Mercedes SL: Alle Generationen im Rückspiegel

Mathias Keiber

09 Juni. 2021

1/16
Es sind zwei Buchstaben, die für automobile Ästhetik aus Stuttgart stehen wie sonst nichts anderes: SL. Mit den Roadstern und Coupés mit SL-Kürzel macht Mercedes seit 1954 die Straßen der Welt zu Open-Air-Museen. Ein Überblick.

W 198: 300 SL Coupé (1954-1957) / 300 SL Roadster (1957-1963)

300 SL Coupé von 1957. (Fotos: Mercedes-Benz)


Am 6. Februar 1954 präsentiert Mercedes-Benz auf der Automesse in New York den Seriensportwagen 300 SL. Das Coupé sorgt mit seinen charakteristischen Flügeltüren für Stielaugen bei Experten und Publikum. Die für die Konstruktion notwendigen, am Dach angeschlagenen Türen bringen ihm die Namen „Gullwing“ (Möwenschwinge), „Papillon“ (Schmetterling) und „Flügeltürer“ ein. Der Motor mit Benzindirekteinspritzung wird ursprünglich für den Rennsportprototyp des Jahres 1953 entwickelt. Im Seriensportwagen leistet der Reihensechszylinder bis zu 215 PS. So erreicht der eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 260 km/h – ein beeindruckender Wert in den fünfziger Jahren. Gleiches gilt für den Preis: 29.000 DM waren damals sehr viel Geld. Inflationsbereinigt entspricht dieser Preis trotzdem „nur“ rund 74.000 Euro im Jahr 2021.

300 SL Roadster von 1960.


Wer heutzutage ein gut erhaltenes der 3258 gefertigten Exemplare haben will, legt mindestens eine Million Euro hin. 2018 bezahlte ein Käufer sogar drei Millionen Euro: 1963 produziert, hatte der 300 SL Roadster nur einen Vorbesitzer, der ihn gerade mal 1500 Kilometer gefahren war. Vom Roadster wurden insgesamt 1858 Exemplare gebaut.


W 121 / 190 SL (1955-1963)

190 SL von 1961.


Neben dem 300 SL steht auf 1954 auf der Messe in New York der fast seriennahe Prototyp des zukünftigen 190 SL Roadsters, der ein Jahr später dann in Serie geht. Das Auto wird „aufgrund seines hohen Komforts einer Käuferschicht zugedacht, die mit diesem äußerlich sehr sportlich wirkenden Fahrzeug selbst große Reisen bei hohen Reisegeschwindigkeiten zurücklegen will.“ So fasst es Mercedes-Konstrukteur Josef Müller im Jahr 1957 zusammen. Der Karosserieentwurf des 190 SL ist eng an den Flügeltürer angelehnt, jedoch als zweisitziger Roadster ausgelegt. Es gibt ihn mit Stoffverdeck und mit abnehmbarem Hardtop. Kurios: Auf Wunsch kann im Fond ein dritter Sitz quer zur Fahrtrichtung untergebracht werden.

190 SL von 1961.


Den 1,9-Liter-Ottomotor des Sportwagens entwickelt Mercedes-Benz neu. Das Vierzylinderaggregat mit oben liegender Nockenwelle leistet im 190 SL 105 PS und beschleunigt das Fahrzeug in der Variante mit Stoffdach in 14,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 170 km/h. Insgesamt 25.881 Exemplare werden im Sindelfinger Werk bis 1963 produziert.


W 113 (1963-1971)

W 113 von 1970.


Als Ersatz für den 300 SL Roadster und den 190 SL präsentiert Mercedes auf dem Genfer Auto-Salon 1963 den 230 SL. Äußerliche Marker sind gerade Linien sowie der große Mercedes-Stern auf der Front. Das optionale Hardtop mit hohen Scheiben und dem von schmalen Säulen getragenen Dach bringt dem W 113 den Spitznamen „Pagode“ ein. Basis der Bodengruppe sind die „Heckflosse“-Limousinen der Baureihe 111, die weltweit ersten Personenwagen mit Sicherheitskarosserie. Fahrwerk und Sechszylindermotor stammen aus der Limousine 220 SE, der Motor ist jedoch auf 2,3 Liter Hubraum aufgebohrt und leistet 150 PS.

