Studie: Elektromobilität zerstört weniger Arbeitsplätze als erwartet

Arne Roller

15 Dez. 2020

Das Fraunhofer-Institut untersucht die Auswirkungen der Mobilitätswende anhand des Beispiels von Volkswagen. Die Forscher meinen: Mittelfristig könnte die Umstrukturierung sogar zu einem Jobzuwachs führen.

Es ist eine spannende Zeit für die Automobilindustrie. Neben den Herausforderungen durch die Corona-Krise durchlebt die für Deutschland so wichtige Branche eine der größten, wenn nicht sogar die größte Umwälzung ihrer Geschichte. Alternative Antriebe, das autonome Fahren und neue Mobilitätsdienstleistungen stellen die Hersteller vor große Herausforderungen.

Und bisher hieß es dabei: E-Autos und Digitalisierung kosten Arbeitsplätze. Vor allem der elektrische Antrieb hält immer gerne für Hiobsbotschaften her. Und in der Tat sind im Antriebsstrang eines E-Autos viel weniger Teile verbaut als im Pendant eines Fahrzeugs mit konventionellem Antrieb. Zudem ist Zellfabrikation für die Batterien hochautomatisiert. Branchenverbände wie der Verband der Automobilindustrie (VDA) sprachen daher vom Wegfalll von bis zu 75.000 Stellen bei Herstellern und Zulieferern. Die IG-Metall ging sogar noch weiter: mindestens 200.000 Jobs seien gefährdet. Die Nationale Plattform Zukunft der Mobilität (NPM) unter dem Vorsitz von IG-Metall-Chef Jörg Hofmann setzte dem Ganzen die Krone auf und sprach von 410.000 Stellen, die wegfallen könnten. Das Level der Schwarzmalerei kannte kaum Grenzen.


Volkswagen teilt konkrete Zahlen mit Fraunhofer-Institut


Wissenschaftlich fundierte Prognosen darüber, welche Auswirkungen Elektromobilität und Digitalisierung konkret auf die Entwicklung des Beschäftigungsbedarfs bei den größten Automobilunternehmen haben, lagen aber bisher laut Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (kurz: Fraunhofer IAO) nicht vor. Für aussagekräftige Analysen und Prognosen bedürfe es konkreter produkt- und prozessbezogener Zahlen sowie Planungsdaten und fachlicher Einschätzungen aus dem Unternehmenskontext. Diese hat der Volkswagen-Konzern auf Initiative seines Nachhaltigkeitsbeirats erstmals zur Verfügung gestellt. Eine Studie des Fraunhofer IAO untersuchte die zukünftigen Beschäftigungs- und Qualifikationsbedarfe bei Volkswagen. Aus der Studie geht hervor: Der Abbau von Beschäftigung im Zeithorizont bis 2030 deutlich geringer als befürchtet. Die großen Veränderungen sorgten nämlich gleichzeitig auch für neue Perspektiven für Wachstum und Beschäftigung. Strategische Gegenmaßnahmen z.B. durch Erschließung neuer Geschäftsfelder federn demnach Beschäftigungseffekte im Bereich der Elektromobilität ab. Ein besonders hoher Initialaufwand bei der Digitalisierung könne zunächst sogar zu einem mittelfristigen Jobzuwachs führen.


Volkswagen: Kein massenhafter Wegfall von Stellen in Sicht


Das immer wieder befürchtete Szenario von massenhaft wegfallenden Arbeitsplätzen bewahrheitet sich aufgrund der Planungen und Szenarien bei Volkswagen nicht. So werden die Beschäftigungsverluste durch Elektromobilität in der Fahrzeugfertigung weitaus geringer ausfallen, als in bisherigen globalen Studien prognostiziert. Tatsächlich stärker betroffen ist der Bereich der Komponentenfertigung, da der Arbeitsaufwand für den elektrischen Antriebsstrang wie angesprochenim Vergleich zum Verbrenner sinkt. Bei Volkswagen sind hier frühzeitig strategische Gegenmaßnahmen ergriffen worden, um die Beschäftigungseffekte infolge der Elektromobilität abzufedern. So zum Beispiel durch das Erschließen neuer Kompetenzfelder wie der Batteriezellentwicklung und -fertigung.


"Für uns als Forschungseinrichtung ist eine so intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit wie in dem Projekt mit Volkswagen besonders wertvoll. Sie gibt Impulse, die Transformation positiv zu gestalten und soll allen Akteuren im Ökosystem der Automobilindustrie Mut machen, Veränderungsprozesse offen und kooperativ anzugehen.", sagt Prof. Wilhelm Bauer, Institutsleiter des Fraunhofer IAO.


Dr. Florian Herrmann, Projektleiter und Institutsdirektor am Fraunhofer IAO fasst die Erkenntnisse der Studie zusammen: "Die Auswertung der unternehmensspezifischen Daten von Volkswagen zeigt, dass es keinen einheitlichen Trend der Beschäftigungsentwicklung für die nächsten zehn Jahre gibt. Je nach Bereich können neue Arbeitsplätze entstehen, wegfallen oder sich inhaltlich stark verändern."


Fraunhofer-Institut: "Die Akteure der Automobilindustrie müssen den komplexen Transformationsprozess systematisch gestalten"


Die Automobilindustrie steht vor einer großen Transformationsaufgabe. Und es ist gut, wenn die Maßnahmen der Modernisierung transparent geschehen. "Wir hoffen, dass weitere Unternehmen dem Beispiel VW folgen und so neue Partnerschaften auf Augenhöhe zwischen OEMs, Zulieferern, Wissenschaft und Politik entstehen", sagt Dr. Florian Herrmann. Man darf es sich wünschen, macht doch diese anhand von vorliegenden Zahlen erstellte Studie Hoffnung, dass eine Veränderung hin zu umweltfreundlicherer Mobilität kein Friedhof für Arbeitsplätze sein muss.


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Arne Roller

15 Dez. 2020