Toyota GR Yaris: Bonzai-Racer mit viel GRrip

Arne Roller

18 Nov. 2020

1/7
Akio Toyoda, der Chef höchstpersönlich, wollte es so: Mit dem GR Yaris hat Toyota wieder einen Sportwagen eigenständig entwickelt und gebaut. Redakteur Arne Roller durfte Toyotas neues Sportgerät bereits fahren.

(Fotos: Toyota)


Im Jahr 2015 gab Toyota seine Rückkehr in die World Rallye Championship bekannt, die man 2017 erfolgreich vollzog. Rallye-Legende Tommi Mäkinen hatte das Toyota-Werksteam auf Basis seines eigenen Rennstalls aufgebaut. Unter seiner Führung gewann Toyota 2018 den Hersteller- und 2019 mit Ott Tänak auch den Fahrertitel. Schnell war klar, dass man die Entwicklung eines vom Rallye-Engagement inspirierten Serienfahrzeugs vorantreiben will. „Ich wollte immer einen Sportwagen, der alleine von Toyota gemacht ist”, sagt Akio Toyoda. Und so ist der GR Yaris das erste richtige Sportfahrzeug seit 20 Jahren, das Toyota selbst entworfen und gebaut hat. Tommi Makkinen stand mit seinem Team bei der Entwicklung in Finnland beratend zur Seite. Und selbst Präsident Akio Toyoda wirkte als sogenannter „Master Driver“ mit.



Toyota GR Yaris: Der stärkste PKW-Dreizylinder-Motor der Welt


Eine Neuentwicklung von Toyota ist dementsprechend auch das Aggregat des ausschließlich als Dreitürer erhältlichen GR Yaris. Und das hat einige Superlative zu bieten: Der 1,6-Liter-Turbobenziner mit 192 kW/261 PS und einem maximalen Drehmoment von 360 Newtonmetern bringt unter allen PKW-Dreizylindern nicht nur die meiste Leistung, er ist auch der hubraumstärkste Motor dieser Art. Zusätzlich ist er der schmalste und leichteste 1,6-Liter-Turbomotor auf dem Markt. Er erfüllt die Grundlagen des technischen Reglements für die WRC2-Klasse, der zweiten Liga in der Rallye-Weltmeisterschaft. Dem Serienmodell verhilft der Motor zu einem Spurt aus dem Stand auf 100 km/h in nur 5,5 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit ist elektronisch auf 230 km/h begrenzt. Konstruktiv greift der Motor, der übrigens nur im GRYaris zum Einsatz kommen soll, auf moderne Rennsport-Technologie zurück: Kolbenbodenkühlung über Multidüsen, Auslassventile mit großem Durchmesser und ein Turbolader mit Single-Scroll-Kugellager kommen zum Einsatz. Mit seinen lediglich 1.280 Kilogramm kann der GR Yaris mit einem sehr potenten Leistungsgewicht von 4,9 Kilogramm pro PS aufwarten. 



Motor mit vielen Superlativen: Der 1,6-Liter-Turbobenziner ist der stärkste Pkw-Dreizylinder der Welt.


Toyota GR Yaris: Mit dem „normalen“ Yaris hat der GR fast nichts mehr gemein


Der GR ist tiefer, breiter, länger und niedriger als der gewöhnliche Yaris. Bei unverändertem Radstand von 2.560 mm misst der GR Yaris mit 3.995 mm exakt 55 mm in der Länge mehr als die Ausgangsversion. Die neu gestalteten Front- und Heckpartien vergrößern die vorderen und hinteren Karosserie-Überhänge um 40 beziehungsweise 15 Millimeter. In der Breite übertrifft der Dreitürer das Basismodell mit 1.805 mm um 60 mm, während die Fahrzeughöhe mit 1.455 mm um 45 mm flacher ausfällt.



Flacher als die Yaris-Schwestermodelle und nur als Dreitürer zu haben: Der GR Yaris.


Auch die obligatorischen großen Lufteinlässe fallen sofort ins Auge. Tatsächlich teilt sich die Karosserie des GR Yaris mit den Yaris-Schwestermodellen nur Scheinwerfer und Rückleuchten sowie Außenspiegel und Dachantenne. Motorhaube, Heckklappe und Türen fertigt Toyota aus Aluminium, was zu einer Gewichtseinsparung von 24 Kilogramm bringt. Der GR Yaris ist außerdem das erste Serienmodell von Toyota mit einem Dach aus gewebten Kohlefasermaterial. Gegenüber einer konventionellen Stahlkomponente spart dieser C-SMC-Werkstoff (Carbon Sheet Moulding Compound) 3,5 Kilogramm Gewicht an einer hoch gelegenen Stelle ein, die großen Einfluss auf den Schwerpunkt des Autos hat. Insgesamt wiegt die Karosserie des GR Yaris 38 Kilogramm weniger als jene des entsprechenden Yaris-Vorgängermodells.