W 113 von 1970.


1967 löst der 250 SL den 230 SL ab. Die Änderungen betreffen im Wesentlichen den Motor und die Bremsanlage, etwa liefert das Aggregat zehn Prozent mehr Drehmoment als bisher. Neben den drei bekannten Karosserieausführungen (Roadster mit Klappverdeck, Coupé mit abnehmbarem Dach und Coupé mit abnehmbarem Dach und Roadsterverdeck) ist der 250 SL auf Wunsch auch als Coupé mit Fondsitzbank lieferbar.

W 113 von 1970.


Bereits weniger als ein Jahr nach seiner Präsentation wird der 250 SL vom 280 SL mit 2,8-Liter-Motor und 170 PS Leistung ersetzt. Von 1963 bis 1971 entstehen insgesamt 48.912 Exemplare der Baureihe W 113.


R 107 (1971-1989)

350 SL von 1971.


Erstmals in der SL-Geschichte kommt unter der Motorhaube ein Achtzylinder zum Einsatz: Den Anfang macht 1971 der 350 SL, 1973 folgt der 450 SL. Im Juli 1974 kommt der 280 SL mit Reihensechszylinder auf den Markt. Damit stehen drei Motorisierungen zur Auswahl – heute gewöhnlich, damals ein Novum für den SL. Bis zum Ende der Produktion im August 1989 werden alle Motorvarianten bei leicht geänderten Leistungswerten überarbeitet, um den mittlerweile in den meisten europäischen Ländern verschärften Emissionsgrenzwerten besser zu entsprechen.

350 SL von 1971.


18 Jahre lang produziert Mercedes die Baureihe R 107 – markenintern wird nur die G-Klasse über einen noch längeren Zeitraum gefertigt. Zwischen 1971 bis 1989 fahren in Sindelfingen 237.287 Cabrios vom Band. Parallel zu den offenen SL werden die entsprechenden SLC-Oberklassecoupés der Baureihe C 107 produziert: von 1971 bis 1981 insgesamt 62.888 Exemplare.


R 129 (1989-2001)

SL 600 von 1995.


Auf dem Genfer Auto-Salon stellt Mercedes 1989 den SL der Baureihe R 129 vor. Optisch zeichnet sich das Modell vor allem durch seine leicht keilförmige Karosserie mit sehr schräg stehender Frontscheibe aus. Dazu kommen die ausgestellten Radläufe und der geteilte Frontspoiler. Am Markt geht das Auto durch die Decke: Die Produktionskapazität ist schnell ausgelastet, Kunden nehmen teilweise mehrjährige Lieferfristen in Kauf. Im Herbst 1992 erscheint als neues Spitzenmodell der 600 SL mit 394 PS starkem Zwölfzylinder. Im Sommer 1993 passt Mercedes die Typenbezeichnungen seiner offenen Sportwagen an die bis heute gültige Nomenklatur an. Seitdem steht das Buchstabenkürzel „SL“ vor der dreistelligen Zahl, die auf den Hubraum verweist.

SL 600 von 1995.


Die Modellpflege 1998 geht mit Neuerungen in der Motorenpalette einher: Statt den bisherigen Reihenmotoren kommen V6-Aggregate zum Einsatz, zudem ein neuer V8-Motor. Absolutes Topmodell der Baureihe ist der 1999 vorgestellte SL 73 AMG mit 525 PS starken 7,3-Liter-V12 – Preis: nördlich von 320.000 DM. Im Sommer 2001 endet die Produktion der Baureihe R 129 nach zwölf Jahren und insgesamt 204.940 Fahrzeugen. Die Gesamtstückzahl dieser SL-Generation liegt damit unter jener der Vorgängerbaureihe R 107. Doch im Vergleich der durchschnittlichen Jahresproduktion ist der R 129 mit etwa 16.500 Einheiten deutlich erfolgreicher. Und für so manchen Mercedes-Enthusiasten ist es der letzte echte SL.


