Vorfahrt für Sicherheit: 40 Jahre Airbag und Gurtstraffer in deutschen Autos

Mathias Keiber

03 Dez. 2020

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Ende 1980 stellt Mercedes-Benz die neuesten Sicherheitsfeatures für seine S-Klasse vor: den Fahrer-Airbag und den „Gurtstrammer“ für Fahrer und Beifahrer. Beide Systeme tragen wesentlich zur Verringerung der Verkehrstoten bei.

(Abbildungen: Daimler)


Ende 1980 stellt Mercedes-Benz die neuesten Sicherheitsfeatures für seine S-Klasse vor: den Fahrer-Airbag und den „Gurtstrammer“ für Fahrer und Beifahrer. Beide Systeme tragen wesentlich zur Verringerung der Verkehrstoten bei.


Im Jahr 2020 sind auch die ersten Hinterbänkler Airbag-geschützt: In der neuen S-Klasse gibt es sie endlich, die Airbags für Fond-Passagiere. Es ist erstaunlich, wie lange das gedauert hat. Denn Airbags gibt es schon viele Jahrzehnte. Das erste Auto mit Airbag aus deutscher Produktion war ebenfalls eine S-Klasse – die Baureihe W 126. Vorgestellt wurde das System zum Schutz des Fahrers im Dezember 1980, also vor genau 40 Jahren. Hersteller war die Petri AG aus Aschaffenburg (für Einheimische: „Aschebersch“). Die ersten Airbags kamen jedoch schon in den Siebziger Jahren in Fahrzeugen von General Motors zum Einsatz – auf Betreiben des damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson.


Doch zurück ins Ländle und auf den alten Kontinent: Im Januar und Februar 1981 laufen bereits mehr als 100 Fahrzeuge der S-Klasse mit den neuen Sicherheitssystemen vom Band. Die öffentliche Weltpremiere erfolgt vom 5. bis 15. Februar 1981 auf der Amsterdam International Motor Show; einen Monat später präsentiert Mercedes-Benz den Fahrerairbag und Gurtstraffer auch auf dem Auto-Salon in Genf. Die Kombination aus beiden Systemen ist zunächst ausschließlich für die S-Klasse und die SEC-Coupés erhältlich und kostet als Sonderausstattung 1.525,50 DM.

In den Mercedes-Benz S-Klasse Limousinen und Coupés der Baureihe 126 (1979 bis 1992) führt Mercedes-Benz den Fahrerairbag in Kombination mit dem Gurtstraffer für den Beifahrer in den Serienautomobilbau ein.


Kurze Zeit später sind Airbag und Gurtstraffer in der Baureihe 123 verfügbar, dem meistgebauten Mercedes aller Zeiten, ab 1982 dann als Sonderausstattung für sämtliche Mercedes-Benz-Modelle. Bis zum Jahr 1992 wird der Fahrerairbag Serienausstattung in allen Modellen der Marke. 1994 kommt der Beifahrerairbag als serienmäßiges Sicherheitsmerkmal hinzu.


Der schützende Luftsack entfaltet sich innerhalb weniger Millisekunden vor den Passagieren. Sensoren erkennen besonders kräftige Verzögerungen, wie sie etwa bei einer schweren Frontalkollision auftreten, und lösen die Zündung einer Treibladung aus. Das entstehende Gasgemisch, damals hauptsächlich aus Stickstoff, bläst eine textile Hülle auf – den Airbag. Bestmöglichen Schutz bietet er in Kombination mit dem Sicherheitsgurt, beide zusammen dämpfen die Bewegung des vorschnellenden Oberkörpers.

Erfolgreiche P ionierarbeit: Im Oktober 1971 meldet die damalige Daimler-Benz AG ihr Airbagsystem zum Patent an.


Dem zuvor gehen Mercedes-Benz gut 14 Jahre Entwicklungsarbeit bis zur Serienreife: 1966 greifen die Schwaben die Idee des Münchner Tüftlers Walter Lindner auf, der in den 1950er-Jahren einen „aufblasbaren Behälter in zusammengefaltetem Zustand“ entwickelt, „der sich im Falle der Gefahr automatisch aufbläst“. Die Daimler-Benz AG reicht im Oktober 1971 das entsprechende Patent zur „Aufprallschutzvorrichtung für den Insassen eines Kraftfahrzeugs“ (Patentschrift: DE 21 52 902 C2) ein. Nach rund 250 Unfallversuchen, mehr als 2.500 Tests mit dem Aufprallschlitten und Tausenden Versuchen mit einzelnen Komponenten bringen die Stuttgarter Sicherheitsingenieure den Airbag zur Serienreife.


„SRS Airbag“ – so ist es zunächst auf den Lenkrädern der entsprechend ausgestatteten Mercedes-Benz-Modelle zu lesen. Das Kürzel steht für „Supplemental Restraint System“, übersetzt „zusätzliches Rückhaltesystem“. Denn es ergänzt den Sicherheitsgurt als primäres Rückhaltesystem.

Schutz auch für den Beifahrer: 1987 präsentiert Mercedes-Benz den Beifahrerairbag als Sonderausstattung der S-Klasse der Baureihe 126.


Die Pralltöpfe der Lenkräder fallen stattlich aus, denn sie enthalten noch eine große Stoffhülle: Die ersten Fahrerairbags haben im aufgeblähten Zustand ein Volumen von 60 bis 70 Litern. Analog ist die Entwicklung beim Beifahrerairbag. Als er 1987 auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main vorgestellt wird, nimmt er noch das komplette Handschuhfach ein.


Wie sich automobile Begrifflichkeiten ändern, sieht man am Innovationsbruder des Airbags, dem sogenannten „Gurtstrammer“, der damals noch „Insassen“ zurückhielt und heutzutage in gleicher Funktion als „Gurtstraffer“ die „Passagiere“ schützt. Seite 1984 ist der Gurtstraffer Serienausstattung für die Vordersitze aller Mercedes-Benz-Modelle. Er reagiert auf dasselbe Sensorsignal wie der Fahrerairbag: Auch hier sorgt eine Treibladung binnen weniger Millisekunden dafür, dass der Automatikdreipunktgurt fester anzieht. Der in vielen Fällen vor dem Oberkörper eher locker geführte Gurt wird straffgezogen, oder eben stramm, Fahrer und Beifahrer werden enger an den Sitzflächen gehalten.


1995 werden die Gurtstraffer mit Gurtkraftbegrenzern verbunden; 2002 ergänzen die Ingenieure den pyrotechnischen Gurtstraffer mit dem präventiven Insassenschutzsystem „Pre-Safe“ um eine elektronische Variante. Unterschied zum pyrotechnisch ausgelösten Gurtstraffer: Bleibt die drohende Kollision aus, lockert sich der Gurt wieder.

Schnittbild eines Airbaglenkrads aus dem Jahr 1992.


Airbag, Gurtstraffer und andere Sicherheitsfeatures haben einen Effekt, den das Statistische Bundesamt nachvollziehen kann: Im Jahr 1980 kommen im gesamten deutschen Straßenverkehr (Bundesrepublik und DDR) noch 6.915 Pkw-Passagiere ums Leben, 20 Jahre später sind es nur noch 4.396 Menschen, im Jahr 2019 sind es noch 1.346. Dabei ist zu bedenken: die Menge der Fahrzeuge auf den Straßen nimmt zeitgleich stetig zu.


Da bleibt eigentlich nur noch ein Wunsch: dass die Airbags für Hinterbänkler dann bitte auch noch bei allen Herstellern serienmäßig werden.


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