Seat Leon KL: Nie war ein Seat deutscher als dieser Kombi

Attila Langhammer

16 Feb. 2021

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Der Seat Leon ist eines von vielen Modellen die aus Volkswagens Baukasten zusammengesetzt werden. In der vierten Generation, Typ KL, fährt er golfiger als je zuvor – und das ist ein bisschen traurig

(Fotos: YesAuto)

In dieser Kaufberatung wird es nicht nicht nur um den Kombi des Seat Leon sondern auch ein wenig um den VW Golf gehen. Anders wäre es mir lieber, aber es erscheint mir unumgänglich. Denn leider beschränken sich die Parallelitäten zwischen den beiden Modellen nicht nur auf die gemeinsame Basis – den modernisierten Modularen Querbaukasten MQB Evo. Der kleine Unterschied, der einen Seat von seinem VW-Gegenüber bisher immer spürbar unterschied, diese direkte und dynamische Leichtigkeit ist dem Seat Leon der vierten Generation, Typ KL, leider etwas abhanden gekommen.

Dieser Kombi – ST steht bei Seat für Sportstourer und bezeichnet die langen Fünftürer – fährt näher am Golf, als es mir gefällt; zumindest in allen Alltagslagen. Warum mir das nicht gefällt? Einfach! Seat Leon und VW Golf teilen sich schon lange die technische Plattform MQB und trotzdem fuhr der Leon vom Stand weg einen Hauch agiler, einen Hauch frischer, einen Hauch mutiger – und diese positive Eigenschaft wurde ihm jetzt ohne Not genommen. Zumindest fühlt sich das in unserem Testwagen so an, der mit den adaptiven Dämpfern (ab 830 Euro) ausgestattet ist und für die gibt es vielleicht wirklich nur eine Konzernuniversalabstimmung. Zudem enttäuscht dieses Fahrwerk auch im Komfortmodus mit einem ungeschliffenem Abrollverhalten.

Bezüglich des allzu golfigen Fahrgefühls steht da aber auch "in allen Alltagslagen", das heißt also wenn Du den Leon auf einer kurvigen Strecke mit späten Brems-, straffen Lenk- und harten Gasbefehlen forderst, ist er plötzlich wieder ganz der Alte und lässt Dich genüsslich die Kurvenradien auskosten. Aber solches Ausnahme-Fahren und das damit einhergehende agile Gefühl bleibt jetzt auf solch (seltene) Einsätze beschränkt, und das stößt mir sauer auf, weil ein attraktives Alleinstellungsmerkmal eliminiert wurde. Finger weg von den Adaptivdämpfern – auch wenn Du es attraktiv findest, dass sie sich 16-fach verstellen lassen.

Eine weitere herbe Enttäuschung war das winterliche Nassbremsverhalten. Auf der 1000-Kilometer-Schneematschfahrt zum Präsentationstermin der Modelljahrsüberarbeitung des Mazda CX-5 habe ich wiederholt erlebt, wie die belegten Bremsscheiben beim ersten Impuls kaum verzögern. Wird dann der Bremsimpuls verstärkt, weil Du zu Recht mehr erwartet hast, sind die Scheiben in deiner Reaktionszeit aber doch frei gebremst und plötzlich blockiert die Fuhre fast auf Vollbremsungsniveau. Mit ABS und ASR brauchst Du zwar nichts zu befürchten, aber erschreckt sich Dein Hintermann kann das zu einer hässlichen Kettenreaktion führen.

Das war es aber auch schon mit dem fiesen Genörgel. Alles andere macht der Seat Leon auf dem VW-üblichen Niveau gut. Zum Beispiel punktet er mit seinem Raumangebot in beiden Sitzreihen, insbesondere die Kopffreiheit werden große (Mit-)Fahrer zu schätzen lernen. Im Fond würde ich etwas höhere und längere Sitzauflagen zwar zu schätzen wissen, fühle mich auf den vorhandenen Polstern aber dennoch wohl. Unser Testwagen mit der Ausstattung FR trägt seine Polster übrigens sportlich angehaucht, aber die Sitze sind trotzdem bequem und quetschen dich mit ihren milden Wangen auch nicht ein. Da sind die Sportsitze in Hyundais N-Line-Sportausstattung für den i30 deutlich konsequenter gemacht.

Das Cockpit ist auf den ersten Blick gewohnt ergonomisch gestaltet, büßt mit dem hohen Tatsch-Anteil aber Einfachheit ein. Für eine solide Bedienbarkeit in voller Fahrt fehlen haptische Anhaltspunkte; zwar lassen sich Lautstärke und Temperatur mittels Fingerrinne unterhalb des großen Displays bedienen – aber auch dann fehlt noch die Rückmeldung bezüglich des Betätigungsumfangs: Bin ich jetzt ein Grad runter oder zehn? Habe ich die Lautstärke um vier oder 16 Einheiten verändert? Unbefriedigend durch und durch. Und gleiches gilt übrigens auch für das Lichtschalterschaltflächenensemble links des Lenkrads.

Apropos Lenkrad: Das ermöglicht als fernbedienendes Multifunktionslenkrad viele Steuerungsfunktionen, aber eben doch nicht alle. Willst Du etwas in tieferen Menüebenen verstellen, musst Du die Augen von der Straße nehmen. Ok, dann könntest Du Dich auf die Assistenten verlassen – Notbrems- und Spurhalteassistent gibt's serienmäßig, aber dieser Ansatz widerspricht meinem Grundverständnis vom verantwortungsbewussten Autofahrer.

