YesAuto-Interview: Valmet baut drittes Batteriewerk in Deutschland

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Die Valmet Automotive Group ist einer der größten Fahrzeug-Auftragsfertiger der Welt und betreibt seit 2017 die Transformation im Segment Elektromobilität. Yesauto sprach mit Christian Kleinhans, Senior Vice President Group Business Development, über den Wandel.

Neben ihrem klassischen Geschäft treibt Valmet Automotive (VA) jetzt die Elektromobilität durch die Entwicklung und Produktion von Batteriesystemen für Elektrofahrzeuge voran. Doch noch sind Reichweiten und Nachhaltigkeit ein großes Thema. Wie weit, denken Sie, können wir in einem Jahr mit einer Batterieladung maximal fahren?

Diese Entwicklung kann man nicht in Jahresschritten messen und es macht auch nicht wirklich Sinn. Denn: Was nimmt man hierfür als Grundlage? Kompaktwagen und Kleinwagen werden auch in Zukunft mit kleineren Reichweiten auskommen als große Fahrzeuge. Nehmen sie das Jahr 2019: Laut einer Studie von Jato Dynamics erreichten im Jahr 2019 am Markt verfügbare Elektroautos eine Reichweite von durchschnittlich 377 Kilometern. Im ersten Quartal 2020 sank dieser Wert auf 352 km Reichweite. Hat sich die Lage also verschlechtert? Keineswegs: Ursächlich für den Rückgang ist, dass das Angebot an BEVs generell deutlich gewachsen ist und das vor allem bei Fahrzeugen mit mittlerer Reichweite von 200-400 Kilometern.


Worauf führen Sie das zurück?

In der Regel sind das Fahrzeuge, die auch für Normalverdiener erschwinglich sind. Inzwischen liegt der Anteil dieser Fahrzeuge bei über 50 Prozent. Kompaktfahrzeuge mit einer elektrischen Reichweite von 200-400 Kilometern haben bereits heute eine Alltagstauglichkeit vergleichbar der Nutzung konventionell angetriebener Kompaktfahrzeuge. Und natürlich geht die Entwicklung der Reichweiten weiter. Und je stärker E-Fahrzeuge im Mobilitätsalltag ankommen, umso mehr rückt die drängendste aller Fragen in den Mittelpunkt: die nach der Ladeinfrastruktur. Hier stehen wir in Europa – insbesondere in Deutschland und in Süd- und Osteuropa – vor hohen Hürden.


Die Konsumenten gewichten das Thema Nachhaltigkeit immer höher. Wie nachhaltig sind ihre Batterien (Stichwort: Recycling, Lieferkette)?

Nicht nur die Konsumenten gewichten Nachhaltigkeit immer höher, auch bei uns geschieht das seit Längerem – und das auf allen Ebenen und keineswegs nur bezogen auf die Elektromobilität. Bereits im Jahr 2019 hat Valmet Automotive einen Verhaltenskodex für Zulieferer eingeführt, in dem von den Partnern verlangt wird, sich den gemeinsamen Nachhaltigkeitsprinzipien zu verpflichten. Unser klar gesetztes Ziel ist, dass wir bis Ende 2021 unsere Fahrzeuge in Finnland CO2-neutral produzieren.


Ein ambitioniertes Ziel …

Gewiss, aber ein realistisches. Im vergangenen Jahr haben wir die CO2-Emissionen um 70 Prozent reduziert, wobei eine wesentliche Rolle spielt, dass wir die Energieversorgung im Fahrzeugwerk Uusikaupunki komplett auf erneuerbare Energien umgestellt haben. Bis 2024 wollen wir dann die CO2-Neutralität im gesamten Konzern erreichen. In Finnland arbeiten wir in einem Batterie Cluster zusammen mit Politik und anderen Unternehmen daran, nachhaltige Lösungen für das Batterierecycling zu finden und zu entwickeln. Und dass wir in Finnland eine Batteriefabrik direkt in das bestehende Autowerk integrieren, war eine bewusste Entscheidung, um unnötige Transportwege möglichst zu vermeiden. Auch das Batteriewerk Salo ist nur etwa eine Fahrstunde von Uusikaupunki entfernt. Denn es macht überhaupt keinen Sinn und ist auch nicht vermittelbar, auf „grüne“ Mobilität umzustellen, und dann kommt der Strom zum Betrieb der Fahrzeuge aus Kohlekraft oder Kernenergie oder aus nicht nachhaltiger Produktion. Das ist aber allen Beteiligten der Automobilindustrie sehr bewusst. Jedem Zulieferunternehmen ist klar: Werden die Nachhaltigkeitsforderungen der OEM nicht erfüllt oder auch unsere Anforderungen an unsere Lieferanten, gefährdet das massiv die Geschäftsgrundlage.


Die “European Battery Alliance“ schätzt das Marktpotenzial für in Europa produzierte automobile Batterien schon bis Mitte der 2020er-Jahre auf bis zu 250 Milliarden Euro. Wie viel wollen Sie von dem Kuchen?

Es wäre vermessen, wenn wir uns mit den ganz großen Playern am Markt vergleichen wollten. Aber: Unser klar definiertes Ziel ist es, Valmet Automotive als Tier-1-Systemlieferant für Batteriesysteme und -module zu etablieren. Um dieses zu erreichen, haben wir in den letzten vergangenen zwei Jahren die Neuausrichtung des Unternehmens konsequent vorangetrieben.


Wie finden ihre Kunden den Wandel?

