Volvo V60 B3: Gediegener Familienkombi mit elektrischem Zusatz

Arne Roller

02 Dez. 2020

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Volvo macht seine Flotte fit für die Zukunft und macht fast alle Modelle zumindest zu Mild-Hybriden. So auch den V60 B3 mit dem kleinsten verfügbaren Motor, einem 163 PS starken Vierzylinder-Benziner.

YesAuto Bewertung:

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Diese Bewertung wird durch unser Team nach umfangreichen Tests des Autos verfasst.

YesAutos umfassende Bewertungskriterien berücksichtigen jeden Aspekt eines Autos. Außerdem berücksichtigen sie, wie das Auto in Verhältnis zu anderen Autos der gleichen Kategorie steht. Unten sind die Kriterien, nach den jedes Auto bewertet wird, aufgelistet. Die Autos können pro Kriterium maximal 10 Punkte erhalten, was zu einer Note von insgesamt 100 Punkte führen kann.

  • Qualität und Design der Fahrzeuginnenausstattung
  • Fahrzeuginnenausstattung bezüglich der Technologie
  • Innenraummaße
  • Kofferraum
  • Motorleistung
  • Sparsamkeit des Motors
  • Fahrt und Komfort
  • Handling
  • Antriebs- und Sicherheitstechnologie
  • Gebrauchstauglichkeit

Elektroautos werden, statt nach Leistungsfähigkeit und Sparsamkeit, mit bis zu 10 Punkte nach den folgenden Aspekten bewertet:

  • Batterie und Motor
  • Reichweite und Ladegeschwindigkeit



Ein kleiner Ausflug in die Mottenkiste und geschichtsträchtige Autoklischees: Früher, da waren Volvos vor allem dafür bekannt, besonders kantig zu sein. Rollende Quader mit dem Ruf der Stabilität und Sicherheit. Das Nokia-Handy unter den Autos, aus bestem Stahl. Dennoch: das kantige Design hatte viele Fans. Die eckigen Zeiten sind aber längst Geschichte. Heute hat Volvo einen hohen Design-Anspruch, während die Sicherheit nach wie vor eines der prägenden Grundprinzipien der Marke ist. Das Klischee heute: Volvo, das fahren jetzt Architekten und Designer. Vor allem diejenigen, die schon geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt haben. Die Single-Designer schielen vielleicht nach wie vor auf Alfa Romeo. Volvo hat sich zur Premiummarke für stilbewusste Gutverdiener gemausert, die fast schon auf die „Normalos“ der gemeinen BMW- und Mercedes-Fahrer herabschauen können: Viel zu ordinär. Ja, wer heute Volvo fährt, zeigt einen gewissen kosmopolitischen Touch.




Und unser Modell? Passt ins Raster. Kanten? Eher weniger. Schöne Rundungen, sinnliche Linien ... man schaue einfach auf die Linie entlang der C-Säule. Herrlich. Von einem groben Klotz hat der V60 mal so gar nichts mehr.


Eine der schönsten Schulterpartien weit und breit: Der V60 im Profil.



Volvo V60 B3: Motor und Technik


Der Volvo V60 wiegt rund 1,7 Tonnen und wuchs im Vergleich zu seinem Vorgänger fast in allen Bereichen. Die Länge legte um 126 mm auf 4,76 Meter zu, der Radstand um 96 mm auf 2,87 Meter und die Breite um 25mm auf 1,85 Meter. Aber was so schön aussieht und ihm besonders gut steht: Er ist flacher geworden, um 57 mm auf knapp unter 1,43 Meter Höhe. Das sorgt für das gewisse Etwas beim Anblick und einen sportlichen Look. Aber Volvo-typisch immer mit elegantem Understatement. Kein bisschen prollig.  


Der Volvo V60 B3 ist ein Mildhybrid mit einem 2,0-Liter-Vierzylinder Benziner und 163 PS. Der Elektromotor leistet zusätzlich nochmal 14 PS. Die Kraftübertragung übernimmt eine 8-Gang-Wandlerautomatik, die beim B3 mit maximal 265 Newtonmetern klarkommen muss. Der B3 kommt in 9,1 Sekunden auf Tempo 100 und ist natürlich wie alle neuen Volvo bei 180 km/h abgeregelt. Der Tacho läuft noch bis 185 weiter, dann ist Schluss.