Hier ist es gut zu erkennen: Das Dach des GR-Yaris besteht aus Kohlefasermaterial. So spart man Gewicht an einer hoch gelegenen Stelle.


Toyota GR Yaris: Sportlicher Innenraum mit Alcantara-Elementen


Zu Gast auf dem ehemaligen Flughafen in Mendig, setze ich mich in den mir zugewiesenen GR Yaris mit der Nummer 7 – und bin zunächst einmal begeistert. Der Innenraum des GR Yaris ist natürlich sportlich gestaltet, Leder gesellt sich hier zu Alcantara, die Sportsitze sind hervorragend. Auch schön: In der Mittelkonsole gibt es noch ein breites Tastenband, das sich sehr wertig anfühlt. Alles ist schnell erreichbar, Klimaanlage und Lautstärke lassen sich weiterhin mit Tasten bedienen. Toyota lässt also nicht alle Tasten zugunsten des Touchscreens verschwinden.


Recht edel und recht sportlich: Leder, Alcantara sowie Aluminium-Pedalerie. Aber auch Hartplastik findet man an vielen Orten.


Etwas hoch ist leider die Sitzposition im GR Yaris, was auch anderen Journalisten-Kollegen direkt auffällt. So wie man sitzt, hängt einem zudem der recht große Rückspiegel auffällig im Sichtfeld, was vor allem bei Rechtskurven störend ist. Als Chef-Entwickler Saito San bei der Pressekonferenz danach gefragt wird, nimmt er sich die Anmerkung zu Herzen und dankt für den „advice“ (Ratschlag). Aber dies sei „die aktuelle” Situation. Sicherlich werden sich einige GR Yaris-Käufer schnell im Aftermarket nach einem kleinen Rückspiegel umschauen.

Und man muss es leider sagen: das Toyota-Navigationssystem ist inzwischen sehr angestaubt. Damit man dessen altertümliche Kartendarstellungen nicht mehr sehen muss, schließt man schnell das Smartphone an und nutzt Apple CarPlay oder AndroidAuto.



Ausfahrt im GR Yaris: Auf der Landstraße eine Offenbarung


Jetzt will ich aber loslegen, über die Dörfer der Eifel Richtung Nürburgring, den wir heute allerdings nicht befahren werden. Für Track-Erfahrung ist eine Strecke auf dem alten Flugplatz in Mendig abgesteckt.

Ich begebe mich also auf die Landstraße und freue mich sofort über die Geräusche des Wastegate-Überdruckventils beim Schaltvorgang. Überhaupt: der Sound des Dreizylinders! Zwar kommt der teilweise aus dem Sound-Generator, aber es klingt stimmig. So funktioniert’s: Der Generator greift im Motorraum den Sound des Dreizylinders über ein Mikrofon auf und überträgt ihn über die Audioanlage in den Innenraum. Störende Nebengeräusche filtert das System heraus. Das klingt auf dem Papier erstmal irgendwie künstlich und öde und verursacht bei mir auch eigentlich nur Kopfschütteln. Aber im GRYaris, da klingt das tatsächlich einfach gut. Muss es sein? Sicher nicht. Finde ich es in diesem Fahl soundtechnisch daneben und Fehl am Platz? Ich muss konstatieren: Nein. 


Wilder Sound und eine Straßenlage vom Feinsten: Den GR Yaris über die Landstraße zu bewegen ist eine Wonne für die Sinne.


Bei Ortsdurchfahrten, wenn man langsam im zweiten Gang mit 3.000 Umdrehungen daher rollt im GR Yaris, dann hat man fast das Gefühl, man säße in einem Rallye-Boliden, der gerade an die Startlinie rollt, so grummelt der Motor auch bei niedrigen Umdrehungen vor sich hin. Wie ein Monster, das bereit ist, loszuschlagen.