R 230 (2001 bis 2012)

SL 55 AMG von 2005.


2001 hat die nächste SL-Generation mit dem internen Kürzel R 230 Premiere. Ihre auffälligste Neuerung – neben dem angedeuteten Vieraugengesicht – ist das sogenannte „Variodach“ aus Stahl: Erstmals in der Geschichte ist ein SL damit Coupé und Roadster zugleich. Die Verwandlung geschieht innerhalb von 16 Sekunden. Traditionsbewusste SL-Fans hadern jedoch mit dem Dach und lassen sich auch von der ein oder anderen historischen Reminiszenz nicht besänftigen – etwa greifen die markierten Luftöffnungen in den vorderen Kotflügeln ein typisches Merkmal des legendären 300 SL aus den 1950er-Jahren auf. Auch die schmalen, flügelähnlichen Profile an diesen seitlichen Luftöffnungen sind eine Hommage an die Finnen des legendären W 198.

SL 55 AMG von 2005.


Die Modellpflege 2006 bringt neue Motoren mit Vierventiltechnik und reduziertem Kraftstoffverbrauch bei höherer Leistung; das Facelift 2008 eine neu gestaltete Fahrzeugfront, die den SL an das aktuelle Pkw-Design der Marke anpasst. Absolutes Topmodell ist der SL 65 AMG Black Series mit 670 PS und fest verschraubtem Coupédach die Modellpalette ab. Von 2001 bis 2012 werden insgesamt 169.433 Exemplare der Baureihe R 230 im Werk Bremen gebaut. Am erfolgreichsten ist der SL 500 mit 99.556 Einheiten. Hohen Anteil an der Gesamtzahl haben auch die drei AMG-Typen, die zusammen auf 29.570 Exemplare kommen.


Mercedes-Benz SL der Baureihe R 231 (2012 bis 2020)

SL 500 Special Edition "Mille Miglia 417" von 2015.


Die bislang letzte SL-Generation stellen die Stuttgarter im Januar 2012 in Detroit vor. Ein Schwerpunkt der Baureihe R 231 liegt auf der Gewichtsreduzierung: Die Rohkarosserie aus Aluminium wiegt 256 Kilogramm und ist trotz größeren Raumvolumens 110 Kilogramm leichter als die des Vorgängers. Der Kofferraumdeckel ist eine Verbundkonstruktion aus Stahl und Kunststoff, das elektrohydraulisch klappbare Dach besteht aus einem Magnesiumrahmen mit Kunststoffbeplankung. Auf die zunächst vorgestellten Versionen SL 350 (V6 mit 306 PS) und SL 500 (V8 mit 435 PS) folgt ab März 2012 die Top-Variante SL 65 AMG (V12 mit 630 PS).

SL 500 Special Edition "Mille Miglia 417" von 2015.


Allerdings hat es das Modell am Markt schwer, hauseigener Konkurrenz wegen: Das S-Klasse Cabrio und der AMG GT Roadster zielen mehr oder minder auf die gleiche Klientel ab.


Für den nächsten SL haben die Affalterbacher von Mercedes-AMG die Entwicklungshoheit. Mercedes sagt im Moment nur, das Auto werde noch dieses Jahr vorgestellt. Gut möglich, dass das auf der IAA in München, eine klassische SL-Hochburg, der Fall sein wird.


Die "Meet Mercedes Summer Legend SL"-Ausstellung startet im Spätsommer Mercedes-Benz Museum in Stuttgart.



360°

Details

Gebraucht

Videos

News

Du weißt nicht, welches Auto zu Deinem Lebensstil passt? Frag YesAuto! Unser Kaufberater zeigt Dir alle Informationen, die Du brauchst um die richtige Entscheidung zu treffen.

Mathias Keiber

09 Juni. 2021