Von diesen wird unsere Entwicklung mit großem Interesse verfolgt und positiv bewertet. Kürzlich wurden wir von einem führenden OEM als Tier-1-Systemlieferant für ein Batterieprogramm nominiert. Diese Nominierung umfasst die komplette Entwicklung sowie die Montage des Batteriepacks inklusive der Produktion der Zellmodule. Unser Ziel ist, den Nettoumsatz der VA-Gruppe von 494 Mio. (2020) auf mehr als 1 Mrd. Euro zu steigern und profitabel zu wachsen. Das mag angesichts der schwierigen Zeiten in der Automobilindustrie etwas überambitioniert klingen. Aber: Wir reden nicht über Visionen, sondern vielfach über Aufträge in unseren Büchern.

Christian Kleinhans, bei Valmet für die Geschäftsentwicklung zuständig. (Fotos: Valmet)


Die nächste Antriebsstufe wird im Brennstoffzellensektor gezündet. Wie lange wird es aus ihrer Sicht dauern, bis diese Technologie das "klassische" E-Auto ablöst?

Dazu muss das Elektroauto mit der Lithium-Ionen-Technologie erst einmal zum Mainstream werden. Es ist ja keineswegs so, dass sich das Elektroauto bereits in der Breite durchgesetzt hat. Aber das wird definitiv kommen. Ich gehe davon aus, dass die E-Mobilität in der Fahrzeugtechnik nicht mehr zurückzudrehen ist. Wir werden bis zum Jahr 2030 und folgend alle Fahrzeuge elektrifiziert haben. Die Transformation vom Verbrenner zum Elektrofahrzeug ist in vollem Gange. Der nächste Schritt zur Brennstoffzelle wird dann eher Evolution als Revolution sein. Die jetzige Elektromobilität und die Brennstoffzelle sind kein Widerspruch. Auch für die Brennstoffzelle braucht man eine Batterie und man braucht einen Elektromotor als Antrieb. Noch ist die Brennstoffzelle zu teuer für die Anwendung in der individuellen Mobilität und auch in der Bereitstellung zu CO2 aufwendig. Interessant ist die Nutzung bei den Nutzfahrzeugen, weil dort umgekehrt ein „klassischer“ E-Antrieb nur schwer zu realisieren ist. In Summe sehe ich hier eine Parallelentwicklung auf viele Jahre hinaus, die genügend Raum für beide Lösungen lässt.


Europa und vor allem Deutschland hat große Pläne und will die Übermacht der asiatischen Hersteller brechen. Wie stehen die Chancen?

Für mich stellt sich derzeit nicht die Frage, wie wir die Übermacht der asiatischen Hersteller brechen, denn zunächst müssen wir es schaffen, den Rückstand gegenüber den asiatischen Herstellern aufzuholen. Nehmen Sie die Batteriezelle, auf die ein ganz wesentlicher Anteil der Wertschöpfung in der Elektromobilität entfällt: Stand heute gibt es keinen europäischen Hersteller, der in der Zellfertigung eine relevante Rolle spielt. Daher verbietet es sich nahezu, von einem Brechen der Vormachtstellung asiatischer Hersteller zu sprechen. Stattdessen sollten Industrie und Politik alle Anstrengungen aufbringen, um den Anschluss wiederherzustellen.


Können Sie uns Modelle nennen, in denen die Batterie von Valmet Automotive verbaut ist?

Aktuell produzieren wir die PHEV-Versionen von Mercedes-Benz GLC und Mercedes-Benz A-Klasse, und mit zwei weiteren Premiummarken sind Verträge über die Produktion von Batteriesystemen geschlossen. Um das Auftragsvolumen zu bedienen, bauen wir in Uusikaupunki gerade unser zweites Batteriewerk, zudem wird das bestehende Batteriewerk in Salo erweitert. Und erst vor wenigen Tagen haben wir bekannt gegeben, in Kirchardt, Deutschland, eine weitere Batteriefertigung aufzubauen.


In welche Richtung wird sich die Umsatzaufteilung ihrer Geschäftsbereiche entwickeln?

In der Vergangenheit war die Fahrzeugfertigung in Uusikaupunki dominant und hat einen Großteil des Umsatzes getragen. Um das Unternehmen unabhängiger vom eher volatilen Geschäft der Fahrzeugauftragsfertigung zu machen, haben wir die Entscheidung getroffen, Valmet Automotive zum Tier-1 Lieferanten für Batteriesysteme zu entwickeln und EV Systems zum zweiten großen Standbein der Gruppe aufzubauen. Zudem sind wir inzwischen in unseren drei Geschäftsbereichen Manufacturing, EV Systems und Roof & Kinematic Systems bereit für EV-Lösungen – bei Roof & Kinematics beispielsweise in der Entwicklung und Fertigung kinematischer und aeroeffizienter Systeme. Wesentlicher Wachstumstreiber wird unser Geschäftsbereich EV Systems, mit dem wir mittelfristig ein Umsatzvolumen wie in der Fahrzeugfertigung erreichen wollen oder gar darüber.


Das hört sich nach einer starken Dynamik an. Wie sehen die nächsten Schritte im Expansionsplan aus?

Um unserer Ziele zu erreichen und die hohe Nachfrage seitens unserer Kunden zu bedienen, investieren wir erheblich. Aktuell rekrutieren wir 1.000 neue Mitarbeiter für unsere finnischen Standorte in Uusikaupunki und Salo, zudem bauen wir ein Batteriewerk in Kirchardt/Deutschland. Bereits Anfang 2022 soll dort die Vorserienfertigung anlaufen. Kirchardt ist dann nach Salo und Uusikaupunki unser drittes Werk zur Fertigung von Batteriesystemen.



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