Tut man genau das, befindet sich der GR Yaris ab rund 4000 Umdrehungen im Wohlfühlbereich. Und aufgrund des genialen Sounds macht man von hohen Umdrehungszahlen auch gerne ordentlich Gebrauch. Man merkt dem Fahrzeug seine Herkunft und seinen Zweck in jeder Faser an. Die Lenkung ist direkt, das Fahrwerk straff, die Schaltvorgänge knackig und schnell. Details machen zudem offensichtlich, dass hier Rallyefahrer an der Entwicklung beteiligt waren. So unterbricht eine Nutzung der manuellen Handbremse nicht den Vortrieb an den Vorderrädern des Allradlers. Dinge eben, die man im Rallyesport braucht, um ein Fahrzeug gekonnt um die Kurven zu zirkeln.

Die Rückmeldung von Makkinen und seinen Einfluss auf die Entwicklung spürt man auch in er Lenkung, denn die gibt – genau – sehr viel Rückmeldung. Von Anschlag zu Anschlag genügen 2,36 Lenkradumdrehungen. Auf kurvigen Landstraßen liefert der GR Yaris somit ein überaus freudiges Fahrerlebnis.



Der GR Yaris auf der Rennstrecke


Neben Freude vermittelt mir der Yaris auf dem Rundkurs des Flughafens in Mendig vor allem Sicherheit. Das Auto giert nach Grip, der niedrige Schwerpunkt und der Allradantrieb sorgen für eine enorme Stabilität. Die Technik in Form der Regelsysteme VCS (so heißt die elektronische Stabilitätskontrolle bei Toyota) und die Traktionskontrolle tun ihr übriges. Aber selbst als ich diese ausstelle, bekomme ich den GR Yaris heute nicht gedreht. Die Strecke liegt in tiefem Nebel und ist feucht, aber der GR Yaris bleibt bombenfest in der Spur.



YesAuto-Redakteur Arne Roller im GR Yaris auf der Flugplatz-Rennstrecke in Mendig.



Der permanente, elektronisch geregelte und von Toyota neu entwickelte GR-Four-Allradantrieb bietet drei verschiedene Optionen für die Verteilung des Motormoments zwischen Vorder- und Hinterachse: Normal (60/40), Track (50/50) und Sport (30/70). Die Performance-Version des GR Yaris bietet zudem ein Torsendifferenzial vorne und hinten, das die Kraftverteilung nochmals jeweils an den Achsen zwischen dem kurveninneren und kurvenäußeren Rad optimieren kann.


Im Anschluss an meine Fahrt mit dem GR Yaris drehe ich auf der Strecke auch noch zwei Runden mit dem GR Supra-Sechszylinder. Und hierbei merke ich sofort den enormen Unterschied der Konzepte: Der GR Supra bricht mir sofort aus, wird aber immer von den Regelsystemen wieder eingefangen, die ich noch nicht ausgeschaltet habe. Dabei habe ich nicht einmal das Gefühl, schnell unterwegs zu sein. Vor allem nicht im Vergleich zum GR Yaris zuvor. Der lag bei höherem Tempo mit seinem neuen GR-Four-Allradantrieb satt auf der Straße. Auf regennasser Fahrbahn kann es auch ein 3,0-Liter-Sechszylinder-Sportwagen mit dem GR Yaris keineswegs aufnehmen. Toyotas neuer Giftzwerg wird viele größere Boliden ärgern können, vor allem auf kurvenreichen Strecken. Nicht unbedingt auf den großen Grand-Prix-Kursen, aber doch sicher auf der Nordschleife. Noch gibt es für den GR Yaris keine offizielle Rundenzeit auf dem Ring, sie soll aber kommen. Meine Prognose: Der GR Yaris könnte in der Klasse der Serien-Kleinwagen dem Renault Clio R.S. 220 Trophy die Krone abluchsen.



Fazit:


Der GR Yaris ist ein absolut ernstzunehmendes Renngerät. Das zeigen auch die Verkäufe bisher: 85% der Kunden in Deutschland wählten die Performance-Variante. Denn viele wissen: Käfig rein und fertig ist ein formidables „Track-Tool“. Auch in vielen nationalen Rallye-Wettbewerben werden wir künftig sicher viele private GR Yaris sehen. Toyota ist wichtig, dass der GR Yaris kein Marketing-Gag ist. Und den Anschein macht er wirklich in keinster Weise. Der GR Yaris ist ein Fahrzeug, das riesig viel Freude bereitet, ohne ein reines Spaßauto zu sein. Denn dafür sind seine ernsthaft sportlichen Fähigkeiten viel zu beeindruckend.


360°

Details

Gebraucht

Videos

News

Du weißt nicht, welches Auto zu Deinem Lebensstil passt? Frag YesAuto! Unser Kaufberater zeigt Dir alle Informationen, die Du brauchst um die richtige Entscheidung zu treffen.

Arne Roller

18 Nov. 2020