Mit der Integration des Mild-Hybrid-Systems sollen sich Effizienz und Wirtschaftlichkeit verbessern. Die technischen Neuerungen umfassen unter anderem auch eine Zylinderabschaltung sowie Verbesserungen, die das Gewicht der Motoren senken. Das Mild-Hybrid-System umfasst einen integrierten riemengetriebenen Starter-Generator (ISG), eine 48-V-Lithium-Ionen-Batterie und ein System zur Bremsenergie-Rückgewinnung.



Volvo V60: Klassisch-elegantes Ambiente im Innenraum


Ich setze mich rein in den Volvo und bekomme gleich gute Laune. Schicke Materialien, ein wunderhübsch designtes Lenkrad, schöne, silberne Knöpfe allerorten. Edles Holz, feines Leder, ein bisschen wie im hochpreisigen Möbelhaus – definitiv nicht Ikea. Alles sieht gut aus, ohne wirklich aufzufallen. Einen besonderen Design-Clue gibt es nicht wirklich. Das passt aber zum ganzen Auto. Sieht gut aus, ohne gewollt auffallen zu müssen.


Edel: Mit viel Schwarz und Klavierlack strahlt das minimalistisch gestaltete Interieur Ruhe aus und kann designtechnisch absolut überzeugen.


Was die Steuerung betrifft, weiß ich sofort, wo alles ist. Übersichtlich sind die Schalter und Knöpfe alle. Zur Klarheit trägt auch die bekannte Volvo-Schriftart bei. Schon sehr lange im Einsatz, sieht sie nach wie vor klar, modern und ansprechend aus.

Im Stand trifft die intuitive Bedienung noch in gewissem Maße auch auf das Infotainment-System zu, das nach wie vor edel aussieht. Während der Fahrt aber wird das Umstellen von einigen Funktion schnell zum Graus. Zu klein ist die Schrift in einigen Menüs, was zu einer großen Ablenkung führt. Das kann nicht im Sinne von Volvo sein, weshalb man in den neusten Modellen nun ein neues, androidbasiertes Infotainment-System nutzt.

Mit dem Sensus Connect-System im Volvo V60 funktioniert die Smartphone-Einbindung lediglich über Kabel. Was positiv auffällt: Hängt mein Handy nicht an der Leine, lädt die induktive Ladefunktion es trotz meiner robusten und relativ dicken Schutzhülle zuverlässig. Das schaffen bei weitem nicht alle.



Auf Tour mit dem Volvo V60 B3


Ich setze den V60 in Bewegung und merke, wie ich mich sofort innerlich entspanne und sich ein Lächeln auf meinem Gesicht breit macht. Das tun Volvos mir immer an. Ich weiß schon jetzt: ich werde nicht rasen. Ich werde mich nicht aufregen. Ich werde einfach grundentspannt reisen. Volvos haben einfach so gar nichts aggressives an sich und das färbt auch auf den Fahrer ab. Das heißt jetzt nicht, dass man zwangsweise in einem BMW das Blinken vergessen und im Audi zum Drängler werden muss. „Das Auto hat mir das gefühlsmäßig vermittelt“, kommt beim Wachtmeister sicher nicht ganz so gut rüber.


Testen muss ich die Beschleunigung des Volvo dennoch: also Gas geben. Eieiei, lassen wir das. Der Benziner heult auf, schön ist das nicht. Etwas angestrengt beschleunigt der Volvo dann in wenig atemberaubendem Tempo. Hätte ich mir sparen können. Eco-Modus rein und cruisen. Viel schöner im V60 B3. Ich sage es ja immer: Volvos sind zum Entspannen da. Und das können Sie wie kaum andere. Ja, im Dynamic-Modus hängt auch der B3 knackig am Gas und das sehr gute 8-Gang-Getriebe ist immer in Hab-Acht-Stellung. Aber was soll das Getue bei 163 PS für 1,7 Tonnen? Auch im Normalmodus hängt er mir teilweise immer noch zu stramm am Gas, überinterpretiert kleine Gas-Stöße in der Stadt gerne. Also gehe ich dazu über, immer im Eco-Modus zu fahren. Für mich der beste und passendste Modus für dieses Fahrzeug. Ruckelfrei, unmerklich und komfortabel nimmt der V60 dann die Beschleunigungswünsche des Fahrers an. Und Kraftreserven sind immer genug da, wenn man mal überholen möchte. Die Automatik funktioniert hervorragend und auch das Fahrwerk bügelt Unebenheiten kompetent weg. Komfortabel, aber immer noch straff genug, um auch in Kurven ohne viel Wank sehr kontrolliert und zügig unterwegs zu sein.



