zu können. Zudem ist es möglich, manuell hinzugefügte Ladestationen bei der Routenberechnung zu bevorzugen und vorgeschlagene Ladestationen auszuschließen. Auch die voraussichtlichen Ladekosten pro Stopp werden kalkuliert.

Alle EQS haben einen elektrischen Antriebsstrang (eATS) an der Hinterachse, die Versionen mit Allradantrieb zusätzlich auch einen eATS an der Vorderachse. Bei den Motoren handelt es sich um permanenterregte Synchronmaschinen, die zunächst in Leistungsstufen zwischen 245 und 385 kW angeboten werden – bei mindestens 550 Nm Drehmoment und 210 km/h Höchstgeschwindigkeit. Eine noch stärkere Performance-Variante schiebt Mercedes nach.


Kurz vor der Weltpremiere am 15. April kann Mercedes indes schon einen Rekord vermelden: Mit einem cw-Wert ab 0,20 ist der EQS das aerodynamischste Serienauto der Welt. Möglich machen das unter anderem die Stirnfläche von 2,51 Quadratmetern, die coupéhafte Grundform mit flacher Frontscheibe, der glatte Unterboden, die dank geringerem Kühlluftbedarf meist geschlossene Jalousie, pfeilförmige Radspoiler vorne und hinten sowie der für Auftrieb und Luftwiderstand optimierte Spoiler am Heck.


Auf den Markt kommt der EQS im August. Die Frage ist nur: zu welchen Preisen?


(Fotos: Mercedes-Benz)



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Mathias Keiber

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