Nutzt Du das Lenkrad wie gedacht vor allem zum Dirigieren des mindestens 1287 Kilo schweren Kombis, macht es einen tollen Job: leichtgängig und präzise führst Du den Leon durch den Verkehr und wenn Du es, wie oben beschrieben, etwas sportiver angehst, dann ist es auch in der Lage von der Fahrbahn zurückzumelden.


Motoren


Für sportliche Selbstverständlichkeit sollte mindestens der hier gefahrene 1,5-Liter-Benziner mit 130 PS (ab 25.800 Euro) unter der Haube stecken; mit 150 PS (ab 26.620 Euro) verfügt der Motor dann über die viel gemühten aber spürbaren Reserven. Darunter ist ein Einliter-Dreizylinder mit 90 PS (ab 21.900 Euro) zu haben, der auch den 4,61 Meter langen Kombi noch ordentlich inszeniert, aber wenn Du viel Langstrecke fährst oder oft das Auto voll hast, dann macht der halbe Liter zusätzlichen Hubraums schon was aus.

Die Ausstattungslinie FR ist sportlich ausgerichtet


Anders als für den regulären Fünftürer gibt's für den Kombi nur die 150-PS-Version des Zweiliter-Diesels und mit einem Startpreis von 31.530 Euro mutiert der schon fast schon zum Luxusantrieb. Demnächst kommt außerdem wieder eine Variante mit bivalentem Benzin-Erdgasantrieb auf den Markt, für den kurzen Fünftürer wurde der Motor gerade eingeführt. Weiters steht ein Plug-in-Hybrid in der Preisliste, der kombiniert einen 1,4-Liter-Benziner mit einem E-Motor und kommt so auf 204 PS Systemleistung (ab 36.425 Euro) – allerdings ist das aufgewärmte Technik die schon im Golf VII steckte; nun lediglich etwas stärker.

Das Topmodell mit 245 PS und detaillierter sportlicher Abstimmung wird unter dem Markennamen Cupra, ebenfalls als Leon verkauft (ab 40.095 Euro). Auch hier steckt die alte Plug-in-Hybridtechnik drin. Den Zweiliterbenziner mit 310 PS wird es aber hoffentlich auch bald (wieder) geben, deshalb besser warten.


Ausstattungslinien


Seat bietet den Leon Sportstourer in den vier Linien FR, Reference, Style sowie Xcellence an, wenn Du den sportliche Cupra dazu zählst, sind es fünf. Zu den netten Extras der Basis Reference zählen das Infotainment mit 8,25-Zoll-Touchscreen, Klimaautomatik, LED-Scheinwerfer, schlüsselloser Start sowie die oben erwähnten Assistenten. Den praktischen Totwinkelwarner (ab 720 Euro, Paketpreise) gibt es leider nur für die beiden Topausstattungen FR und Xcellence. Das Lichtsignal des Totwinkelwarners wird jetzt nicht mehr am Außenspiegel signalisiert sondern im Fahrzeuginnenraum, auf der umlaufenden Innenbrüstung, etwa auf Höhe der A-Säule. Und dort siehst Du das Signal soviel früher, weil es jetzt am Rand des Blickfelds liegt wenn Du gerade aus schaust, Du sparst also die halbe Sekunde in der Du den Kopf zum Spiegel drehst – diese Verbesserung ist großartig.

Die erste Ausstattung gibt's ausschließlich für den schwer zu empfehlenden Basisbenziner mit 90 PS. Das heißt, die zweite Linie Style wird beim Kombi zur eigentlich Grundausstattung. Und sie erweitert den Umfang unter anderem um 16-Zoll-Aluräder, Parkpiepser hinten sowie einen Tempomat. Allzu viele Extras lassen sich für diese Linie aber noch nicht auswählen – immerhin gibt's die 230-Volt-Steckdose für den Kofferraum (125 Euro), ein Extra das jeder Kombi haben müsste.

Die Rückfahrkamera (280 Euro) ist praktisch, verschmutzt aber schnell


Wenn Du den Leon nach allen Regeln der Kompaktklassekunst vollstopfen willst, musst Du eine der beiden Linie FR oder Xcellence wählen. Erstere trägt auch der Testwagen und sie trimmt Optik und Ausstattung in Richtung Sportlichkeit, mit Xcellence zielt Seat voll auf Komfortinteressen. Die Preise starten bei stolzen 27.700 beziehungsweise 27.900 Euro. Nur mit diesen beiden Ausstattungen gibt's das virtuelle Kombiinstrument und das ist tatsächlich ein feines Extra, weil sich die Darstellung hochgradig individualisieren lässt.


Fazit


Andere Seats haben mich leichter für sich eingenommen, als dieser Leon Kombi. Die sportive Grundeinstellung wurde ihm irgendwie ausgetrieben und was bleibt ist das unfeine Trampeln der Adaptivdämpfer. Die bekannte und an sich gute Ergonomie wird durch die Tatsch-Manie ad absurdum geführt. Der attraktive Startpreis wird durch Zwangskopplungen bei den Ausstattungslinien zu Nichte gemacht. Was bleibt ist das luftige Raumangebot, der trotzdem gute Fahreindruck und Pluspunkte wie das gut schaltbare manuelle Getriebe und die Verarbeitungsqualität; insgesamt leicht im Plus.


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Attila Langhammer

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