Feine Sache: Volvo Pilot-Assist auf der Langstrecke


Im Eco-Modus cruisend und damit angekommen im Volvo-Wohlfühltempel der Gemütlichkeit, bewege ich den V60 auf die Autobahn. Alle Töne treffen das Ohr des Volvo-Fahrers sehr gedämpft. Wind, Motor, alles klingt gut gedämmt, was das Wohlfühl-Level nochmal steigert. Es herrscht ein entspanntes Klangbild. Beschleunigen bis zur Endgeschwindigkeit geht auch so schnell genug, ohne die Automatik zum wilden Runterschalten zu bewegen, was dann nämlich wieder den Motor – wenn auch gut gedämpft – aufheulen lässt. Muss nicht sein, es stört nur die Atmosphäre. Also Pilot-Assist an und langsam weiter rauf bis auf 140. So lange macht die zuverlässige Fahrhilfe mit. Die Adaptive-Cruise-Control bleibt bis zur Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h aktiv. Positiv fallen auf der Langstrecke die wirklich guten Ledersitze (gut, aber nicht auf XC90-Niveau) auf. Lordosenstütze, ausfahrbare Beinauflage sowie die elektrische Verstellung samt Memory-Funktion kosten 1.170 Euro Aufpreis. Die „normale“ Lederbestuhlung schlägt mit 1.745 Euro zu Buche. Begehrenswerte, belüftete Nappaleder-Sitze kosten 4.104 Euro. Sogar Nackenkissen für 48 Euro sind bestellbar, sehr schön!


Nicht schön sind die Gespräche mit der Navi-Dame. „Ich brauche eine Pause“, sage ich – und Madame antwortet mit „Ich habe folgende Sonderziele gefunden“, gefolgt von einer Aufzählung von Arztadressen. Danke, so schlimm ist es dann noch nicht.


Auch „mir ist warm“ führt nicht zum Erfolg. An dieser Stelle sehe ich ein, dass diese Frau mich einfach nicht verstehen will. Und ich muss bei Autobahntempo auf dem Touchscreen rumtippen, um die Klimaanlage zu verstellen. Optimal ist das nicht.


Nach einer ausgiebigen Fahrt im Drittelmix von Stadt, Land und Autobahn steht ein Verbrauch von 8,1 Litern. Und dabei waren wir auf diesem Sonntagsausflug durch das Münchner Umland alles andere als in Eile. Wie gesagt hatte mir der Volvo ja gefühlsmäßig vermittelt, mich total entspannt und zivilisiert fortzubewegen. Außerdem war ich fast ausschließlich im Eco-Modus unterwegs. Ein brillanter Verbrauchswert sind die 8,1 Liter demnach nicht.


Was leider auch negativ auffällt: Ein immer wiederkehrendes, nerviges Knarzen von der Verkleidung einer Leselampe im Fond. Übertönen konnte ich das Knarzen aber mit der hervorragenden Harman Kardon-Anlage, die für 1.267 Euro Aufpreis zu haben ist. Die scheppert ordentlich und der Subwoofer lässt aus den Boxen im Fußraum das Hosenbein schlackern. Trotzdem: Bei einem Fahrzeug mit gerade einmal 10.000 Kilometern sollte so etwas nicht passieren. Das gilt auch für die Spaltmaße an der Motorhaube, die den Test des kritischen „Alman-Auges“ nicht bestehen.



Volvo V60: Rückbank und Kofferraum


Ordentlich punkten kann der Volvo V60 bei der Praktikabilität. Bei den inneren Maßen kann er fast mit seinem großen Bruder, dem V90 aufnehmen: 18 Zentimeter trennen beide in der Länge (4,76 statt 4,94 m), aber auch im V60 finden groß Gewachsene viel Bein- und Kopffreiheit. Und selbst zu dritt sitzt man hinten noch wirklich gut. Auch beim Kofferraum trennt den V60 nicht allzu viel vom V90: Sein Kofferraum schluckt laut Werksangabe mit 529 Litern nur 31 Liter weniger als der des V90.


Zudem bietet der V60 viele kleine Gimmicks für die Mitreisenden: Eine Armlehne mit Smartphone-Fach sowie ausklappbare Getränkehalter zum Beispiel. Verstaumöglichkeiten an den Vordersitzen und zusätzlich üppig bemessene Fächer in den Türen – hier halt Volvo nicht am falschen Ende gespart – machen Platz für allerlei Krimskrams, den kleine Volvo-Bambinis auf langen Strecken dabei haben. 4-Zonen-Klimaautomatik sowie Sitzheizung im Testwagen vollenden das Premiumangebot für anspruchsvolle Hinterbänkler.


Auch im Kofferraum gibt sich Volvo nicht mit Hausmannskost zufrieden. Netze, Bänder und vor allem der sehr nützliche, aufklappbare „Raumteiler“ halten hier alles an Ort und Stelle.


Zwischen 529 und 1.441 Liter passen in den Kofferraum des V60. Netze und der ausklappbare Raumteiler halten das Gepäck in Schach.


Mit umgeklappter Hinterbank schluckt der V60 1.441 Liter und schlägt damit einen Audi A4 Avant (1.430 L) knapp, muss sich aber hinter Konkurrenten wie dem BMW 3er touring (1.500 L) oder dem T-Modell der C-Klasse (1.510 L) einreihen.



Volvo V60: Die Preise


Ab 37.919 Euro ist der Volvo V60 in der Variante Momentum Core zu haben. Damit bewegt er sich im hochklassigen Umfeld à la Audi A4 Avant, BMW 3er touring oder Mercedes-Benz C-Klasse T-Modell. Der Premiumanspruch also, er manifestiert sich auch im Preis. Zudem lässt sich Volvo die Annehmlichkeiten in Sachen Ausstattung ordentlich entlohnen: Das Panoramadach liegt bei 1.491 Euro, das Head-up-Display bei 1.170 Euro. Beides gibt’s inklusive 4-Zonen-Klima und der Harman Kardon-Anlage auch im Paket für 4.290 Euro. Empfehlenswert, aber teuer. Lenkradheizung sowie Sitzheizung hinten kommen im Winter-Paket für 1.755 Euro und die elektrisch verstellbaren Ledersitze kosten insgesamt 2.815 Euro Aufpreis. Mit noch ein paar mehr Kreuzchen liegt der Testwagenpreis schon bei 58.546 Euro. Und dann hat man noch immer nur ein Mittelklasse-Fahrzeug mit weniger als 170 PS. Wer das Geld aber ausgeben kann und möchte, dem fehlt es letzten Endes an (fast) nichts. Und sie oder er bewegen sich wenn auch ohne sportliche Ambitionen sehr stilvoll und gut aufgehoben über den Asphalt.



Volvo V60 B3: Die technischen Daten:


Fünftürer, fünfsitziger Kombi mit Frontantrieb

Länge/Breite/Höhe: 4.761 mm/1850 mm/1427 mm

Radstand: 2872 mm

Kofferraumvolumen: 529 bis 1.441 Liter

Motor: 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner, 120 kW/163 PS bei 4.800 U/min, maximales Drehmoment: 265 Newtonmeter bei 1.500 U/min,

Motorposition: Frontmotor, quer verbaut

Antrieb: Vorderradantrieb

Getriebe: 8-Gang-Automatikgetriebe

0-100 km/h: 9,1 s

Vmax: 180 km/h

Durchschnittsverbrauch (NEFZ): 6,1 l/100 km

CO2-Ausstoß (NEFZ): 139 g/km

Abgasnorm: Euro 6d

Effizienzklasse: A

Preis: ab 37.919 Euro

Testwagenpreis: 58.546 Euro


Zusatzinformationen:


Testverbrauch: 8,1 Liter

Steuer pro Jahr: 128 Euro

Versicherungsklassen KH/VK/TK: 15/23/22

Wartung: 30.000 km (max. 1 Jahr)

Garantie: 2 Jahre ohne Begrenzung

Arne Roller

02 Dez. 2020